Fall für Zwei: Nur der einzelne Song zählt - hat das Popalbum ausgedient?

Soll dem Album den Garaus machen: der mp3-Player Die britische Punkpop-Band Ash steht nicht gerade im Verdacht Keimzelle revolutionärer Freigeistigkeit zu sein.
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Illustration: Julia Schubert

Soll dem Album den Garaus machen: der mp3-Player Die britische Punkpop-Band Ash steht nicht gerade im Verdacht Keimzelle revolutionärer Freigeistigkeit zu sein. Trotzdem hat Bandchef Tim Wheeler nun etwas Wegweisendes verkündet: Ash wird keine Alben mehr machen. Nicht weil sich die gut verkaufende Band auflöst, sondern weil sie nicht mehr an das Prinzip Album glaubt. „Die Art und Weise wie Menschen Musik hören hat sich verändert, seit sich das Runterladen von Liedern verbreitet hat, gehört die Aufmerksamkeit einzelnen Songs. (…) Das herkömmliche Album-Format bringt es mit sich, dass sechs Monate zwischen Ende der Aufnahmen und dem Release einer Platte vergehen. Wenn wir darauf verzichten, erreichen wir eine ganz neue Form von Spontaneität und Kreativität. Wir haben unser eigenes Studio in New York, wir können einen Song aufnehmen und ihn am nächsten Tag veröffentlichen, wenn wir Lust darauf haben…“ Soweit der Bandleader. Zu dieser Idee darf man bei weitem mehr applaudieren, als zum letzten Album der Band, denn das machte genau das Dilemma deutlich: Zwei gute Lieder, der Rest Füllkram. Und dabei ist Ash durchaus eine Band, die weiß, dass es bei Popmusik um Hits geht. Aber weder sie, noch 90 Prozent der anderen Popbands an der Grenze zwischen Riot und Radio schaffen es heute noch, die zehn bis vierzehn Leerstellen eines Album auch nur annähernd gleich- und hochwertig zu stopfen. Und für wen auch? Kein Mensch erwartet doch bei Knall-Geschützen wie den Kaiser Chiefs, Ash, Art Brut, auch nicht bei The Streets oder Bloc Party ein komplexes Meisterwerk, ein geschlossenes Oeuvre in das sich ein konzentrierter Hörer im Zuge intellektueller Konzentration vertiefen muss. Nein, das sind Bands die ihre Bekanntheit darauf gründen, dass sie mit einzelnen Songs die Tanzflächen füllen oder dass eine kleine Best-Of-Auswahl auf die iPods der Welt wandert. Es sind keine Genies. Die digitale Musik ist es, die, ob man das mag oder nicht, alles verändert. Mit dem Skip-Schalter des MP3-Players in der Tasche geht es nur noch um eines: den Song. Ist er gut, darf er bleiben, unterhält er nicht, skippt man ihn auf die Shuffle-Müllkippe. Darwinismus im Pop, warum nicht? Das ist jedenfalls wesentlich natürlicher als die völlig willkürliche Auflage, eine Band müsste alle zwei Jahre genau zehn bis fünfzehn neue Lieder abliefern. Wieso diese Zahl? Reine antike Gewohnheit, die jedermann sofort über Bord wirft, der schon mal am Computer Lieder einzeln bezahlen musste – wer kauft da schon gerne die Füllstücke und mickrigen Dreingaben? Natürlich kann man sich darüber aufregen, dass das künstlerische Schaffen zum Unterhaltungs-Fastfood verkommt, aber andererseits: Wir sprechen hier von Popmusik. Die Beatles/Stones haben schon vor vierzig Jahren kontinuierlich Singles (und zwar nicht nur wie heute üblich als Album-Beiboote) herausgegeben. Wenn ein Lied fertig und wenn es gut war, wurde es gepresst und die Hörer waren auf diese Weise das ganze Jahr hindurch mit Fansein beschäftigt, es war aufregend. Heute machen die Bands alle zwei Jahre ein Album, sind damit, wenn es gut läuft, drei Wochen oben auf der Litfasssäule. Dann wieder weg, gibt ja viel zu viel aus der gleichen Tonne und gerade angesichts einer Blase wie sie der UK-Hype der letzten Jahre war, ist tatsächlich derjenige der Dumme, der sich treudoof die ganzen beweihräucherten Scheiben zugelegt hat – der Wertverfall war rapide. Was von dem riesigen Haufen schnell zusammengeschrammelter Jungsmusik bleiben wird ist: eine Handvoll Songs. Natürlich sollen abgefeimte Elektrokünstler weiterhin moussierende Langspielplatten machen, natürlich sollen Radiohead oder Modest Mouse an etwas tüfteln, das mehr ist als die Summe der einzelnen Teile. Aber ein Album nur um des Albums willen nützt niemandem etwas. Nicht der Newcomerband die vielleicht drei wunderbare Lieder hat, aber glaubt, fürs Debüt noch sieben dazu schreiben zu müssen und sich damit ihren ganzen schönen Start versaut. Nützt nichts Bands wie den Arctic Monkeys oder den Strokes, die mit ihren Nachfolgeralben jeweils sofort weite Teile der Fanschaft einbüßten, weil sie nicht genug gutes Material für eine knappe Stunde nachlegen konnten. Zwei knackige Singles wären aber allemal drin gewesen und des Hörvolkes Liebe und Neugier wäre weiter gefüttert worden. Im Übrigen passiert das ja längst alles ganz richtig: Einzelne Lieder auf myspace-Seiten werden von mail zu mail weiterempfohlen, machen ihren Weg in die Playlisten und Downloads, in die Herzen und in die Charts. Es geht schnell, nichts geht verloren, der Musiker musiziert und der Hörer hört und niemand vermisst ernstlich Plattenfirmen, CD-Booklets und Füllmaterial. Auf der nächsten Seite findet christina-kretschmer das anders


