Regenbogenfähnlein im Wind?

Die Homo-Ehe wurde in den USA legalisiert und die Profilbilder im Social-Web leuchten plötzlich in Regenbogenfarben. Plumpe Selbstinszenierung oder löbliche Solidarität? Ein Fall für zwei.
jakob-biazza


"Regenbogenfahnen sind keine Form von Solidarität, sondern Selbstinszenierung in einer homogenen Gruppe", findet jakob-biazza.

Klausi ist jetzt auch für Schwule. Auf Facebook jedenfalls. Da hat er eine Regenbogenfahne über sein Profilfoto gelegt. Er reagierte damit, wie so viele andere im Netz gerade auch, auf die Entscheidung des amerikanischen Supreme Court, die gleichgeschlechtliche Ehe landesweit zu legalisieren. Großer Schritt! In den vergangenen Monaten war Klausi auf Facebook nämlich für Tauchreisen zu den Philippinen – jedenfalls sah man ihn da noch mit Schnorchel und Flossen am Strand.



Jetzt also die Flagge. Und mit ihr wohl die Botschaft: Ich freue mich für Homosexuelle, dass sie in den USA jetzt dieselben Rechte genießen wie Heterosexuelle. Ich finde die Homo-Ehe eine prima Sache. Ich unterstütze das Anliegen. Ich bin nämlich für Gleichberechtigung. Irgendwas in der Art. Kann man ja als aufgeklärter Westeuropäer wenig dagegen sagen. Und genau das macht den Vorgang so verflucht verdächtig. Vor allem, wenn man sich die Adressaten ansieht: die eigenen Facebook- oder Twitter-Freunde.

Es gibt, das vergisst man ja so leicht, weil das Netz als Heilsbringer der Pluralität gilt, quasi nirgends eine solche Meinungshomogenität wie im eigenen Facebook-Freundeskreis. Solidarität braucht, will sie Gewicht haben, aber zweierlei: jemand, dem es dreckig geht, Menschen also, die auf einen übermächtigen Gegner blicken. Und eine Öffentlichkeit, die diese Ungerechtigkeit wenigstens stillschweigend toleriert oder unterstützt. Eine solche Öffentlichkeit ist die eigene Timeline aber eben nicht.

Öffentliche Solidarität mit der Facebook-Mainstream-Meinung ist deshalb eben keine echte Solidarität. Es ist Selbstinszenierung. Man versichert sich der eigenen Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Einer Wertegemeinschaft. Das hat die argumentative Kraft von Kabarettisten, die den SPD-Mitgliedern im Publikum erzählen, wie machtverliebt Angela Merkel ist. Und es bringt dieselben Normen mit sich: Wer keine Flagge zeigt, wird beinahe schon verdächtig, das Thema Gleichberechtigung nicht wichtig zu finden.

"Wir kotzen auf all die Menschen, die nun plötzlich sagen, dass sie unsere Freunde sind."

Eine Regenbogenfahne, ein "Je suis Charlie"-Logo, ein "Atomkraft? Nein Danke"-Schriftzug im Social-Web gaukeln echte politische Überzeugung also nur vor. Tatsächlich sind sie nur die Fortsetzung des Urlaubsfotos mit anderen Mitteln. Und das im besseren Fall.

Im schlimmeren sind sie gleich Heuchlerei. Auch Arnold Schwarzenegger hat seinem Profilbild (ordentlich ramponierter Terminator mit dicker Pumpgun auf der Schulter abgelegt) einen Regenbogenanstrich gegeben. Der Typ, der als Gouverneur von Kalifornien 2005 und 2007 ein Gesetz zur Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe mit seinem Veto belegt hat. Er konnte damals zur Rechtfertigung ein paar legale Argumente anführen. Vor allem musste er als Gouverneur aber eine andere Öffentlichkeit bedienen als jetzt, wo er wieder Action-Schauspieler ist. Damals war Solidarität schwieriger.

Deshalb soll das hier auch mit Bernard Holtrop enden. Der Charlie-Hebdo-Zeichner zeigte sich sehr irritiert über den Zuspruch, den er und sein Magazin nach den Anschlägen bekamen: "Wir haben viele neue Freunde gekriegt: den Papst, Königin Elisabeth, Putin. […] Wir kotzen auf all die Menschen, die nun plötzlich sagen, dass sie unsere Freunde sind." Wäre ich homosexuell – ich glaube, mir ginge es gerade ziemlich ähnlich.

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"Solidarität ist nicht automatisch weniger ernst gemeint, nur weil sie auf Facebook gezeigt wird", sagt kathrin-hollmer.  


