It's Funkyzeit! Muss man Brüno sehen?

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Dagegen: christina-waechter wird nicht in "Brüno" gehen Ich hätte mir „Brüno“ angeschaut, wirklich, das hatte ich vor. Bis vor ungefähr vier Wochen, als ich die gefühlte zwanzigste virale Marketingaktion der Verleihfirma in irgendeinem der aberdutzend Blogs rund um die Popkultur zu sehen bekam. In genau dem Augenblick war ich satt. Ach was satt. Ich hatte ein solches Völlegefühl, dass mir seitdem jede Begegnung mit dem schwulen Modereporter Übelkeit bereitet. Jedes Kind weiß seit gut einem Jahr, dass „Brüno“ ins Kino kommt. Seit spätestens sechs Monaten kennen wir die Handlung in groben Umrissen und dank der dutzendfach erhältlichen Trailer, Ausschnitte, Fotos und Beschreibungen haben wir alle schon mal über die witzigsten Szenen des Films gelacht. Ich gehe mal davon aus, dass vor einigen Jahren so ein aggressives Marketing vielleicht noch Sinn gemacht hat. Doch spätestens seit das Internet wirklich überall angekommen ist (und das ist es nun auch schon seit einigen Jahren), sollte eigentlich jedem Werbestrategen klar sein, dass virales Marketing sich nicht dadurch auszeichnet, dass man das Internet mit Fotos, Videos und Ausschnitten vollmüllt.

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Illustration: Julia Schubert

Das Problem bei dieser allgegenwärtigen Bewerbung ist ja auch: Man kann nun mal nur ungefähr zwei Mal darüber lachen, wenn Sasha Baron Cohen seinem Baby den Namen „O.J“ gibt. Ab dann wird es ein bisschen fade. Vor allem Witze der Marke „besonders provokant“ nutzen sich ziemlich schnell ab. Die Aussicht, diese Szene noch einmal im Kino vorgesetzt zu bekommen – noch dazu als Highlight – ist da nicht besonders verlockend. Und deshalb verstehe ich die „Brüno“-Werbestrategie kein bisschen. Meinen die denn, man müsste auch noch in Zeiten des Internets jeden einzelnen Menschen auf diesem Planeten einzeln erreichen? Muss Cohen in rosa Fleischanzug vor dem Brandenburger Tor stehen, wo er doch schon einen Tag vorher in Spanien als Stier verkleidet vor den Pressefotografen herumstolziert ist – und die ganze Welt hat es gesehen? Egal, wie gut „Brüno“ auch sein mag, ich werde mir den Film nicht anschauen. Immerhin habe ich über die besten Szenen schon gelacht, mehr wird mich im Kino auch nicht erwarten. Und weil ich dank der aggressiven Werbemaschinerie so bis obenhin angefüllt bin mit „Brüno“, habe ich eh das Gefühl, den Film schon gesehen zu haben – und mir ein paar Euro gespart. Nächste Seite: Warum man den Film auf gar keinen Fall verpassen sollte


Pro: xifan-yang wird heute noch ins Kino gehen Nach „Ali G“, „Borat“ und „Brüno“ ist das Rollenrepertoire von Sasha Baron Cohen nun vollends ausgeschöpft. Die Dildos und Netzhemden, die im Film vorkommen werden, hat man schon vor Augen, da hast du Recht. Es gibt keinen einzigen Körperteil von Sacha Baron Cohen, den man benennen kann, der noch nicht nackt über Zelluloid geflimmert ist. Allerdings haben sich bei mir noch keine Ermüdungserscheinungen breit gemacht. „Ali G“ und „Borat“ zählen beide zu den lustigsten Kinoerlebnissen, die ich hatte. Ich finde, mit „Brüno“ ist es genauso wie mit einem Lieblingsgericht: Schon hundertmal probiert, bestellen kann man es aber immer wieder. Das unausweichliche Marketinggeschütz, das Sasha Baron Cohen in den letzten Monaten aufgefahren hat, halte ich im Gegensatz zu dir aber für eine Riesenleistung. Selten hat man jemanden aus der Unterhaltungsbranche gesehen, der sich mit soviel Leidenschaft in ein Projekt stürzt. Natürlich wird sich der Gute an dem Film dumm und dämlich verdienen – nichtsdestotrotz ist es beachtlich, wie er es in den letzten Jahren geschafft hat, Ali G, Borat und Brüno einem als Kunstikonen auf ewig ins Gedächtnis einzubrennen. Und: Sasha Baron Cohen ist nicht nur der erfolgreichste Komiker unserer Zeit - er ist auch der begnadetste.

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Illustration: Julia Schubert

Was ich an Sacha Baron Cohen besonders schätze, ist sein Verständnis davon, wie Kunst den Menschen ansprechen soll. Oder besser gesagt, wo Kunst einen im Idealfall treffen muss. Sacha Baron Cohen macht das vermeintlich Unmögliche möglich: Sein Humor spricht sowohl Genital als auch Hirnzellen an. Das wäre in etwa so, als gäbe es eine Zeitung, auf die sich BILD- und ZEIT-Leser gleichermaßen einigen könnten. Je nachdem, auf welchem Niveau die eigene Schmerztoleranz angesiedelt ist, muss man für einen Cohen-Film außerdem ein gewisses Maß an Masochismus in den Kinosaal mitbringen. Der Begriff „Fremdschämen“ hat in den letzten Jahren eine beachtliche Karriere gemacht. Dabei ist das Gefühl, aufgrund der Untragbarkeit von jemand anderem in Grund und Boden versinken zu wollen, bestimmt keine neue Erfindung. Zum öffentlichen Dauerzustand konnte es erst werden, seitdem Nobodys bereit sind, sich um jeden Preis im Fernsehen zum Deppen zu machen. Sacha Baron Cohen treibt das Prinzip Fremdschämen sozusagen auf die Spitze. Als er 1998 das erste Mal als Ali G auftrat, lange vor DSDS und Dschungelcamp, war er seiner Zeit schon weit voraus. Mit dem bedeutenden Unterschied, dass Peinlichkeit bei ihm kein Unfall ist, sondern selbstbestimmt. Auch „Brüno“ bedient wieder unseren Voyeurismus – und macht ihn einem zugleich bewusst. Das hat neben dem Unterhaltungsfaktor durchaus einen Lerneffekt. Cohen ist als Superstar auf dem Zenit seiner Karriere angelangt, und hat sich damit selbst seines künstlerischen Nährbodens beraubt. „Brüno“ wird nichts mehr toppen können. Überpräsenter Hansdampf hin oder her – das ist womöglich die letzte Gelegenheit, Sacha Baron Cohen auf Leinwand zu erleben.

Text: jetzt-redaktion - Bild: ap, afp

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