Ja, Kachelmann muss weg! Man muss sich Jörg Kachelmann nicht als glücklichen Menschen vorstellen. Man weiß bereits, dass er es ist. So vage Kachelmanns Wettervorhersagen sind, so zuverlässig ist seine gute Laune. Das kann man ihm nicht vorwerfen, man muss vielmehr seinem Publikum, den Deutschen, vorwerfen, dass sie einem bedingungsloses Narrenfreiheit gewährten, nur weil er in seinen zweiminütigen Wettermoderationen ein lustiges Wort (oder was man so landläufig dafür hält) einflocht. Selten hat sich jemand schneller zur Kultfigur gemacht und dieses Image nervtötender ausgeschlachtet als Kachelmann, der sich selber immer noch mit Augenzwinkern Wetterfrosch und Schlimmeres nennt - in der sicheren Erwartung, damit an gekachelten deutschen Wohnzimmertischen für grenzenlose Heiterkeit zu sorgen. Es gilt hier eben schon als fördernswerte Begabung, wenn einer nicht ausschließlich grimmig ist. Das alles, diese Proliferation von öffentlich-rechtlicher Witzelei, diese Kachelmannisierung ganzer Bevölkerungsschichten, mochte verwindbar sein. Richtig übel nehmen musste man allerdings, dass er trotz des erfolgreich gegebenen Charakters „vertrottelter Wissenschaftler“ noch Talkrunden und Abendshows leiten wollte. Und dass keiner in den Planungsredaktionen rechtzeitig Einhalt gebot, bevor ein schluffiger Meteorologe im stundenlangen Emo-Talk verhungerte, wie ein Grönland-Tief über Marokko. Kachelmanns Studienrat-Charme passte einfach zu gut in die rot-grüne Hemdsärmligkeit und in das allgemeine Kapitulieren vor Stefan-Raab. Jetzt aber, inzwischen mit Werbeverträgen, einer öffentlich-rechtlich protegierten Wetterfirma und einer ganzen Nachahmer-Kultur gesegnet, steht Kachelmann immer noch vor der Wetterkarte, wie ein angetrunkener Showmaster und als würde er sich selbst karikieren. Er ist aber nicht Peter Frankenfeld. Er ist nur schlecht angezogen, verschlampt und sagt Sätze wie „Trotz Viagra – da ist auch bei Opa noch ein bisschen Platz in der Badehose!“ (Über Ostseetemperatur). Das alles ist so grässlich. Warum kann er sich nicht ordentlich anziehen und die komischen Fussel vom Kinn wegmachen? Warum merkt er nicht, dass seine Witzader versiegt ist, dass die Zeiten weit zurück liegen, in denen es gesellschaftlich goutiert worden wäre, wenn man als Berufswunsch „Gagschreiber bei Jörg Kachelmann“ angegeben hätte? Warum zur Hölle, muss eine Nachrichtensendung und ein Wetterbericht überhaupt locker sein? Keiner will das. Das angeblich allgemeine Verlangen danach hat der Kachelmann selber geschürt. Es darf begrüßt werden, dass sich offenbar auch die breite Masse schmunzelbereiter Tagesthemen-Gucker genügend mit Kachelmanns badischem Wein angeheitert hat. Jedenfalls ist es inzwischen endlich möglich, Kachelmann ganz offiziell zum schlechtangezogensten und unästhetischsten Menschen Deutschlands zu küren, ohne den Volkszorn zu reizen. Kachelmann kann so etwas natürlich nichts anhaben und erst recht nicht seinen schiefen Anzügen und breiten Krawatten – vermutlich etabliert er den Schmuddel gerade als liebenswerte Eigenheit. Und vermutlich hat er damit Erfolg. max-scharnigg

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Foto: dpa Nein, Kachelmann bleibt! Jörg Kachelmann öffentlich in den Regen zu stellen, ist so einfach, wie im Winter Frost vorherzusagen. Der Mann ist ein weiches Ziel für Spott und Häme - und allein deshalb schützenswert. Wer Dinge anders macht als bisher, macht sich immer Feinde. Zumal bei so wichtigen Dingen wie dem Wetterbericht.

Aber es gibt noch mehr Gründe, sich auf seine Seite zu schlagen - trotz absurder Werbe- und Moderationsauftritt des Schweizers. Kachelmann hat die Wettervorhersage verständlich gemacht. Kaltfronten, Niederschläge und Biskaya-Tiefs hat er aus dem Fernsehen verbannt. Dass er sie durch Formulierungen ersetzt hat, die er selber womöglich als „flapsig“ bezeichnen würde, ist zugegeben Geschmackssache. Ebenso sein Bart oder sein „Penner-Look“ (Bunte) genannter Kleidungsstil. Ganz und gar nicht Geschmacks-, sondern Verstandessache ist jedoch, dass man bei Kachelmann begreift, dass das Wetter Mist wird, wenn er von „üblem Regen“ spricht. Wenn er auf die Deutschlandkarte am Ende der Vorhersage schreiben lässt, dass es morgen regnet, versteht das sogar der tatsächlich extrem dämliche Werbewetterfrosch, der Kachelmanns Auftritt nach den Tagesthemen präsentiert. Dass man, bevor Kachelmann das Wetter vorhersagte, der Meinung war, dass eine graue Wolke hinter der eine Sonne hervorschaut, eine präzise Prognose darstellt, beweist wie nötig der Mann ist. Er hat gezeigt, dass Meteorologie auch ohne Fliege und Drück-Knopf am Band funktioniert. Mit dieser absonderlichen Technik wurden nämlich vor Kachelmann neue Satellitenbilder eingespielt. Das muss nicht sein. Eine Vorhersage kann auch stimmen, wenn sie ein im Wind stehender Mann in Gore-Tex-Jacke in ein wildschweingroßes, extrem haariges Mikrofon sagt. Unbestritten ist natürlich dennoch, dass es im Radio und beim Fernsehen jede Menge schlechte Kachelmann-Imitatoren gibt, die auch „flapsig“ sein wollen, vom Wetter, Moderieren und Vorhersagen aber keine Ahnung haben. Diesen traurigen Trend des „lustigen Wettermanns“ nun aber Herrn Kachelmann in die Schuhe schieben zu wollen, ist so falsch wie den Meteorologen für das schlechte Wetter verantwortlich zu machen. Dass beim ZDF ein extrem unlustiger, schlechter Moderator im Morgenmagazin verrät, wie das Wetter wird, daran trägt Jörg Kachelmann keine Schuld. Dass ist nun tatsächlich ausschließlich das Problem von Ben Wettervogel.