Sobald im Netz irgendeine Art politischer Protest oder politischer Meinung geäußert wird, ob mit einem Hashtag oder, wie im aktuellen Fall, mit einem Regenbogenfilter über Facebook- und Twitter-Profilbildern, beginnt der Mechanismus von vorne: Ist das überhaupt politischer Protest?, fragen Politiker und Kulturpessimisten dann. Und: Ist es nicht viel zu bequem, von der Couch aus gegen etwas zu sein? 

"Slacktivism", nennen das die Kritiker: fauler Aktivismus, weil er angeblich so einfach ist. Und man sich danach zurücklehnt mit dem Gefühl, schon genug getan zu haben, ohne die Absicht, jemals wirklich etwas zu unternehmen.  

Wie dieser Vorwurf nervt! Wie allein das Wort Slacktivism nervt! Wir müssen nicht diskutieren, dass ein Profilbild schneller ausgetauscht ist als ein Banner auf eine Demo getragen. Online-Aktivismus bedeutet weniger Aufwand im klassischen Sinn. Aber das ist völlig okay. Denn nur weil Meinung zwischen Wohnungsgesuchen und Urlaubsfotos geäußert wird, heißt das nicht, dass sie automatisch weniger wert, weniger ernst gemeint oder echt ist. Jede Art von öffentlich gezeigter Solidarität ist auch Selbstinszenierung. Doch nur im Internet wird einem das auch vorgeworfen, und gegen "echten" Protest und "echte" Solidarität abgegrenzt. Das ist ungerecht und ziemlich rückständig.  

Wer kann sagen, ob jemand nur sein Profilbild regenbogenfarben einfärbt und sich dann nie wieder mit der Gleichbehandlung von Partnerschaftsmodellen beschäftigt? Und ob diejenigen, die in der ersten Reihe mitprotestieren, mehr hinter ihrem Anliegen stehen als jemand, der einen Hashtag twittert?   

Gegner im besten Fall zum Nachdenken bringen - mehr schaffen Demos auch nicht!

Egal ob jemand bei einer Demo mitläuft oder sein Profilbild ändert, er beschäftigt sich wenigstens kurz mit den Hintergründen und signalisiert, dass er für Gleichbehandlung ist und die jüngste Entscheidung in den USA gut findet. Bei jedem Protest geht es darum, ein Zeichen zu setzen, es geht um Solidarität, ein politisches Statement. 

Mir ist klar, dass ein Regenbogenfilter nicht die Welt verändert, aber er ist ein wichtiger Anfang. Und wer mit dem Internet aufgewachsen ist, für den macht es keinen Unterschied, ob er eine Regenbogenfahne aus dem Fenster hängen lässt oder sie über das Facebook-Profilbild legt.  

Ich bin nicht naiv. Ich weiß, dass es auch Leute gibt, die ihr Profil ändern ohne viel darüber nachzudenken, aber ich bin optimistisch genug, um fest daran zu glauben, dass es nur eine Minderheit ist. Denn Online-Protest hat viel bewirkt. Seit #Aufschrei überlegen viele Menschen genauer, ob das, was sie sagen, jemanden verletzen könnte, seit #Justice4Trayvon diskutieren nicht nur die USA, sondern die ganze Welt über Polizeigewalt und Rassismus. Über #Arabellion und #ArabSpring spürte man den Arabischen Frühling auf der ganzen Welt und #StopActa holte 2012 sogar Menschen auf die ganz echte Straße – wo man nie jemandem die Aufrichtigkeit seiner Solidarität abspricht.  

Ich habe einige Facebook-Bekannte, denen ich zutraue, dass sie nichts von der aktuellen Debatte wissen. Wenige von ihnen sind vielleicht sogar gegen eine Gleichstellung. Die werden nun da, wo sie sonst Katzen- und Burger-Fotos liken, auf ein gesellschaftlich wichtiges Thema hingewiesen, ja, vielleicht sogar aufgeklärt. Mehr schaffen Demos auch nicht. Im Gegenteil: Der Regenbogen-Protest im Internet ist sogar nachhaltiger, weil die Profilbilder wenigstens ein paar Wochen bestehen bleiben werden.  

Dass auch die Regenbogenprofilbilder etwas bewirken, ist spätestens bewiesen, seit der russische Politiker Witali Milonow die Aktion als "Homosexuellen-Propaganda" bezeichnete und eine Facebook-Sperre im Land forderte.  


Text: jakob-biazza - und kathrin-hollmer; Foto: sör_alex/photocase.com