Darf man seinem Partner Klamotten schenken?

Eine Bluse für die Freundin, Schuhe für den Freund - sollte man seinen Liebsten wirklich etwas zum Anziehen schenken? Ein Fall für zwei.
nadja-schlueter

Niemals!
sagt Nadja.

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Illustration: Julia Schubert



Dem Kleidungsstück als Geschenk haften ungute Erinnerungen an, die viel mit Unselbstständigkeit und Abhängigkeit zu tun haben: Als Kind bekam man aus Verwandtenkreisen laufend etwas zum Anziehen geschenkt, vorzugsweise T-Shirts oder Pullover, oft mit hässlichem Aufdruck oder in einem grellen Pink, das sich nach einem Blaufärbeversuch in ein seltsames Violett verwandelte. Oder man erbte Hosen und Jacken von älteren Geschwistern, Cousinen und Cousins, und diese Erbstücke kamen ja auch irgendwie als Geschenk getarnt daher, denn: Über allem schwebte das große, gegen jedes Hässlichkeitsargument erhabene „Ich habe es doch nur gut gemeint!" Die Sachen nicht zu tragen, sie nicht wenigstens dann überzustreifen, wenn der Beschenkende oder Vererbende in der Nähe war, kam einer Beleidigung und einer Kränkung gleich.

Als Kind hat man also schon unter der geschenkten Klamotte gelitten, als Erwachsener aber kann das Ganze noch viel schlimmer enden. Dass man als Achtjähriger bevormundet wird und darum auch noch nicht selbst auswählt, was man am Leib trägt, ist völlig in Ordnung. In einer Partnerschaft aber dem anderen per Geschenk indirekt vorzuschreiben, was er anzuziehen hat, erzeugt einen Grad an Bemutterung, der unbedingt vermieden werden sollte. Besonders unter Mädchen und Frauen ist die Ansicht weit verbreitet, man müsse dem Partner in Stilfragen unter die Arme greifen. Warum bloß? Man hat sich doch schließlich in den Typen mit den ausgebeulten Hosen verliebt und hatte dabei hoffentlich nicht den Gedanken, dass sich da aber noch einiges an seinem Äußeren ändern müsse. Frauen, die ihren Freund einkleiden, sind meist solche, von denen man sagt, sie hätten „in der Beziehung die Hosen an" – das passt nicht nur wegen der Sache mit den Klamotten gut, sondern auch, weil es eine durch und durch blöde Formulierung für pseudo-emanzipierte Frauen ist.

Natürlich gibt es auch noch die Variante, in der ein geschenkter Pullover nicht gleich bedeutet, dass der andere sich bitte so anzuziehen hat, wie man sich das vorstellt. Trotzdem kann es auch dann wieder leicht zu Problemen kommen, die man aus Kindertagen kennt: Ein Geschenk ist immer gut gemeint und so sollte es auch behandelt werden. Ein Kleidungsstück, bleiben wir beim Pullover, ist da eine heikle Angelegenheit, denn er ist Ausdruck des Geschmacks dessen, der ihn ausgesucht hat und steht für die Überzeugung, zu wissen, was den anderen gut kleidet, also: schön macht. Gefällt dem Beschenkten der Pullover nicht, ist er damit in eine lose-lose-Situation geraten: Entweder muss er den Geschmack des anderen und sein gutes Ansinnen zunichte machen, indem er ehrlich sagt „Das gefällt mir nicht!" oder er muss etwas, was ihm nicht gefällt, auf offener Straße tragen, somit seinen eigenen Geschmack verleugnen und sich im schlimmsten Fall schämen.

Alles, was auf das äußere Erscheinungsbild einwirkt (Vorsicht auch bei Accessoires!), sollte also nicht verschenkt werden, außer – kleine Einschränkungen zum Schluss – es folgt auf einen ausdrücklichen Wunsch, denn dann ist die Aufforderung klar und das Vertrauen groß. Ansonsten aber sind Klamottengeschenke nicht nur heikel und bemutternd, sondern auch noch etwas, was Geschenke per definitionem nicht sein dürfen: schrecklich unkreativ. Tanten schenken Pullis. Partner schenken...naja, irgendwas Besseres halt.



