Bush-Tochter bei Radiohead - wie politisch kann Pop noch sein?

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a) Geehrt b) Amüsiert c) Irritiert d) Fragen, ob sie ein Ticket hatte e) Nachträglich aus moralischen Gründen protestieren f) Sie noch einmal fragen, ob sie wirklich ein Ticket hatte und in Frage stellen, ob es das ist, worum es bei unseren Gigs geht g) Der Tochter nicht die Schuld für den Vater geben h) Die Klappe halten und lächeln In der Tat eine schwierige Frage. Was bedeutet es, wenn Leute, die man latent unsympathisch findet, plötzlich dieselbe Musik mögen wie man selbst? Taugt Musik noch zur Abgrenzung gegen weltanschaulich Andersdenkende? Ist Pop immer politisch? Oder eben doch nur Musik, zu der jeder mit dem Kopf nicken kann, der zwei funktionierende Ohren hat? Ein Fall für Zwei. Wer geht schon noch auf ein Radiohead-Konzert?, fragt max-scharnigg

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Das Problem ist der Konsens. Das ist eine These, nahezu eine Phrase, aus den neunziger Jahren, einer Zeit in der die Distinktion und ultracoole Selbstreflexion der Gesellschaft ihren dekadenten Höhepunkt erreichte. Alles, was der popliterarisch getunte Konsument kaufte, hörte oder trug, war Statement, Expertise, Abzeichen. Early Adopter zu sein war Pflicht, am besten in allen Kulturbereichen und fast noch wichtiger war es, definieren zu können, wann genau der entdeckte heiße Scheiß das äußerst unsichtbare Geheimtipp-Ghetto verließ und von der hässlichen Masse geschluckt wurde. Wann man sich also abzuwenden hatte. Gerade die Popmusik wurde dabei zu einem Schlachtfeld, auf dem sich der Frontverlauf schneller änderte, als die WOM-Verkäufer die Platten der diskutierten Bands einsortieren konnten. Die freilich dort, bei WOM, schon wieder nahe am Abgrund des kommerziellen und ideologischen Ausverkaufs standen. Worum ging es damals jenen, die ihre Plattensammlungen und Bandkenntnisse wie Orden trugen und die bestimmten, dass etwa die Band Air schon kurz nach ihrem furiosen Erscheinen nur noch Kaufhausfluren würdig war? Es ging (und geht) ihnen um eine Angst, die aus einer einfachen Annahme entsteht: Wenn der BWL-Spiesser, der Fitnessclub-Besitzer, George Bush, der Mallorca-Bierbauch und jeder andere Uncoolist die gleiche Musik hört, wie man selber, wäre es ja auch denkbar, dass man sonst einiges mit ihm gemein hätte. Und das möchte man nicht. Man möchte eigentlich nicht mal beim selben Bäcker wie der einkaufen. Und eben schon gar nicht Emotionsgüter wie Musik mit ihm teilen. Weil es die ganze lang erarbeitete Insider-Kulisse einstürzen lassen würde und die Mühe lächerlich gemacht hätte, mit der dieser verquaste Lebenssinn einherging, dieses anstrengende Sammeln rarer Fanzines und das ewige Aufnehmen ausgetüftelter Kassetten mit Tophits, die niemand kennt. Hatte man einmal damit angefangen, sich vom Goldkettchen-Tschakko abzugrenzen, musste man unheimlich am Ball bleiben, sonst hieß es: Hallo Lebenslüge! Das Ganze weichte mit Anfang dieses Jahrtausends etwas auf, der globale Individualismus erhob sich über die fortwährende ironische Selbstreflexion und Kategorisierung, etwa eines Nick Hornby. Immer mehr Leute machten, was sie wollten, und immer weniger fanden sich auf der anderen Seite bereit, das zu katalogisieren, zu schmähen und ihren eigenen Lebenskurs daran abzugleichen. Der Satz „Ich habe Karten fürs Wir sind Helden-Konzert“ konnte 2005 ja nicht nur von nahezu allen Gesellschaftsteilnehmern stammen, es wollte sich auch kaum ein Volljähriger mehr finden, der daran Anstoß nahm, deswegen seinen Freundeskreis nachjustieren mochte oder verächtlich die Augenbrauen hochzog. Man wünscht viel Spaß, trägt auf seinem iPod Hiphop, Oliver Pocher, Air und My Bloody Valentine spazieren, mit Vans an den Füßen, Lacoste-Polohemd am Körper und mit einem Religionsmix aus Kabalaa und „Papstmögen“ im Kopf. Alles ist möglich, das popintellektuelle Kastensystem ist abgeschafft, anything goes und alles (vor allem alte Hippies und ihre Kinder) jubelt. Wer heute im Internet eine Plattenrezenion mit Kommentarfunktion postet, hat sich innerhalb kurzer Zeit die genaue Gegenmeinung und vier unterschiedlich gefärbte Stellungnahmen eingefangen. Und dann stehen eben irgendwann die Bush-Sisters bei Radiohead und zwar ganz einfach weil sie - anything goes – überhaupt kein Widerspruch sehen zwischen erzkonservativer Erziehung und liberal-avantgardistischer Popmusik. Das ist schade, aber das ist ein Zeichen der Zeit und alle, die sich daran stören oder darüber grübeln, zum Beispiel Thom Yorke, sind nun mal Geistespflanzen der neunziger Jahre. Einer Zeit, in der es noch möglich war, dass auf einem Konzert ausschließlich tolle Menschen zusammen kamen. Als das Schubladendenken nicht nur „total unfair Andersdenkende ausgegrenzt“ hat, sondern eben auch total fair, ganz schnell und problemlos diejenigen vereinte, die die richtigen Orden am richtigen Revers trugen und die sich liebten und verstanden. Hat auch was für sich. Und ein bisschen Abgrenzung könnte heute gelegentlich nicht schaden - allerdings natürlich nicht am Radiohead>-Konzert, da ist es ja schon völlig wurscht. Wer geht denn schließlich heute noch auf ein Radiohead-Konzert? Alle dürfen alles hören – sagt christoph-koch

