Braucht die Welt den Debütroman von Moritz von Uslar?

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"Uslar - Stusslar!", meint max-scharnigg Der interessante Journalist Moritz von Uslar hat also einen Roman geschrieben. Genau wie die interessanten Journalisten Benjamin von Stuckrad-Barre, Florian Illies, Christian Kracht, Eckhart Nickel, Rebecca Casati und so, auch. Die waren nur etwas früher dran. Und auf Uslar hat man sich wieder etwas mehr gefreut, weil er vorher so hübsche Theaterstücke abgeliefert hatte und auch sonst einer ist, von dem man denkt, er wäre noch mal anders, als die. So ist es also eher enttäuschte Erwartung, wenn nun sein „Waldstein“ genau in die Zugfahrt München - Stuttgart passt und nicht mehr macht als, Gott ja, slightly entertainen. Aber eben nicht: umdrehen, aufreißen, anpissen, funkeln.

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Illustration: Julia Schubert

Das Schlimme ist, dass man sich beinahe gar nicht mehr bemüht, im Kopf an einen Roman mit Anfang, Inhalt und Ende zu denken, sondern nur noch die Seiten checkt, nach pointierten Beobachtungen, geiler Glamsyntax, typischem Uslar-Wording. Davon ist einiges und wirklich Hübsches zu finden. Was sich jenseits dieser Vokabluar-Eumelei an Handlung tut, steht auf dem Klappendeckel: Typ Anfang dreißig, beendete Beziehung, Großstadt. Also wieder gar nichts mit Erzählen, also wieder nur Stylekritik und Kritikstyle, wie in „Soloalbum“ vor acht Jahren schon perfekt durchexerziert. Nur eben in Berlin 2005, mit etwas weniger guter Laune. Auch in „Waldstein“ ist der Protagonist Gieseking Medienschaffender, professioneller Ironisierer und Einschätzer, der sich nicht entscheiden kann, ob sein Leben selbst die größte Farce ist oder doch eher das Leben all der anderen Idioten. Auch hier ist er gerade am Ende einer Beziehung, zelebriert das Alleinsein mit den handelsüblichen Programmpunkten: Anrufen oder nicht, Abstürzen oder nicht, Angreifen oder nicht - alles schon bei KiWi bis zur Erschöpfung studiert, genau wie die anderen Aspektchen: Das super Rumhäng-Leben mit Konto-Minus (wie in „Tristesse Royale“(2001) analysiert), das Freunde-Ding (1. der Superkumpel, 2. der mit Kindern und 3. der Abgestürzte), Nachtleben, Sex und Drogen, garniert mit dezenter Markenwahrnehmung und Pupsmelancholie. Und wie man annehmen muss: versehen mit autobiographischem Fundament. Während der ersten Episode, in welcher der Protagonist auf dem Land die Trennung von seiner Freundin fabriziert, schafft Uslar noch einen weichen, fast Walser-artigen Erzählton, dem man viel abnimmt. In Berlin dann nur noch: Stakkato-Stil, Assoziativ-Gewichse, Cut-Up-Nachtleben inklusive finalem, ätherischem Aufgehen in Musik, die ja das einzig Gute überhaupt ist. Siehe Soloalbum. Hingerotzt sympathisch zwar, aber wohl nur, wie bereits im Roman angedeutet: Weil der Verlag endlich Gegenleistung für seinen Vorschuss forderte. Weil das verdammte Buch, ja motherfucking-irgendwie fertig werden musste. Ist es nun die Schuld des Lesers, dass er all das bereits (ja auch schon bei Goetz, Keun, Fauser, Plath) gelesen hat? Ist es die Schuld des Autors, weil er dem Verlag nicht rechtzeitig sagte: Da ist nichts, da kommt nicht genug, hört auf mit Geld zu winken? Oder ist es nur die Schuld unserer Zeit, dass sie keine anderen Geschichten mehr hervorbringt, als die