Das ist die absolute Kür!
sagt Fabian

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Illustration: Julia Schubert



Klar ist das ein schmaler Grat. Aber wo sollte man ihn sonst wagen, wenn nicht in einer Beziehung? Sobald sich hinter einem textilen Geschenk eine schulmeisterliche Absicht („Damit du mal ordentlich aussiehst!“) oder irgendwelche elternartige Fürsorge („Damit du deine Socken nicht immer so schnell durchläufst!“) verbergen, ist es natürlich eine Katastrophe. Aber gerade weil es so schwierig ist, diese Klippen zu umgehen und dazu auch noch Größe, Farbe und grundsätzliches Tollfinden des anderen richtig zu treffen, ist ein wirklich gelungenes Stück Mode für den anderen ein großartiges Geschenk, ja dann sogar unter den besten Geschenken überhaupt. Welches Geschenk vereint so viele Vorzüge schon so locker auf sich, wie dieser Pullover von dem du weißt, dass deine Freundin ihn lieben wird? Schließlich überrascht er sie, macht ihr eine Freude die sie sich sonst nur selber bereiten würde (die meisten anderen Geschenke würde man sich selbst ja nie kaufen) und ist darüber hinaus nützlicher Gebrauchsgegenstand – oder im Falle eines Jil-Sander-Kaschmirpullovers ein selten gegönnter Luxus. Vorausgesetzt natürlich, sie gehört zu den Menschen, die sich für Mode begeistern können. Gerade und erst dann macht es als Junge besonders Spaß, etwas für sie zu entdecken, weil sie das nicht erwartet - riskante Lotterie, aber eben mit Aussicht auf den Jackpot.

Unbedingt gilt beim Klamottenschenken: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Deshalb sollte man auch nicht beleidigt sein, wenn das Ding am nächsten Tag umgetauscht wird. In den ersten zwei Jahren einer Beziehung sollte man sowieso nichts zum Anziehen schenken, zumindest nichts jenseits von Mütze, Schal, Handschuh und wenn es sein muss Unterhose. Es gehört einfach eine sehr gute Kenntnis der anderen Person dazu, das Wissen, bei welchen Schaufenstern ihre Augen glitzern, welche Stoffe, Schnitte, Farben sie bevorzugt, dass sie Rollkragen hasst und niemals etwas Rotes anziehen würde, etc. Gleichzeitig nimmt man dieses Wissen über seinen Partner normalerweise mit der Zeit wie von selbst auf, man weiß, nach hunderten gemeinsamer Einkaufs-/Flohmarkt-/Indischer Bauernmarktbummeleien bei welchem Teil die Madame stehen bleibt, genauso wie man ja irgendwann auch weiß, was sie gerne isst und bei welchen Drinks sie nicht widerstehen kann. Wer freilich eine Beziehung führt, in der er auch nach Jahren noch stolz auf die Feststellung ist: "Ey Frauen, die kannste einfach nicht verstehen!", für den ist Klamottenschenken nix - wie auch alle anderen anspruchsvolleren Aufmerksamkeiten.

Hat man aber auch in Stilfragen und ästehtischen Diskussionen eine gute Gemeinschaft, dann ist es ja nur noch eine Frage des eigenen Modeverständnisses und der eigenen Stilaufmerksamkeit, die Lieblingscodes der Freundin auch mal alleine zu lesen wenn sich die Situation ergibt und zu wissen: Sie würde diese Schuhe lieben, wenn sie jetzt mit mir hier wäre. Klar, dass das auch nur für Männer in Frage kommt, die bereit sind über Kleidung nachzudenken und dabei auch ein eigenes Geschmacksurteil haben. Wenn das alles passt, wird sie die Schuhe lieben und sie wird sich wundern, was für einen seltsam großartigen Freund sie erwischt hat, der ihre neuen Sommerlieblings-Espandrillos einfach so nebenbei aus seiner Reisetasche zieht als wäre es nichts. Touché!

Text: nadja-schlueter - und fabian-fuchs; Illustration: Katharina Bitzl

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