Brauchen wir einen Nachlass?

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Da liegen sie im neuen Literaturmuseum in Marbach: Dokumente, Schriftstücke oder persönliche Gegenstände von großen Autoren. Sie haben vor ihrem Tod ihre Nachlässe an das Literaturarchiv in Marbach gegeben. Sollten sich auch Nicht-Schriftsteller-Menschen einen Nachlass anlegen? (Foto: dpa) Pro Hinterlassen Es gibt da diese Blechkiste, flach und abgegriffen, die tief unten in meinem Schreibtisch liegt, in einem Planquadrat meines Zimmers, das von jedem noch so ambitioniertem Aufräumen verschont bleibt. In der Blechkiste sind Fotos, ganz kleine schwarzweiße Aufnahmen mit Zopfmädchen und Lederhosenjungen und einem lachenden jungen Mann mit Hakenkreuz am Arm. Der junge Mann war mein Opa, er liegt seit ein paar Jahren in einem Hügel über der Stadt, in der er lebte. Von dem Hakenkreuz hat er nie gesprochen, er hat überhaupt wenig gesprochen. Solange ich mich erinnern kann, saß er in seinem Sessel vor dem Fernseher und machte Witze mit den Namen der Nachrichtensprecher. Die Kiste mit den Fotos, in der auch noch ein paar verbeulte Orden, eine kaputte billige Uhr und eine Stocknagel liegen, habe ich gerettet, kurz bevor seine Wohnung von irgendwelchen Nachbarverwandten innerhalb weniger Stunden dem Sperrmüll preisgegeben wurde: Sessel, Fernseher, Bücher - sein ganzes kleines Leben wurde mit dem Mülllaster abgeholt. Der Gedanke daran tut mir immer noch weh, deswegen bin froh um die Blechkiste und die paar Erinnerungen, die ich noch an ihn habe, und die pflege ich gegen das Vergessen wie einen Garten gegen das Verwildern. Auch wenn ich mich nie besonders für Familie interessiert habe, möchte ich schon wissen, woher ich komme und dieses Wissen vielleicht auch später mal weitergeben, bevor mich der Müllaster holt. Und das geht nun mal nur, wenn man Sachen aufhebt und Fotos zeigt und Erinnerungen wiederfindet. Was nicht aufgehoben wird, wird vergessen. Ich kaufe aber auf Flohmärkten auch alte Hochzeitsbilder, auf denen ganz fremde Menschen vergilbt lächeln oder alte Werkzeuge mit Holzgriffen, die von sehr vielen Berührungen ganz glatt geschliffen sind. Mir kommt vor, als wäre in diesen Dingen irgendwas, das man nicht wegwerfen darf – Geschichte und Geschichten, vielleicht. Ich sammle dieses Zeug, nicht akribisch, nicht chronologisch, sondern einfach nur so. Und dadurch, dass ich es finde und in meine Wohnung oder meinen Kopf stelle, gehört es zu mir. Es beeinflusst mich und ich beeinflusse die Welt und alles ist gleichzeitig Gegenwart und Geschichte und ich will und werde diese Sachen hinterlassen und wenn dann nur ein bisschen mehr als die kleine Blechbüchse nicht in den Sperrmüll wandert, sondern in ein anderes Leben, geht es weiter. Autor: Max Scharnigg Contra Hinterlassen Ich war ein Zettelsammler, Programmankündigungsmitnehmer und Quittungen-wer-weiß-für-was-sie-gut-sind-Aufheber. In meinen ersten Urlauben habe ich Bücher angelegt, in die ich die gesamten Schnipsel des Tages klebte. Paris zum Beispiel, die Metro-Karte, der Kassenbon, auf dem der Name des ersten selbstgekauften französischen Käses samt Franc-Angabe stand, die Eintrittskarte, logisch, zum Eiffelturm-Aufzug. Aktionstechnisch war das Nahe an der Dokumentationsmanie, frei nach dem Motto: Ich lebe nur, wenn ich es auch beweisen kann. Zu der Zeit war ich 16 Jahre und es machte mich stolz, mich belegen zu können. Heute fahre ich mir manchmal mit der Hand in den Nacken und grüble, ob das nicht typisch Pubertät ist, sich Existenzgründe einzusammeln. Jeden Brief hob ich auf, in Schuhkartons gelegt, jede Karte – was habe ich Postkarten geschrieben! – jeden Geburtstagsgruß, den mir Freunde oder meine Freundin schickten, in die Hand drückten oder gar feierlich überreichten. Jedes Scheissgeschenk (ja, ich hatte auch Bekanntschaften, die mich mit Diddel-Accessoires versorgten) habe ich aufgehoben. Sie waren mir Erinnerung, Seelenbalsam und Bestätigung: „Du lebst! Gibt da schon ein paar Leute, die dich mögen. Haben Dir doch auch welche was geschickt, geschenkt, an Dich gedacht.“ Beim Auszug von Zuhause, wirklich, hatte ich alle Alben im Gepäck, die wichtigsten Briefe. Es war, als würde ich meine Wurzeln in die erste eigene Wohnung schleifen. Oder vielmehr: Den Baumstamm, an dem ich mich anlehnen kann, wenn mir alle bös` wollen sollten. Meine gesammelten Lebensdevotionalien waren mir Trost und Rückhalt zugleich. Dabei: Ich habe sie nie berührt, nie gelesen. Nie. Sie blieben immer da aber verstaut. Ich stellte fest: Konzertkarten (darunter, sorry, „Pur“ aus dem Jahre 1988!), Kassenbons (Käse, 1995, Paris), das „Ich hab dich sooooo lieb!“ (in einem frühen Brief) – alles lagernd, nie wieder beschaut. Dann zog ich wieder um und ich sortierte weiter aus, warf weg. Warf beim Zusammenkramen meiner Dinge mit Genuss weg! Lebensschlacke, dachte ich. Meine Zimmerdeko wurde karger, ich schaffte es irgendwann, meine gesamte Habe in meinem kleinen Auto zu verstauen. Kurze Zeit hatte ich noch mir „wichtige“ SMS ins Handyarchiv geparkt. Dann aber, Anfall, alles gelöscht. Erst nach und nach wurde mir bewusst, dass ich mir keinen Film zweimal ansehen kann, kein Theaterstück, ich schwelge nie wintersonntagabends bei Tee und Kerzenschein zwischen alten Fotografien. Vergangenheitsmaterial, die Erkenntnis, ist nichts für mich, ich bin ein Einmal-Erleber, ich muss nichts hinterlassen. Für die Gespräche mit Freunden über "früher" genügen mir die Bilder in meinem Kopf. Die nämlich (Vorsicht, Pathos!): leben. Autor: Peter Wagner

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