vom seelenlosen Wandern zwischen den Oberflächen? Tendiere zu Letzterem, deswegen wohl doch: Sieg nach Punkten für Uslar.max-scharnigg "Uslar - muss ja!", findet christoph-koch Popliteratur – das schale Genre ist zum Totschlagargument geworden. Nicht mal mit der Kochpinzette aus WMF-Edelstahl wollen hippe junge Menschen das mehr anfassen, was sie einst auf den „Livealbum“-Lesetouren noch liebten. Dabei ist „Waldstein oder Der Tod des Walter Gieseking am 6. Juni 2005“ zu keinem Zeitpunkt Popliteratur. Sondern benutzt sie allenfalls als Zitat. Das Bild von einem Bild von einem „Phosphoralbum am Pool“. Natürlich wird an manchen Stellen noch über Modelabels und Designer (Margiela, Raf Simons) gefachsimpelt. Aber das dient nicht mehr dem Distinktionsgewinn einer Tristesse-Royal-Gang, sondern als Hilfsmittel für eine präzisestmögliche Grenzziehung zwischen dem erwachsenen Leben auf dem Landsitz Waldstein und der ewigen Nachtleben-Jugendlichkeit in der Milchschaumhölle Berlin-Mitte. „Es ging, während sie so über die Kunst des Spike Jonze stritten – was sie ja gerade nicht taten, weil sie gerade nicht miteinander sprachen –, um nicht viel weniger als die Frage, ob sie Kinder miteinander haben wollten oder nicht. Natürlich ging es darum. Um was sollte es bitte sonst gehen“. Klar, eigentlich will man auch darüber – über Ausgehen, und die richtigen Jeans/Turnschuhe/Regisseure etc. – nichts mehr lesen. Und das kollektive Sichlustigmachen über Kaffeebars ist zum Häschenwitz der Nullerjahre geworden. Und an Handlung hat der Roman auch nicht viel vorzuweisen. Aber Uslars Sprache (auch sie an manchen Stellen als anachronistisches Zitat eingesetzt) macht ihn dennoch zu einem Erlebnis. Originell, jedes eigene Klischee sofort wieder hinterfragend, kraftvoll und mit einem enormen Gespür für Sprachrhythmus und Tempo treibt einen der Autor in wenigen Stunden durch den Roman – was in Zeiten, in denen eh niemand mehr Zeit hat, Bücher zu lesen, auch was wert ist. Moritz von Uslar – Journalistenikone, 100-Fragen-Erfinder und neuerdings vom Spiegel eingekauft um dessen Kulturteil wachzurütteln – spielt in seinem Buch wie schon Bret Easton Ellis in „Lunar Park“ mit der Frage der Biographie-Echtheit. Gieseking verfasst als Journalist teilweise dieselben Texte wie Uslar, ist in Berlin-Mitte und München Zuhause und trifft Leute, von denen man schnell merkt, dass sie realen Personen aus Uslars Leben entlehnt sind. Big deal. Doch das ist egal, denn „Waldstein“ ist kein Schlüsselroman. Sondern ein Buch über die Weigerung unserer Gesellschaft, erwachsen zu werden, über Männerfreundschaft und die leidigen Fragen, was nach Pop kommt und ob Sex nun das Wichtigste oder das Unwichtigste auf der Welt ist. Moritz von Uslar schafft es, auf nahezu jeder einzelnen der 192 Seiten eine Formulierung unterzubringen, über die man sich kurz freut, die man sich anstreicht, oder die man bei nächster Gelegenheit klaut. SMS-Nachrichten mit dem Wortlaut „Achtung. Kurze Wichspause. Habe Waffeln gebacken. Bock?“ – so was halt. Aber er packt es gleichzeitig auch, mehr Denkansätze zu formulieren als viele Feuilletons in einem ganzen Jahr. „Waldstein oder Der Tod des Walter Gieseking am 6. Juni 2005“ ist deshalb zusammen mit Weidermanns „Lichtjahre“ das wichtigste deutsche Buch des Frühjahrs.

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