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Illustration: Julia Schubert

Stirbt schon seit über zwanzig Jahern aus: die Platte Das Album stirbt jetzt also aus, schade drum, aber vermutlich nicht weiter verwunderlich, wenn die Hauptzielgruppe sich damit zufrieden gibt, einem vermeintlichen Eklektizismus zu frönen, der eigentlich nur Ausdruck einer ziemlichen Ignoranz ist. Denn die Tatsache, dass ich irgendwann verstehe, wofür die „Skip Forward“-Taste an meinem MP3-Player gut ist, heißt noch lange nicht, dass ich mich mit Musik auskenne oder einen besonders guten Geschmack hätte. Es ist nichts weiter, als die digitale Version des Prinzips der „Best Of“-Alben, die ja auch weggehen wie frische Semmeln. Die gibt es schon sehr lange und sind eine gute Angelegenheit – für Menschen, die zu faul sind, sich ein bisschen durch den musikalischen Dreck zu wühlen und dabei selbst auf Rohdiamanten zu stoßen. Daran ist überhaupt gar nichts Verwerfliches, denn nicht jeder mag Musik gleich gerne oder hat Lust, sich mehr damit zu beschäftigen, als bis zum Ende des Intros, um dann ganz nervös auf die Skip-Taste einzuhämmern. Klar ist es super, wenn der eigene Geschmack der Bestimmer ist und ich mir von niemandem – und erst recht nicht von irgendwelchen dahergelaufenen Musikern – sagen lassen muss, was ich in den nächsten Minuten zu hören habe. Nur können wir unseren musikalischen Geschmack schwer entwickeln, wenn wir immer dieselben drei Lieder hören, die wir gerade eben total super finden. Es ist passiert doch relativ oft, dass man eine Platte kauft, sie einmal runterhört, sich sofort unsterblich in ein Lied verliebt und dann im nächsten halben Jahr nur noch dieses eine runternudelt. Bis man eines Tages doch die ganze Platte durchhört und auf einmal merkt, dass dieses eine Lieblingslied zwar vielleicht sehr eingängig ist, aber die anderen nicht minder großartig sind. Und dieses Erlebnis habe ich nur, solange ich Musik auch die Chance gebe, gehört zu werden. Einer, der das Prinzip „Album“ besser als viele andere verstanden hat, war Johnny Cash. Der hat in der Mitte seiner Karriere ein Konzeptalbum nach dem anderen herausgebracht, auf einem nur von Zügen gesungen, auf einem anderen von den amerikanischen Ureinwohnern und auf einem dritten hat er die amerikanische Flagge besungen und beweint. Nicht jedes Lied auf diesem Album ist gleich stark und auf jedem gibt es mindestens einen Hit, der als Single ausgekoppelt wurde. Aber nur in der Gesamtheit des Albums kann man dem Künstler Johnny Cash und seinem Anliegen gerecht werden. Und deshalb muss man sich eben für eine halbe Stunde auf den Hintern setzen und dem Musiker und seinen Liedern eine Chance geben. Klar ist diese Entwicklung nur die logische Konsequenz der aktuellen Entwicklung in der Musikindustrie und vor allem der Distribution von Musik. Klingt ja an und für sich nur logisch, wenn man seine Musik nur noch digital herunterlädt. Warum soll man dann jeden Song kaufen, wenn einem nur zwei gefallen? Da wäre man ja schön blöde. Also orientieren sich die Musiker – so wie sie es schon immer gemacht haben – am Markt. Und der Markt sagt offensichtlich gerade: ich will Hits, für alles andere ist meine Aufmerksamkeitsspanne zu kurz. Und natürlich waren Singles für Musiker der 50er und 60er Jahre die Hauptabnahmequelle. Und was die dann als Alben herausgebracht haben, war nichts weiter, als eine Zusammenstellung der Hits mit einigem Füllmaterial. Aber dieses Füllmaterial ist in vielen Fällen mittlerweile sehr viel hörenswerter als das, was man damals als den Super-Hit betrachtet hat. Wenn nun offensichtlich all die Bands der Stunde Schwierigkeiten damit haben, zehn Songs zu schreiben, heißt das nicht, dass die Platte mit ihren 40 Minuten Laufzeit oder die CD mit ihren 70 Minuten Laufzeit daran Schuld hat, sondern dass diese Bands ganz schön schlecht sind und du dir eventuell mal überlegen solltest, ob du dich nicht nach anderen Lieblingsmusikern umsehen solltest. P.S.: Die Hörqualität von Musikstücken ist gerade so schlecht wie seit vierzig Jahren nicht mehr. Und mit diesem Quatsch, sich einzelne Songs nur noch vom Computer auf seinen iPod zu ziehen, wird sich da auch nicht viel ändern. Vielleicht noch ein letztes Argument für das altmodische Album. christina-kretschmer Bild1: ddp; Bild2: dpa

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