Oh Tannenbaum oder No Tannenbaum?

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Wenn erstmal kein Baum mehr da ist, vermisst man ihn auch nicht, sagt Nadja

„Weihnachten wird unterm Baum entschieden" lautet der aktuelle Slogan eines großen Elektronikmarkts. Mal davon abgesehen, dass Weihnachten überhaupt nichts entschieden, sondern im besten Fall bloß wahnsinnig viel gegessen und jede Entscheidung aufgeschoben wird, wird es dort, wo ich Weihnachten feiere, auch keinen Baum geben. Und ich finde das nicht schlimm.

Als Kind gefiel mir an der ganzen Weihnachtsbaumsache die Bäumchenschlagen-Aktion am besten: Mehrere Familien fuhren mit der gesamten Kinderschar im Auto an einen Ort, an dem man sich ein Bäumchen fällen durfte, die Erwachsenen tranken danach auf einer Hütte Heißgetränke und die Kinder spielten, bis sie nass und steif gefroren wieder in die Autos gesetzt wurden, auf dass die Heizung sie auftaue. Auch das Bäumchenschmücken war schön, immerhin hatte man den Baum eigens ausgesucht und aus dem Wald geschafft, also lieb gewonnen. Aber trotzdem war der Baum doch nie das, was den Weihnachtsabend weihnachtlich machte. Das war die Bescherung oder das gemeinsame Essen. Und das ist auch bis heute so geblieben.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert



Als die Kinderschar langsam zu einer Jugendlichenschar wurde, ließ man das Bäumchenschlagen sein und so fehlte zum jährlichen Baum auf einmal der emotionale Bezug. War halt irgend so ein Baum. Meine Eltern, bei denen ich für gewöhnlich die Festtage verbringe, schafften ihn dann aus verschiedenen pragmatischen Gründen ganz ab. Zunächst einmal vertragen sich ein junger Hund, eine baumaffine Katze und gläserne Christbaumkugeln nicht sonderlich gut. Des Weiteren fahren meine Eltern über Silvester oft in den Urlaub und entschieden, dass man sich für die paar Tage, an denen alle fünf Familienmitglieder daheim waren, eigentlich nicht die Arbeit machen müsse, irgendein halbwegs grades grünes Ungetüm zu finden, das dann bloß den Fußboden vollnadelt und im nächsten Schritt den Stabsaugerbeutel verstopft. Die erste Reaktion, die uns Geschwistern auf die Ankündigung einer baumlosen Weihnacht entfuhr, war: „Weihnachten ohne Baum? Das geht doch nicht!" Das war eine Empörung, die ich als natürlich empfand: Weihnachten ohne Baum, da muss man doch dagegen sein, der Tradition wegen und so!

Ich wehrte mich also gegen die Abschaffung des Baumes. Aber ich wehrte mich eben nur solange, bis der erste unbegrünte Heiligabend dann schließlich da war und mir beim dritten Glas Wein so langsam bewusst wurde, dass ich höchstens ein Mal in die Ecke geschaut hatte, in der in den Jahren zuvor immer der Baum stand, und dass ich irgendwie nichts vermisste. Zum einen, weil die Ecke natürlich nicht leer war, da stand ein Schrank oder eine Lampe, die man sonst immer hatte wegrücken müssen. Zum anderen, weil der Abend ohnehin voller Traditionen war, sodass die eine, die fehlte, gar nicht ins Gewicht fiel – ein Beweis dafür, dass von ihr viel weniger abhing als beispielsweise vom Raclettegrill oder der geteilten Meinung über die Musikauswahl. Außerdem hatte man doch Bäume allerorten, wenn man sich nur mal vor die Tür stellte, konnte man bestimmt drei bis fünf verschiedene in der Nachbarschaft sehen.

Seit diesem ersten Weihnachten ohne Baum, hat keiner von uns je wieder einen gefordert. Wahrscheinlich muss man eine Tradition einfach mal aussetzen, um überprüfen zu können, ob man sie tatsächlich braucht, oder ob das, für das sie angeblich so wichtig ist, auch ohne sie funktioniert. Wie heißt es immer so schön: Man merkt erst, wie wichtig etwas einem ist, wenn es nicht mehr da ist – oder man merkt dann eben leicht erstaunt, dass es einem überhaupt nicht wichtig ist.

