Eine Internet-Beschimpfung

Zwei ältere Herren wollen im Internet lesbische Blogger sein - und offenbaren damit alles, was im Netz nervt.
mercedes-lauenstein

Neben vielen anderen internationalen Medien berichteten auch wir vor einigen Tagen über die Entführung der lesbischen Bloggerin und Regimekritikern Amina Arraf aus Syrien. Es war nur ein kleiner Absatz in unserer Topsexliste, aber wir wollten die Tatsache nicht unerwähnt lassen. Denn wir waren, wie immer, der Meinung, dass das Internet eine mächtige Waffe im Kampf gegen weltweites Unrecht ist. In dieser Woche nun hat die Geschichte eine unerwartete Wendung genommen: Amina Arraf ist die Erfindung eines 40-jährigen Amerikaners, der in Schottland wohnt. Tom MacMaster hat sich die Bloggerin und ihre Geschichte ausgedacht.  Auf „A Gay Girl In Damascus“ selbst hat MacMaster mittlerweile eine ellenlange Entschuldigung für den Betrug an seiner weltweiten Leserschaft veröffentlicht (diese ist mittlerweile gelöscht).  

 Als ob diese Geschichte nicht schon abschreckend genug ist, las man am Dienstag eine zweite Enthüllung: Paula Brooks, die Autorin des Blogs LezGetReal.com, gestand der Washington Post, dass auch „sie“ ein Mann sei. Und zwar ein 58-jähriger Bauarbeiter namens Bill Graber aus Ohio.  

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Illustration: Julia Schubert



 Mich haben diese beiden Geschichten dermaßen enttäuscht, dass gerade meine gesamte Haltung zum Internet ins Wanken gerät. Als ich die zweite Meldung las, saß ich in der S-Bahn. Ich war kurz davor, mein Handy durch den gesamten Wagon zu schleudern, einige vernichtende Flüche über das Internet auszustoßen, wieder zurück nach Hause zu fahren und ab übermorgen in einem Baumhaus im Wald zu leben. Sicherlich hat das damit zu tun, dass sich in letzter Zeit einiges bei mir angestaut hat. Zum einen habe ich während meiner Arbeit als Community-Managerin immer wieder Fakenutzer erleben müssen, die aus purer Langeweile andere User belästigen. Oft kann ich nur ahnen, wer der Gute und wer der Böse bei einer zu schlichtenden Angelegenheit ist. Zum zweiten beobachte ich, dass mich die alles verschlingende Virtualität des Netz zunehmend abstößt. Auch wundere ich mich immer wieder über Blogger und Twitterer, die selbst ihre sonnigste Freizeit online verbringen und die sich dort mit teils völlig anonymen Avataren über die intimsten Dinge austauschen: Onlinemenschen, die jahrelang auf die Existenz und die gute Seele anderer Onlinemenschen vertrauen, ohne sie einmal gesehen zu haben.  

 Ich versuche mich davon abzuhalten in eine Art elterliche Sorge zu verfallen und ihr Verhalten zu verteufeln. Soll doch jeder machen, was er will. Schließlich habe auch ich privat immer viel für das Internet übrig gehabt und versuche nach wie vor an seine vielfältigen Möglichkeiten der positiven Einflussnahme auf das Weltgeschehen zu glauben. Und das ist das eigentlich Deprimierende: Ganz egal, wie viele Schreckensmeldungen über das Internet durch die Medien geistern, ich versuche stets dagegen anzukämpfen. Ich rede mir ein, dass die Kritiker des Netzes alte Spießergreise sind. Ich vertrete besten Gewissens die Meinung, dass man eben ein erhebliches Maß an Vertrauen benötigt, um sich im Internet zu bewegen und sich dort mit Herzblut zu engagieren. Das macht den Reiz des Internets zu einem Großteil aus: dass man dort auch mal etwas sagen kann, ohne sofort mit seinem Gesicht Parade stehen zu müssen. Bestes Beispiel sind die erst durch das Netz groß und erfolgreich gewordenen Proteste im Nahen Osten. Ohne das Wissen um ihre Anonymität hätten so einige Regimegegner sich wohl nie getraut, den Mund aufzumachen.  

  Gerade weil wir uns gegen unsere Internetabhängigkeit nicht mehr wehren können, versuchen wir Chancen darin zu erkennen. In dieser Woche allerdings habe ich mich zum ersten Mal nicht nur spielerisch, sondern völlig ernsthaft gefragt, ob sich das alles überhaupt lohnt. Was tun wir hier eigentlich? Hocken den ganzen Tag vor irgendwelchen beknackten Bildschirmen herum, pflegen Onlinebekanntschaften, netzwerken, beziehen jede Menge Informationen von Menschen, die wir nie zuvor gesehen haben und vertrauen in vielen Fällen so gut wie blind, auf das, was wir lesen.  

 Ich weiß, diese Haltung ist gewagt, aber ich bin sehr geneigt zu glauben, dass wir verdient haben, was der Schotte und der Amerikaner unserem Vertrauen angetan haben. Immerhin halten uns diese Beispiele knallhart  und unverblümt vor Augen, auf welch dünnem Eis sich unser irrationaler Internetkult bewegt. Wer weiß, wie oft wir schon unbemerkt von irgendwelchen gelangweilten Irren als Spielbälle benutzt wurden ohne dass irgendwer davon Notiz genommen hat. Es kann nur gesund sein für die Netzwelt, so brutal vom Thron ihrer digitalen Naivität heruntergerissen zu werden. Wie dumm wären wir, wenn wir glaubten, dass die beiden Hoax-Männer völlig unabhängig voneinander und rein zufällig die einzigen schwarzen Schafe da draußen sind? Und wie dumm ist man eigentlich als dahergelaufener Blogger, zu erwarten, dass einen jemand ernst nimmt?  

  Abgesehen von meinem eigenen Frust frage ich mich gerade jedoch, wie es jenen  engagierten Bloggerinnen und Bloggern geht, die tagtäglich und noch viel ausgiebiger in ihrer persönlichen Blogos- ,Twitter-, Facebook- und Nachrichtensphäre unterwegs sind als ich. Deren Leben nahezu vollständig daraus besteht, sich über das Medium Internet für Dinge einzusetzen. Die mit Personen kommunizieren, von denen sie im Grunde nichts hundertprozentig wissen können. Die höchstengagiert und mit jeder Menge aufgeheiztem Riot-Blut versuchen, online die Welt zu verändern.  

  Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie nach diesen Vorfällen nicht mindestens so  verunsichert sind, wie ich. Ich für meinen Teil jedenfalls habe gerade gute Lust, meine Internetaktivität einfach auf  eine E-Mail-Adresse und ein komplett heruntergefahrenes Facebookprofil zu beschränken und ansonsten nur noch zu glauben, was ich sehe. Ich weiß: Verarscht werden kann man überall. Aber im Internet geschieht es mir gerade in letzter Zeit eindeutig zu häufig. Was ist das überhaupt für eine Art, Menschen ernst zu nehmen, die sich hinter dem Deckmantel der Anonymität verstecken?  

Ich werde bestimmt auch wieder herunterkommen von meiner Wut. Aber heute bin ich nah daran, darauf pochen zu wollen, dass diese ganze Versteckerei im Netz verboten werden sollte. Steh’ mit verifiziertem Vor- und Nachnamen zu dem, was du sagst oder leave it. 

Die Gegenrede zu diesem Fall für Zwei liest du hier



Text: mercedes-lauenstein - Illustrationen: Cornelia Zeug

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