Ich brauche kein Ritalin. Ich lerne in der Bibliothek

Wo arbeitet es sich eigentlich besser: in den eigenen vier Wänden oder in der Bibliothek? Ein Fall für zwei.
veronique-schneider



Die Bibliothek ist mein Ritalin,
sagt Veronique Schneider:

Lassen wir zunächst die Statistik sprechen. Anzahl der Seiten meiner Masterarbeit, die ich zuhause geschrieben habe: vernachlässigbar. Anzahl der Seiten meiner Masterarbeit, die ich in der Bibliothek geschrieben habe: Alle anderen. Mittlere Anzahl der Seiten, um die das Word-Dokument in der Bibliothek pro Tag anwuchs: So unseriös hoch, dass ich sie nicht nennen möchte, solange mein Prüfer die Arbeit noch nicht bewertet hat. Durchschnittliche Zeit in Minuten, bis daheim eine Ablenkung zwischen mich und mein Vorhaben trat: fünf. Zeit in Stunden, die ich in der Bibliothek weitgehend ablenkungsfrei verbrachte: acht. An schlechten Tagen.

Die Bibliothek ist mein Ritalin. Ich arbeite konzentriert. Fokussiert. Und dementsprechend produktiv. Ich gerate in diesen Zustand, den man landläufig wohl als Flow bezeichnet. Prokrastidingsda? Ja, sehr anfällig. Aber nicht zwischen kilometerlangen Bücherregalen!

Es gibt Menschen, die behaupten, in der Bibliothek ließe sich so gut lernen, weil die vielen anderen fleißigen Menschen eine positive Arbeitsatmosphäre schaffen würden. Das erscheint zumindest mir als ausgemachter Blödsinn. Eine Bibliothek, in der sich vor allem emsig werkelnde Studenten aufhalten, habe ich bisher nicht betreten. Und nach einem abgebrochenen, einem beendeten und einem weiteren so gut wie abgeschlossenen Studiengang, ein Jahr Bücherschlepperei als Hiwi inklusive, darf ich behaupten, in nicht wenigen Bibliotheken sehr viel Zeit verbracht zu haben. Die am häufigsten beobachteten Ablenkungsquellen bei den anderen Besuchern waren wohl: Offene Facebook-Fenster. US-Serien streamen. Eine bekannte Nachrichtenwebsite im Minutentakt aktualisieren. Nach zwanzig Minuten Laptop anstarren eine Stunde Kaffeepause einlegen. Ganz oben im Ablenkungsranking: Andere flirtwillige Bibliotheksbesucher. Ich muss daher zugeben, die Methode Bibliothek funktioniert womöglich nicht für jeden.

Wann immer ich versucht habe, zuhause zu lernen, etwas zu schreiben oder auch nur konzentriert die Literaturliste abzuarbeiten: Beim winzigsten auftretenden Problem schien mein Bett allzu kuschelig, und ich gestattete mir einen „kurzen Power-Nap“, der Geschirrberg neben der Spüle schien allzu hoch und der Kühlschrankinhalt höchst verlockend für eine kleine Zwischenmahlzeit. Bei diesen Versuchen habe ich außerdem mein Bücherregal nach Farben sortiert. (Ich kann das sehr empfehlen, das sieht wirklich schick aus.) Nur zu dem, was ich eigentlich vorhatte, bin ich selten gekommen.

Wieso haben mich dann die diversen Ablenkungsfaktoren, die man auch in der Bibliothek nicht aussperren kann, dort nicht beeinträchtigt? 

Zum einen ist es wohl das Ritual des Bibliotheksbesuchs, das mich in Arbeitslaune versetzt. Zur immergleichen Zeit packe ich meine Tasche (Laptop, Block, Kugelschreiber, Wasserflasche, Portemonnaie mit meinem Bibliothekseuro für den Spind), verlasse das Haus so, dass ich die Tram erwische, mit der meistens auch meine Nachbarin zur Arbeit fährt. In der Bibliothek lasse ich meinen Euro klackernd in den Schlitz am Spind fallen. Mit diesem Klackern schaltet mein Kopf um und ich bin im Produktivitätsmodus. Erst wenn ich das Schließfach wieder öffne und es erneut klackert, verlasse ich ihn wieder.

Zum anderen gibt es diese in die Jahre gekommene, aber immer noch sehr wahre Redewendung, die da lautet: „Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps.“ Als Student ist das oft schwer umzusetzen. Man könnte theoretisch immer etwas für die Uni erledigen. Jetzt, gleich, später, morgen, nie. Was zumindest bei mir schnell dazu geführt hat, dass ich die Arbeit erstmal zur Seite legte. Die räumliche Trennung zwischen Privatleben (=Wohnung) und Studieren (=Bibliothek) hilft mir, eine gewisse Zeit produktiv zu sein und in der restlichen Zeit guten Gewissens zu entspannen.

