Nutzer, die Facebook kritisieren, haben recht – und sind Heuchler

Der Konzern zensiert ein Kriegsfoto, aber nur wir geben ihm die Macht dazu.
Kommentar von Christina Waechter
Bild: ap/Cornelius Poppe

Espen Egil Hansen ist Chefredakteur der norwegischen Zeitung Aftenposten – und seit gestern auch über die Landesgrenzen hinweg berühmt. Denn er hat einen offenen Brief an Mark Zuckerberg geschrieben, nachdem Facebook das berühmteste Bild des Vietnamkriegs auf der Seite eines seiner Redakteure gelöscht hatte. Mit der Begründung, dass das Mädchen, Kim Phuc, auf dem Bild nackt ist. Als dieser sich darüber beschwerte, wurde sein Account gesperrt. 

Und als ob es noch nicht irrwitzig genug ist, dass Facebook offenbar keinen Unterschied erkennen kann zwischen Kinderpornografie und einem der berühmtesten Kriegsfotos der Welt, hat das Unternehmen auch noch Facebook-Accounts von Menschen gelöscht, die diese Entscheidung kritisch kommentierten. Ohne weitere Diskussion.

Damit das klar ist: Das ist in keiner Weise nachvollziehbar. Vielmehr ist es ein Zeichen dafür, dass die Instrumente, die Facebook für die Löschung von kritischen Inhalten anwendet, und die Menschen, die diese Instrumente anwenden, offenbar zu stumpf oder uninteressiert sind, in solchen extrem delikaten Situationen die richtige Entscheidung zu treffen. Ebenso wirkt es wie überhebliches Kalkül, dass man als Mensch, der berechtigte Kritik an Entscheidungen von Facebook hat, kaum eine Chance hat, mit jemanden dort in Kontakt zu treten, der einem die Entscheidung noch einmal erklärt oder gar zu einer Diskussion bereit wäre. Da zeigt sich die Macht dieses Sozialen Netzwerkes. Überdeutlich.

 

Ja, Facebook ist zu einer der wichtigsten Content-Wiedergabemaschinen geworden. Ja, Facebook ist der Platz, an dem die allermeisten Menschen den ganzen Tag über anzutreffen sind. Und ja, Facebook hat Macht und übt sie auf eine sehr undurchsichtige Art aus.

 

Das zeigt sich auch im Alltag. Unter anderem an den geheimnisvollen Facebook-Algorithmen: Kein Mensch weiß, warum welche Beiträge seiner Freunde in welcher Reihenfolge gezeigt werden. Und warum manche Meldungen unterdrückt werden und andere nicht.

 

Dafür weiß jeder, wenn er es sich denn nur mal wieder vergegenwärtigt, woher dieser Algorithmus seine Informationen hat. Von uns nämlich. Aus unseren Voreinstellungen. Aus den Dingen, die wir dort teilen. Aus denen, die wir liken. Aus denen, die wir dort anklicken.

 

Diese Informationen führen dazu, dass wir uns im geschlossenen System von Facebook in einer Filterblase befindet, aus der wir manchmal kaum mehr herausfinden und – was eigentlich noch viel gruseliger ist: in die ganz viele Themen gar nicht mehr hineinfinden.

 

Facebook schafft schließlich nichts selbst. Das Netzwerk lebt ausschließlich von den Inhalten, die User einstellen. Deshalb ist die Macht, die Hansen kritisiert, nur solange da, wie wir sie dem Konzern gewähren. Und damit ist die Aufregung, die sich seit Hansens Brief um diesen Umstand ergeben hat, mindestens daneben. Eher aber heuchlerisch.

 

Niemand zwingt irgendjemanden, seine News ausschließlich über den Facebook-Feed aufzunehmen. Die Tatsache, dass wir uns zu großen Teilen unsere Nachrichten nur noch aus Facebook holen, ist alleine unsere Entscheidung. Unsere. Entscheidung.

 

Es gibt unendlich viele alternative Angebote, es gibt Nachrichten-Websites, Blogs, sogar echte, gedruckte Zeitungen (noch!) die einen Mini-Klick entfernt (oder beim Kiosk) darauf warten, gelesen zu werden.

 

Wir unterwerfen uns freiwillig der Agenda eines Konzerns

 

Wem das zu anstrengend ist, wer der Meinung ist, er sei ausreichend über das Weltgeschehen informiert, wenn er sich einmal durch seine Timeline scrollt, der unterwirft sich freiwillig der Agenda eines Konzerns, der sich an keinen Presse- oder sonstigen Kodex halten muss. Man kann das schon tun – und die meisten Menschen unserer Generation werden das weiterhin freiwillig tun, da muss man sich keiner Illusion hingeben. Weil sie zu faul sind.

 

Und daher ist es auch nicht verwunderlich (aber selbstverständlich auch Teil des Problems), dass Medienhäuser alles versuchen, diese „Lost Generation“ dort abzuholen, wo sie sind. Eben auf Facebook.

 

Jetzt wie Espen Egil Hansen zu behaupten, dass Mark Zuckerberg im Alleingang ein Hauptstandbein der Demokratie – die Pressefreiheit –  vernichtet, hat damit zwar einen wahren Kern. Wer so redet, vergisst aber, dass er einen Zustand kritisiert, den er selbst mitgeschaffen hat. Und jeden Tag aufrechterhält.

 

Dieser Vorfall zeigt schließlich nur einmal mehr, dass Facebook noch nie der richtige Ort war, sich umfassend und aufgeklärt zu informieren. Aber das dürfte eigentlich schon zu Farmville-Zeiten klar gewesen sein. 

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