Die Mailfrage: Brauchen wir noch den Abwesenheitsassistenten?

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"Ich bin nicht abwesend", sagt Peter Wagner. "Warum soll ich dann so tun, als ob?"

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Im vergangenen Sommer saß ich vor meinem Urlaub vor meinem Mailprogramm und versuchte mich an einer Zeile zur Abwesenheit. Ich habe sie gespeichert und mir eine Mail zugeschickt und die Wirkung der Out of Office Reply betrachtet. Ich fand sie lächerlich, weil ich wusste, dass ich auch im Urlaub meine E-Mails lesen würde. Ich fand sie lächerlich, weil ich mit dieser Zeile ein Rausfallen aus der Zeit simulierte. Ich fand sie lächerlich, weil ich an die ganzen Menschen denken musste, von denen ich häufig erst eine Abwesenheitsmail als Antwort bekomme, um fünf Minuten später mit einer sehr anwesenden Antwort erfreut zu werden. Ich habe das mit der Abwesenheitszeile gelassen. Kurz nach dem Urlaub lag ein neues Telefon auf meinem Tisch, auf dem man Mails lesen und beantworten kann. Seit ich dieses Ding habe, ist vieles anders. Ich lese Mails, wie ich SMS lese. Angenehme Post beantworte ich gleich. Mails, die eine Lösung von mir erwarten, versuche ich mit einer Lösung zu beantworten - egal, wo ich bin. Manchmal schreibe ich auch, dass ich die Mail gelesen habe und mich melden werde, wenn ich mich für arbeitsfähig halte. Manchmal schreibe ich auch gar nichts. Ich habe meine Zeit gebraucht, um diesen neuen Zustand von Erreichbarkeit zu begreifen. An manchen Tagen mit dem Telefon kam es mir so vor, als würde in meinem Kopf etwas zittern. Eine Form von Nervosität hatte mich beschlichen, ausgelöst durch die Annahme, dass sich mein Leben nun tatsächlich minütlich ändern konnte – durch eine blöde Mail in meinem Telefon zum Beispiel. Vielleicht aber auch durch eine gute, meinetwegen sogar durch eine inspirierende Mail. Mittlerweile klingt das Zittern in meinem Kopf ab. Mittlerweile hat mein Hirn einige Synapsen umgestöpselt und begreift Mails nicht als Angriff auf meine Ruhe, sondern als neuen Teil meines Lebens. Ich ärgere mich nicht mehr darüber, dass ich an Samstagen Arbeitsmails beantworte. Jeder Selbständige macht das genauso. Jeder Selbständige denkt auch in seiner Freizeit darüber nach, wie er sein Geschäft besser machen kann. Genauso wie Künstler sich auch nach dem Abendessen nicht gegen eine Idee für ihr Tun wehren. Deshalb bleibt mein Abwesenheitsassistent unbenutzt. Schließlich gehe ich auch nicht mit einem Schild durch die Fußgängerzone: „Bin nicht ansprechbar. Habe Urlaub.“ Warum Stefan Winter vehement für den Einsatz des Abwesenheitsassistenten ist, liest du auf der nächsten Seite.


Nutzt den Abwesenheitsassistenen, rät Stefan Winter. Er ist der einzige Weg, dem Mailwahn zu entkommen. Natürlich brauche ich keinen Assistenten, der mir bei meiner Abwesenheit zur Hand geht. Jedenfalls nicht in der dargebotenen Form. Jemanden, der mich chauffiert, Essen bereitet und Bierflaschen zum rechten Zeitpunkt öffnet, wäre durchaus genehm, aber das bietet der Abwesenheits-Assistent im Mailprogramm ja nicht. Im Gegenteil: Er assistiert nur im eher rudimentären Sinne. Dass ich dennoch gerne auf seine Dienste zurückgreife, hat einen einfachen Grund: Ich schweige manchmal sehr gerne. Das wird aber in gewissen Zusammenhängen nicht nur nicht gerne gesehen (also gehört), es gilt in einer Zeit der Allverfügbarkeit auch als unhöflich. Wer einen Mail-Account hat, soll diesen auch nutzen – und zwar JETZT. Deshalb hilft mir der Assistent, er spricht für mich. Er sagt: „Jetzt nicht.“ Das ist gut. Und weil er sogar sagt: „Jetzt nicht – und morgen auch nicht“, verschafft er mir nicht nur Zeit zum Schweigen, sondern auch zum Durchatmen. Er dreht den ständig laufenden Wasserhahn der Mails für ein paar Stunden ab. Natürlich könnte ich das auch anders haben. Ich könnte einfach so keine Mails lesen bzw. einfach so nicht antworten - aber dazu fehlt mir dann doch der Mut. Ich will nicht unhöflich sein. Deshalb lasse ich den automatisierten Antworter sagen: „Du bist durchaus wichtig, aber gerade geht’s leider nicht.“ Wobei ich durchaus zugeben muss: Wer kein Büro hat, in dem er abwesend sein kann, tut sich tatsächlich sehr schwer damit, eine Begründung dafür zu finden, warum "es gerade nicht geht". Denn welcher Grund soll das denn bitte sein, der einen Mailenden daran hindert, seine elektronische Post zu lesen und auch schnellstmöglich zu beantworten? Außer der Abwesenheit lässt der smartphone-getriebene eher ungesunde Menschenverstand keine Gründe gelten. Das ist schade. Und deshalb gilt meine Forderung allen, die sich diesem Terror der ständigen Verfügbarkeit nicht beugen wollen: Nutzt den Abwesensheits-Assistenten! Und zwar immer dann, wenn es euch zuviel wird. Schreibt rein: Ich bin zwar gerade da, habe aber keine Lust mehr auf Mails. Denn: Ehrlichkeit ist wichtiger als Allverfügbarkeit - zumindest "in dringenden Fällen und bis zum 1. Februar".

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