Ist Madonna zu alt? Ein Fall für zwei

Madonnas neues Album erscheint in diesen Tagen und die Künstlerin ist wieder einmal überall. Doch was bedeutet uns Madonna heute noch? Ein Streit über eine ältere Lady (und den Sex).
meredith-haaf

Schon gut, ich weiß, es handelt sich hier um eine Ikone des Pop über die sämtliche postmodernen Theoretiker mindestens ein Großwerk verfasst haben etc.pp. Ja, Madonna hat viele Bahnen gebrochen und metaphorische Schallmauern durchstoßen, mit ihrem Willen zum Skandal, ihrer aggressiven Anzüglichkeit und ihrer Selbstinszenierung als stahlharte Geschäftskünstlerin. Sie ist extrem reich, extrem bekannt und so wichtig, dass junge Popstars alles für ihre Absolution geben. Sie ist der Maßstab, der vor allem an weibliche Poppersonen gehalten wird. Das alles ist zweifellos beeindruckend. Gerechtfertigt ist es aber heute nicht mehr, Madonna als die Obergöttin der Musikindustrie zu feiern.

Bild: dpa Klar ist sie immer noch fähig, Hits zu erzeugen. Aber die Provokationslust ist ihr inhaltlich und musikalisch schon lange abhanden gekommen. Das neue Album klingt nicht großartig anders, als alle anderen Alben, die in den letzten paar Jahren von den Neptunes produziert worden sind. Kracht schon, flasht nicht. Wieso das jetzt zum Großereignis gemacht wird, das in sämtlichen Medien besprochen werden muss, ist nicht mehr nachvollziehbar. Denn nein, Madonna setzt – musikalisch gesehen – keine Standards mehr. Man dürfte sie also getrost wie jede andere erfolgreiche Künstlerin behandeln. Eigentlich ist es aber ihre Selbstdarstellung, mit der Madonna seit ein paar Jahren an ihrem eigenen Sockel sägt. Für mich verkörpert sie perfekt diesen Typ der unreifen Mutter, die es in jedem Freundeskreis gibt. Diese hat nie kapiert, dass sie älter als ihre Kinder ist. Die Freundinnen ihres Sohnes fragt sie nach deren Jeans-Größe und sagt dann stolz, „Ach, wirklich? Ich trage ja Größe 27.“ Sie taucht gern auf den Partys ihrer Tochter auf um „noch ein Glas mit euch zu trinken“. Diese Art von Mutter ist fester Bestandteil der Teenie-Komödie, siehe Stiflers Mom, und ist für ihre Umgebung außerordentlich irritierend: Einerseits beeindruckt sie auf den ersten Augenblick mit ihrem alters-ungemäßen Aussehen und Benehmen. Andererseits macht genau das sie zu einem Quell der Beschämung. Genau wie Madonna. Denn bei all ihren anderen Fähigkeiten beherrscht diese eine entscheidende Kunst nicht: Sie weiß nicht, wie man in Würde altert. Ich meine, die Frau wird dieses Jahr fünfzig und hat in ihrem neuen Video nichts Besseres zu tun, als sich von Justin Timberlake ausziehen zu lassen – zu einem Refrain in dem es darum geht, dass wir nur vier Minuten haben, um die Welt zu retten. Text und Clip entsprechen in etwa dem Reflektionshorizont einer 12-jährigen. Es ist vor allem Madonnas Fixierung auf ihren eigenen Sex, der so unsagbar daneben geht. Denn von natürlicher Erotik darf hier nicht mehr die Rede sein. Auf ihrem Album posiert Madonna mal wieder in Lingerie, ihr Albumtitel ist ein Wortspiel mit dem amerikanischen Internetslang für ein minderjähriges Sexualobjekt. Vor 25 Jahren war es gesellschaftlich relevant, sexuelle Erregung in der Öffentlichkeit zu simulieren und dabei den Anspruch zu erheben, eine Künstlerin zu sein; heute macht das jeder Pornostar. Wie gesagt, Madonna ist über ihre sexuelle Knallhärte – den „SEX“-Bildband, „Like a virgin“, „Justify my love“ berühmt geworden. Ein Vierteljahrhundert nach dem Beginn ihrer Karriere sollte sie sich langsam mal etwas Neues einfallen lassen. Auf der nächsten Seite sagt johannes-siebold, warum Madonna immer noch die wichtigste Frau von Pop ist


Madonna ist mehr als ein Popstar. Madonna ist ein Prinzip. Dabei ist ihre Musik nur schmückendes Beiwerk. Madonna macht Pop-Musik und Pop ist nun eben das, was es immer war: eine mehr oder weniger seichte Hintergrundbeschallung unter dem erbarmungslosen Hammer des kleinsten gemeinsam Nenners weich geklopft. Doch wer Popmusik als Ganzes kritisieren möchte, kann gleich in die KPD eintreten. Madonna ist die personifizierte Projektionsfläche der Verheißung und die heißt: Selbstbestimmung. Aus einfachsten Verhältnissen hoch gearbeitet, sich selbst immer wieder neu erfindend, wandelbar wie kein anderer Star. Sie hat das Phänomen der Popkultur von Grund auf durchschaut: Anstatt zu einem drogenabhängigen Opfer des Betriebes zu werden, das den Ruhm nicht verkraftet hat, bestimmt sie selbst, was und wie Pop zu sein hat. Sie hat das System wirklich von innen durchwandert und beherrscht es nun. Madonna passt sich nicht an, Madonna gibt den Ton an. Ja, und diese Frau besessen. Sie ist derart von ihrer Selbstbestimmung besessen, dass sie auch über ihr eigenes Alter triumphieren will. Madonna Louise Ciccone feiert in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag. Zwar können Algen-Diät, mehrere Stunden Yoga am Tag und Kabbala-Meditationen den körperlichen Verfall nicht aufhalten, aber ihn mit Erfolg verlangsamen. Jugendwahn und Schönheitsterrorismus als Ganzes kann man kritisieren. Aber innerhalb dieser Logik ist Madonna von Peinlichkeiten a la Cher oder Uschi Glas meilenweit entfernt. Von dieser Frau würden sich auch Mike Tyson mit Vergnügen an die Leine legen lassen. (Wer die Faszination von Madonna verstehen will, der lese übrigens von Phillippe Djian "Schwarze Tage, Weiße Nächte"). Madonna zeigt sich und allen anderen, was man mit und aus sich selbst machen kann, wenn man will - und das seit 30 Jahren in immer wieder wechselnden Rollen. Nur Madonna selbst bestimmt, wann Madonna alt ist. Deswegen ist sie eine Ikone. johannes-siebold

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