Ich gerate allerdings nicht in jeder Bibliothek in diese unfassbare Produktivität. Ich meide gezielt Catwalk-Bibliotheken und bevorzuge kleine fachfremde Einrichtungen, in denen ich keine Kommilitonen treffe. Am liebsten in klassischen Frauenfächern, Pädagogik oder so. Um die wenigen verbliebenen Männer von Flirtversuchen abzuhalten, betrete ich die Bibliothek nur so sozialkompatibel wie nötig, also gewaschen und gekämmt, aber ansonsten so unspektakulär und unsexy wie möglich und versinke im bollerigen Pullover und ausgelatschten Turnschuhen. Je länger ich darüber nachdenke: Das ist wahrscheinlich der wichtigste Tipp.

Auf der nächsten Seite liest du ein Plädoyer auf das Home-Office.



Daheim muss ich nicht für einen Tisch kämpfen und niemand stört,
findet Nadja Schlüter:

Im ersten Semester nahm ich an den Führungen durch die Instituts- und die Universitätsbibliothek teil, um mir dort alles zeigen und erklären zu lassen. „Studenten", so dachte ich, „arbeiten immerzu in Bibliotheken, sie sagen liebevoll ‚Bib' und richten sich dort ein zweites Zuhause ein, um ihr Lernleid miteinander zu teilen. Ich muss das jetzt auch tun." Ich freute mich sogar darauf. Aber diese Freunde verging bald und bis heute verkrieche mich aus vielerlei Gründen in Prüfungsphasen lieber daheim.

Es fängt schon damit an, dass man für das Schreiben einer Hausarbeit an einem anderen Ort als dem heimischem Schreibtisch eine riesige Tasche mit Laptop, Wasserflasche, drei Äpfeln, Büchern, Kopien, Notizzetteln, Stiften und was weiß ich noch alles packen und durch die Stadt tragen muss, nur, um diesen Inhalt in der Bibliothek in einen Korb umzupacken und dann festzustellen, dass man mindestens eine Sache vergessen hat. Falls man überhaupt ein freies Schließfach (zum Semesterende rar gesät) und irgendwo in der Hosentasche eine zwei-Euro-Münze für den Pfandschlitz findet. Bis ich das hinter mich gebracht habe, bin ich schon schweißgebadet und innerlich derart aggressiv, dass mir mehr danach ist, ein Schnitzel zu klopfen, als mich auf einen Text zu konzentrieren.

Das größere Problem aber ist die Arbeitsatmosphäre. Die Bibliotheksbefürworter betonen ja immer, dort am besten arbeiten zu können, wo auch alle anderen arbeiten. Aber man sitzt da ja nicht (oder zumindest nicht nur) mit einer kleinen Gruppe netter Leute, die man kennt und mag und deren Konzentration man spüren und aufsaugen kann, sondern man befindet sich in einem Raum voll fremder Menschen und mit Sprechverbot. Das führt dazu, dass immer irgendwo getuschelt wird und Tuscheln ist tausend Mal störender als kurze Gespräche in Normallautstärke. Noch dazu klingelt in meinen Ohren nichts lauter als das Bemühen vieler Menschen, möglichst leise zu sein. Das erzeugt eine ähnlich unangenehme und betretene Atmosphäre wie in einem vollgepackten Aufzug oder im Wartezimmer. In der Bibliothek wird verstohlen mit der Nase geschnieft und angestrengt getippt, man räuspert sich langsam und gepresst und erschrickt sich zu Tode, wenn die PET-Wasserflasche plötzlich dieses Kunststoffknackgeräusch macht, nachdem man etwas getrunken hat. Und selbst, wenn lange alles gut geht, fängt irgendwann der Magen unangenehm laut an zu knurren, die Nebensitzer schmunzeln und anstatt sich weiterarbeitend eine Schnitte zwischen die Zähne zu schieben, muss man den Raum verlassen und vor der Türe essen.

Das alles mag ich nicht. Ich mag es, mir einen Stapel Bücher aus dem Freihandmagazin auszuleihen oder Kapitel zu überfliegen, herauszufinden, was ich brauchen kann, und dann ein bisschen zu kopieren. Ich mag übrigens auch wie Kopierer und frische Kopien riechen. Ich mag es, morgens aufzustehen und dann einfach im Schlafanzug zu bleiben. Mich mit der größten Kanne Tee der Welt an meinen Schreibtisch zu setzen, um den ich nicht kämpfen muss, weil er schon am denkbar besten Platz im Zimmer steht und auch kein anderer dort sitzen will. Ich mag es, meine Notizen vollzukrümeln und sie in einer bestimmten Ordnung liegen lassen zu können, den ganzen Tag und die ganze Nacht. Ich mag es, um mich herum einen Wall aus Büchern aufzubauen, durch den hindurch ich in meine Küche oder in mein Bad schlurfen kann, weil ich hungrig bin oder mal muss. Und ich mag es, während ich mir die Hände wasche, nicht fürchten zu müssen, dass irgendein Fremder mit lautem Atem gerade meinen Computer klaut. Am allermeisten mag ich aber die Arbeitsatmosphäre dort, wo niemand ist außer mir. Ich werde nie verstehen, wie man es vorziehen kann, sich in einem Raum zwischen Regalen zu ballen, anstatt im stillen, schönen Kämmerlein zu sitzen und aus dem Fenster schauen zu können, wann immer man will. 

Text: veronique-schneider - Foto: jala/photocase.com

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