Online-Petitionen: Schwachsinn oder Demokratie at its best?

Zurzeit kursieren Mails mit der Bitte, sich auf der Seite stopptbeckmann.de mit einer "Unterschrift" dagegen zu wenden, dass Reinhold Beckmann in der ARD das WM-Finale kommentiert. Vermutlich sind die Chancen gering - die Aufmerksamkeit, die diese Petitionen dagegen bekommen, umso höher. Um Sinn und Unsinn solcher Aktionen geht es heute im Fall für Zwei.
dirk-vongehlen

Online-Petitionen sind super findet dirk-vongehlen Sie waren geschockt, aber sie hatten eine Antwort: als vor genau einem Jahr Selbstmord-Attentäter den Terror in die britische Hauptstadt trugen, reagierte Alfie Dennen sehr schnell. Kurz nach dem die Bomben in London explodiert waren, stellte er die Seite We're not afraid ins Netz. „Wir wollen den Menschen eine Stimme verleihen“, sagte der Londoner damals – und verlieh zahlreichen Menschen in den Monaten nach den Anschlägen eine Stimme. Sie alle haben Bilder auf Alfies Webseite hochgeladen, mit denen sie sagen: Wir haben keine Angst. Wir sind nicht allein. Wir wehren uns gegen den Terror. Wenn man über Online-Petitionen spricht, muss man über Alfie Dennen reden und nicht über Christian Ulmen, Bernd Stromberg oder Mehmet Scholl. Man muss über das Gefäß reden und nicht über den klebrigen, dämlichen Inhalt, den manch einer damit verschüttet. Denn obwohl man auf einem MP3-Player Songs von Yoomiii oder den Killerpilzen abspielen kann, möchte ich auf die Technik dahinter nicht mehr verzichten. Genauso verhält es sich mit Online-Petitionen. Es ist einfacher, online Unterschriften zu sammeln als eine U-Bahnfahrkarte zu kaufen. Aber es ist wie mit allen demokratischen Ideen: Eine Technik, die jedem zur Verfügung steht, steht natürlich auch jedem Deppen zur Verfügung – aber eben auch dir und deinen Anliegen. Du hast die Möglichkeit, dich zu äußern, Gleichgesinnte zu finden, zu sagen: Ich bin nicht allein. Alfie Dennen erklärte es im vergangenen Sommer, als er über seine Petition sprach, so: „Sie soll uns allen helfen, weiterzumachen, uns überparteilich zusammenzuschließen und uns die Gelegenheit geben, die Ereignisse zu reflektieren.“ Und alle, die davon genervt sind, können es ja machen wie ich mit Herrn Beckmann: einfach den Ton abdrehen und nicht hinhören, wenn ich am Sonntag das Spiel anschaue.

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Illustration: Julia Schubert

Online-Petitionen sind wertlos, sagen max-scharnigg und peter-wagner Mal geht es um das Jungen-Gesicht auf der Kinderschokolade, dann um die Nachnominierung eines Fußballspielers und gerade darf sich jedermann die Frage stellen, ob Reinhold Beckmann zu den Bildern des WM-Finales in Berlin rhabarbern darf. Die Themen sind, das zeigt schon die kleine Auswahl, beliebig. An solchen Petitionen können sich all jene gütlich tun, die sich gern Powerpoint-Präsentationen mit vermeintlich lustigen Bilderfolgen oder mp3-Dateien mit gespielten Witzen zusenden. Inhaltlich kann man diese Aufrufe vergessen, sie sind oft genug das Ergebnis eines mal mehr, mal weniger beschmunzelnswerten Web-Büro-Humors. Gehuldigt wird mit dem Klick oder mit der Angabe des richtigen/falschen Namens in der "Unterschriftenliste" nur dem, der die Idee zu der neuen Aktion hatte, der einem diffusen Unbehagen oder nur einer Stimmung ein Forum programmiert hat. Dort finden sich dann ein paar Tage lang all jene ein, die Beckmann eben "scheisse" finden und die das wenigstens einmal mit ihrem Namen in einer Liste belegen müssen. Damit der Groll mal rauskommt. Damit das mal gesagt ist. Nebenbei kann man dann noch abstimmen, ob nicht Angela Merkel das Finale kommentieren sollte. Selbst wenn es sich um ernstgemeinte Petitionen handelt: auch ihnen mangelt es an Glaubwürdigkeit. Den Initiatoren wird kaum mehr Einsatz abverlangt. Die Tage der Unterschriften-Sammel-Aktionen in deutschen Fußgängerzonen sind gezählt. Die Zeit ist vorbei, in der man seine Energie noch in mühsame Gespräche mit Passanten investieren musste. Um Überzeugungsarbeit zu leisten. So gering also heute der Aufwand für solche Aufrufe ist, so wertlos ist auch das Ergebnis, die Unterschriftenliste. Denn: Eine echte Unterschrift bedingt Nachdenken. Sie ist eine Art Siegel. Aber der im Vorbeistreifen flüchtig getippte Name oder Nickname - was drückt er aus, außer: Ich war auch hier! Die Wertlosigkeit der eingesammelten Stimmen, hinter denen in den meisten Fällen nun mal nicht mehr steckt als flachsiges Daumen hoch oder runter, entlastet auch den Petitionserfinder. Die gewaltigen Mengen von "Re: Sendung mit der Maus muss bleiben!"- Mails die bei ihm eingehen, sind nichts anderes als die "lol"-Beiträge unter seinem Blog. Digitaler Stimmmüll, der zu nichts verpflichtet, der nahezu beliebig reproduzierbar ist und deswegen auch nirgends Eindruck schindet. Online-Petitionen befördern eine seltsame Form von Pseudo- oder Stimmungsdemokratie. Jeder darf mitreden, jeder darf "voten", ratzfatz, und im Handumdrehen zu Themen den Daumen heben oder senken, die überhaupt nicht zur Abstimmung stehen. Wie in der Causa Beckmann, in der wir uns übrigens gern dem Ansinnen unseres Vorredner anschließen: Wir tippen unsere Namen nicht in Listen, wir schalten ebenfalls den Ton ab. Illustration: Marcus Holzmayr

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