Die Zukunft der Simpsons ist ungewiss - ein Fall für Zwei

Der amerikanische Sender Fox stellt wegen eines Gagenstreits die Zukunft der Über-Serie Simpsons in Frage. Ist das gut so? Ein Fall für Zwei über gelbe Köpfe.
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Illustration: Julia Schubert



Sind die Simpsons am Ende? Hoffentlich - sagt Christian Berg

Spätestens als zum Start des Simpsons-Films der lustige Teil meiner Timeline der Idee folgte, das eigene Avatar-Bild im Stile der Comic-Serie zu fertigen, war es für mich vorbei. Denn nicht nur dass der Film ein absoluter Flop war (weiß eigentlich noch jemand, worum es eigentlich ging?), vor allem die Gelbköpfe auf meinen Computerbildschirm bewiesen: Die Simpsons sind vorbei.

Nicht, dass die Serie tatsächlich abgesetzt worden wäre. Im Gegenteil: Sie ist im deutschen Fernsehen so präsent wie Stefan Raab. Mir geht sie aber entschieden mehr auf die Nerven. Der Grund ist dieser seit 20 Jahren gleiche Humor, der seit 20 Jahre gleiche kindliche Blick auf die Welt, die seit 20 Jahren gleiche Freude am Faulsein des Homer. All das hat sich überlebt. Und auch die vormals gefeierten Gastauftritte bekannter Persönlichkeiten, die in Simpson-Gelb getaucht in der Serie auftauchen, hat seinen Zauber verloren.

Wenn der produzierende Sender Fox jetzt also darüber nachdenkt, die Serie einzustellen, erfüllt mich das mit einer gewissen Freude. Nicht dass ich ernsthaft glaube, dass etwas Besseres danach käme, aber dieser kleinste gemeinsame Nenner all jener, die sich für lustig halten, würde abgeschafft. Wir wären gefordert, uns neue Gemeinsamkeiten zu suchen, die vielleicht tragfähiger sind als der gängige Humor-Kompromiss auf jeder (wirklich jeder!) Wohnheim-Party.

Ein Lob auf die Simpsons stimmt auf der nächsten Seite Christian Helten an.



Schon die Frage, worum es im Simpsons-Kinofilm gleich wieder gegangen sei, offenbart: Hier hat jemand nichts verstanden. Es ist nicht die Handlung des Films oder der einzelnen Simpsons-Folgen, die die Serie so großartig macht. Im Gegenteil, die besten Folgen sind diejenigen, in denen der Plot in den Hintergrund tritt. Denn es kommt vor allem auf die vielen kleinen Witze an, die im Dauerfeuer auf den Zuschauer einprasseln. Der Humor der Serie ist noch immer der beste, den man zurzeit im Fernsehen vorgesetzt bekommt. Dass Homer im Film seine Heimatstadt Springfield an den Rand ihrer Auslöschung bringt, ist nichts Besonderes. Die Größe liegt in Szenen wie der, in der die Bewohner von ihrem Untergang erfahren. Die Kirchenbesucher stürmen dann gesammelt aus der Kirche und in die daneben gelegene Bar. Die Besucher der Bar fliehen von der Theke ins Gotteshaus.

Mit solch einfachen Szenen schaffen die Simpsons-Autoren es immer wieder, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten und sie zu karikieren. Sie brauchen nicht mehr als ein paar Sekunden, um mehr Witz und Geistreiches zu liefern als die Harald Schmidts und David Lettermans in einer ganzen Sendung.

Die Simpsons begleiten uns seit mehr als 20 Jahren, und es gibt kaum eine wichtige zeitgeschichtliche Figur oder Begebenheit, die nicht irgendwie ihren Weg in die gelbe Welt Springfields gefunden hätte. Ob Arnold Schwarzenegger als dumpfbackiger US-Präsident regiert, Lisa zur Musik von Lola rennt durch eine in drei Handlungsstränge geteilte Folge sprintet oder Homer sein Haus in der Finanzkrise nach dem Bankrott von Lehman Brothers verliert – die Anspielungen auf Politik und Kultur sind ebenso zahl- wie einfallsreich.

Ich sitze nicht jeden Tag pünktlich vor dem Fernseher, wenn die Simpsons-Titelmelodie erklingt. Um ehrlich zu sein, geschieht das in letzter Zeit ziemlich selten. Aber es gab Zeiten, in denen das anders war, und von denen zehre ich noch immer. Wenn ich mich mit gewissen gleichgesinnten Leuten unterhalte, passiert es fast jedes Mal, dass irgendwann ein Simpsons-Zitat fällt. Nicht, weil wir uns gegenseitig mit unserem Nerd-Wissen über die gelbe Familie beeindrucken müssten. Sondern weil es so viele Situationen gibt, zu denen eine Simpsons-Szene gerade perfekt passt, weil sie die Absurdität des ganz alltäglichen Lebens oft treffender auf den Punkt bringt als dieses Leben selbst.

Der Schriftsteller Daniel Kehlmann hat vor ein paar Jahren in einem Essay im Spiegel geschrieben, die Simpsons seien „eines der intelligentesten und vitalsten Kunstwerke unserer Zeit“. Ich finde, er hat Recht. Und deshalb wäre es mehr als schade, wenn die Sprecher der Simpsons-Charaktere und der Sender Fox sich nicht einigen würden.

Text: christian-helten - Foto: rtr

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