Kino im Freien? Ein Fall für Zwei

Neben der Eventform "Lange Museumsnacht" erfreut sich in unseren Städten vor allem das Draußenereignis "Kino Open Air" großer Nachfrage. Schlimm oder toll?
christian-berg
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Illustration: Julia Schubert

Kino im Freien: Super! findet daniel-schieferdecker Mal ganz im Ernst: Das einzige zulässige Argument gegen Freiluftkino ist schlechtes Wetter. Das sehe ich ein. Aber was bitte soll denn ansonsten daran auszusetzen sein, sich einen schönen Film unter freiem Himmel anzusehen? Nichts. Rein gar nichts. Sicher, nach Sonnenuntergang wird es auch im Sommer schon mal etwas frisch. Aber es gibt doch nichts Schöneres, als sich unter der mitgebrachten Kuscheldecke an den liebreizenden Körper seines Partners zu schmiegen und sich gegenseitig Wärme zu spenden. Und weil im Gegensatz zum herkömmlichen Großleinwandvergnügen auch die störende Armlehne zwischen den zuckerverklebten Kinosesseln fehlt, gibt es keinerlei bautechnischen Einschränkungen, die einen auch nur ansatzweise daran hindern könnten. Und wo wir schon bei den Sitzgelegenheiten sind: Verdreckte Bänke, zu enge Sitzreihen, mangelnde Beinfreiheit – all das gibt es nicht im Freiluftkino. Jeder kann sich hinsetzen, wo er will. Und wenn sich tatsächlich mal ein Zweimeterriese direkt vor einen setzt, rückt man Stuhl, Liegestuhl, Hocker, Iso-Matte, Luftmatratze, Bärenfell oder Picknickdecke einfach ein paar Schritte weiter. Denn nicht nur, dass man im Openair-Kino freie Platzwahl hat, man kann sich seinen Platz auch noch nach eigenem Wohlgefallen selbst gestalten. Der Hocker ist dir zu hart? Bring dir ein superbequemes Wohlfühlkissen mit. Campingstühle findest du doof? Komm einfach mit deinem Fernsehsofa vorbei. Du findest sitzen generell unbequem? Dann leg dich doch einfach hin. Im Gegensatz zum herkömmlichen Kino gibt es bei den Freiluftvertretern kein „Darf nicht. Geht nicht. Soll nicht.“ Denn ein Openair-Kino ist so etwas wie eine cineastische Swingerparty nach dem Motto: „Alles kann, nichts muss.“ Das fängt bei der alternativen Filmauswahl abseits vom gängigen Mainstream-Kino an und hört bei den individuellen Vorstellungen eines gelungenen Kinoabends bei jedem einzelnen auf. Deshalb kann man eben auch seinen Hund mit auf die Picknickdecke legen, sich auf seine mitgebrachte Kiste Bier setzen oder sich eine leckere Pizza Quattro Stazioni bestellen und über den Zaun anreichen lassen. Natürlich gibt es leichte Einbußen in punkte Bild- und Soundqualität, das liegt in der Natur der Sache. Doch in Anbetracht der vielen Vorteile und dem wetterbedingten Seltenheitswert eines gelungenen Freiluftkinoabends sind solche Schönheitsfehler leicht zu verschmerzen und machen die ganze Angelegenheit doch erst liebenswert. Ecken und Kanten statt weichgespültes Kommerz-Konsens. Das hat Charakter. Denn Freiluftkino bedeutet immer auch Improvisationskino. Und Improvisation bedeutet Spaß. Ganz einfache Milchmädchenrechnung. Widerspruch! Auf der nächsten Seite erklärt Christian Berg, warum er Kino im Freien nicht leiden kann.


Kino im Freien: Auf keinen Fall! findet christian-berg Die Rechnung geht nicht auf und die Gründe dafür stehen allesamt in deinem Text: Luftmatraze, cineastische Swingerparty und Improvisation sind nur drei von quasi unendlich vielen Gründen gegen das Freiluft-Kino. Dabei will ich gar nicht über mangelnde Tonqualität oder schlechtes Bild im Open-Air-Cinema schimpfen. Ich meide solche Veranstaltungen wegen der Zuschauer, die wirken nämlich tatsächlich so wie ich mir Besucher eines Swingerclubs vorstelle: Irgendwie aufgeregt, aber voll und ganz ungeil. Was ich damit meine? Ich komme mit all den Erwartungen nicht zurecht, die bergeweise von kuschelnden Pärchen in Freiluftkinos geschleppt werden. Kino ohne Dach ist für sie der Anfang eines ganz besonderen Abends. In ihren Köpfen haben sie sich schon ausgemalt, wie schön alles werden muss: Kuscheln, gemeinsam aus einem Plastikbecher Weißwein-Schorle trinken und nach dem völlig egalen Film eine Sternschnuppe beobachten. Natürlich ist die Realität, bis auf den Plastikbecher, anders. Ein leichter Niesel setzt ein, der Boden (auf dem man sitzend kuscheln wollte) ist nass und für die schöne Luftmatraze ist irgendwie nicht genügend Platz. So kulminieren die unerfüllten Erwartungen in Freiluftkinos zu einer kollektiven Gereiztheit, die das Gegenteil dessen ist, was das Sommer-Kino sein will: entspannt. Und wenn ich Mainstream-Quatsch in gereizter Atmosphäre sehen will, kann ich mich auch in den bequemen Sessel eines Multiplex-Tempels setzen. Das tue ich aber auch eher selten, denn Entspannung findet man dort auch nicht. Die gibt es übrigens in ausreichenden Mengen an Orten, die nicht mit erzwungenen Erwartungen überfrachtet sind; in dunklen, muffigen Programmkinos, die gerade im Sommer herrlich leer sind. Denn wegen des Freiluft-Kinos sind nicht mal die Cineasten da. Ein Traum!

Text: christian-berg - und daniel-schieferdecker; Foto: FlowinBeatz/photocase.de

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