Auf der nächsten Seite plädiert Charlotte Haunhorst für den Christbaum.


Ich will einen Baum - und alles, was dazu gehört, sagt Charlotte

„Weihnachten ohne Baum? - Da würd' ich heulen!" war meine erste, spontane Reaktion auf Nadjas Abgesang auf den klassischen Weihnachtsbaum. Bei uns zuhause gibt es seit ich denken kann immer einen echten (!) Baum mit echten (!) Kerzen und viel zu viel, nicht zusammenpassendem Baumschmuck. Würde dieser Baum eines unschönen Heiligabends auf einmal fehlen und stattdessen ein dicker Plastikweihnachtsmann, der ein schepperndes „Ho ho ho" von sich gibt, ihn ersetzten – ich würde mich beleidigt in die Ecke setzen, keins meiner Geschenke anrühren und beim anschließenden traditionellen Raclette meine drei Brüder zum Hungerstreik aufrufen. Mit Erfolg, da bin ich mir sicher.

Doch woran liegt es, dass ich so dermaßen an einem Stück Gestrüpp im Wohnzimmer hänge? Zugegebenermaßen – praktisch ist ein Weihnachtsbaum nicht. Bei uns versperrt er jedes Jahr die Toilettentür. Das führte nicht selten zu trippelnden Geschwistern am Heiligabend, die den Weg zum weiter entfernten Badezimmer scheuten, aus Angst, etwas zu verpassen. Auch die Sache mit den echten Kerzen ist nicht immer so stilvoll wie gewünscht. Nachdem im letzten Jahr plötzlich ein Teil des Baums in Flammen stand, wollte meine Mutter ihn mit einem beherzten Griff zum stets bereitstehenden Wassereimer löschen. Leide hatte sich an diesem zuvor der Dackel meiner Großeltern gütlich getan, der Eimer war leer. Nach einer darauf folgenden, breit angelegten Löschaktion von meinen Geschwistern und mir hatte das Jesuskind in seiner Krippe zumindest den Freischwimmer absolviert.

Auch die Auswahl und das Aufstellen des auserkorenen Baumes sind jedes Jahr eine aufwändige Inszenierung. Im ersten Akt beschließen wir stets einstimmig, uns an die natürliche Begrenzung durch die Zimmerdecke zu halten, und keinen Baum über 2,50 Meter Höhe zu erwerben. Der zweite Akt spielt in der Tannenzüchtung, wo sich ein Familienmitglied in eine unglaublich dichte, wunderschöne Nordmann-Tanne verliebt, die leider 3 Meter hoch ist. Im dritten Akt – dem vorläufigen Höhepunkt der Inszenierung – entbrennt dann zuhause die Diskussion, wo der Baum gekürzt werden muss. Soll die Spitze abgeschnitten werden, insistieren Kindern: „Woran wird denn dann der traditionellen Weihnachtsstern befestigt?" Wird hingegen eine Verstümmelung von unten vorgeschlagen, zetern die Eltern: „Ich werde verdammt noch mal den Baum nicht aus dem Ständer nehmen, jetzt wo er nach Stunden des Balancierens endlich steht!". Bei vier Kindern ziehen meine Eltern allerdings zumeist den Kürzeren – ein fluchender Vater zieht im vierten Akt in den schneeverwehten Garten um die Tanne zu kürzen.

Also – warum das jährliche Heckmeck um den Weihnachtsbaum? Weil er die Familie jedes Jahr dazu bringt, etwas gemeinsam zu unternehmen. Egal wie weit entfernt meine Brüder und ich mittlerweile von Zuhause leben – auf den Weihnachtsbaum einigen wir uns jedes Jahr gemeinsam als Familie. Wir diskutieren dabei über die unnötigsten Dinge (Lametta vs. unförmige Kinderbasteleien), streiten uns vielleicht sogar. Aber wenn dann im fünften Akt, am Ende der Weihnachts-Inszenierung, der Baum von diversen Nylonfäden gehalten aufrecht steht, kommt stets ein Gefühl des Zusammenhalts auf. Die vielen Kerzen am Baum brennen endlich und die ganze Familie stimmt bei Sauna-ähnlichen Temperaturen schief „O Tannenbaum" an. Dann freut sich jeder von uns und denkt: „Das hätten wir mal wieder gemeinsam geschafft." 

Text: nadja-schlueter - Foto: AndreasF. /photocase.com

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