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

„It’s not the band I hate, it’s their fans“ sang die kanadische Gruppe Sloan in ihrem Song “Coax Me” und beschrieb damit perfekt jenes Gefühl, das einen manchmal auf Konzerten ereilt: Den Wunsch, bestimmen zu dürfen, wer bestimmte Musik hören darf und wer nicht – bloß weil man diese Musik vielleicht einen Tick früher gehört hat als die breite Masse. Richtig klug war dieser Wunsch nie, seit Postmoderne, Internet und so weiter ist er jedoch endgültig over. Den elitären Status, den jede Nischenmusik jenseits des Mainstream einmal mit sich brachte – sei es Jazz, EBM, Psychobilly oder Drum&Bass - speiste sich zumindest teilweise aus den Schwierigkeiten, die man auf sich nehmen musste, um die Musik zu hören. Man musste Clubs in schlechten Gegenden aufsuchen, muffige Plattenladen-Keller durchwühlen, die richtigen Leute kennen. Heute reicht es, einmal den richtigen Bandnamen aufzuschnappen und man kann sich nicht nur sofort von ausführlichen Hintergrundinfos bis zum musikalischen Gesamtwerks als MP3 alles Notwendige im Internet besorgen, sondern über die ähnliche-Künstler-Funktion „dies wird ihnen auch gefallen“ auch an einem gemütlichen Sonntagvormittag per Mausklick die komplette Hiphop-Historie zum Angeben auf den Rechner ziehen. Dass sie dann dort liegt, bedeutet folglich – nichts mehr. Wer sich mit jemandem anfreundet, nur weil die CD-Sammlung stimmig erscheint, beweist also nicht Geschmack und Kennerschaft, sondern vor allem Kurzsichtigkeit. Und wer einen herzensguten Menschen allein deshalb verschmäht, weil dieser sich nur CDs von Madonna, Robbie Williams und Kylie Minogue kauft („die meisten hab ich eh geschenkt bekommen“), macht einen Fehler und sein eigenes Leben ärmer. Doch es geht gar nicht nur um cool oder uncool. Sondern auch darum, dass Musik weit weniger Inhalt transportiert als gedacht. „Die machen doch voll kritische Lieder gegen ihren Papa!“, denken sich manche Radiohead-Fans empört, „Wie kann die Bush-Tochter da in der ersten Reihe ausflippen?“. Und vergessen dabei, dass bei einer Straßenumfrage zur Bedeutung des Radiohead-Albumtitels „Hail To The Thief“ drei Antworten zu erwarten sind: „Radio…was?“ (99 Prozent), „Äh, geht’s um einen Juwelendieb?“ (0,995 Prozent) und „Darin prangert die Band die gestohlenen Wahlstimmen an, mit denen Bush Präsident wurde“ (0,005 Prozent). Ist doch schön, wenn im Weißen Haus auch mal Bush-kritische Musik aus den Zimmern der trinkenden Präsidententöchter dröhnt. Und wenn der Doofmann aus der Parallelklasse Wir Sind Helden hört, statt Böhse Onkelz ist das vielleicht schon mal ein erster kleiner Schritt weg von der Doofheit. Andererseits sollt klar sein, dass es piepegal ist, ob der Nachbar seine Frau zu Klängen von Rammstein oder Röyksopp verprügelt. Und wer glaubt, dass es letzteres nicht geben kann, lebt – Obacht! Doppelter Wortsinn! – in Lala-Land. Pop und die gleichnamige Musik taugen nicht mehr als Signifikant für Einstellungen, Wertesysteme, Meinungen. Der Punk mit dem schwarz-rot-gold gefärbten Echthaar-Iro, der heute Mittag an mir vorbeiradelte, sei mein Zeuge! Ach so, und die Antwort auf die obige Multiple-Choice-Frage sollte sowieso klar sein: Wenn man Thom Yorke ist – immer, immer, immer h) Illu:dirk-schmidt

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