"Sakrileg" - lesen oder lassen?

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"Muss man nicht lesen, weil das Prinzip bekannt ist!" sagt max-scharnigg Ich habe „Das Sakrileg“ von Dan Brown nicht gelesen. Ich habe von Plagiatsvorwürfen und Kirchenprotesten gelesen, die mit dem Buch in Zusammenhang stehen, ich habe Rezensionen dazu überflogen und bin schon an mehreren Kilometern Filmplakaten vorbeigefahren, auf denen der Kinofilm zum Buch beworben wird. Ich weiß, dass mit den 40 Millionen Exemplaren, die bisher davon verkauft wurden, noch lange nicht der Endstand erreicht ist und dass es sich deswegen um einen bombastischen Bucherfolg handelt. Aber ich werde es nicht lesen. Nicht, gar nicht, weil ich es für zu trivial halte oder sonst wie nicht angemessen fände oder weil ich mir (wie allerdings bei Coelho) sicher bin, dass es sich dabei um schlimmen Mist handelt. Nein, alles, was derart breit begeistert wie "Das Sakrileg", muss schon irgendwie hervorragend gemacht sein und ich denke auch, dass es mir gefallen würde. Das Buch wäre wie ein Magnum-Eis oder ein Blumfeld-Konzert – ein temporärer Stuckengel meines Lebens, eine unterhaltende Ausschmückung und spannender Zierrat. Das Problem aber ist, dass ich mir eben schon genau vorstellen kann, was dieser Roman mit mir macht. Denn ich werde mit seinen Emotionszutaten bedient werden, wie man in einer Mensa für 40 Millionen andere eben bedient wird – nicht besonders individuell. Ich weiß, dass ich den süffigen historisch-sakralmythisch-spannungsgeladenen Brei schlürfen werde, dessen Rosinen die eingeflochtenen Rechercheergebnisse aus realen Kirchen-, Sekten-, Kabalaaschriften sind, die vielleicht sogar von Dan Brown erstmals gedeutet oder entziffert wurden (wohl eher nicht) oder mir das zumindest suggerieren. Ich weiß, dass es darin 40 Seiten lange Abschnitte geben wird, in denen ich vermeintlich tief in Randwissenschaften und Speziallehren eintauchen werde und die mir das Gefühl geben sollen, hier nicht einfach nur einen Krimi, sondern ein fundiertes Monumentalwerk zu besitzen. Ich weiß, dass es Lesemomente geben wird, in denen ich unerhörte Geheimnisse entdecke, die ich dann beim nächsten Familienessen erzählen würde - vermutlich irgendetwas mit Seitenverhältnissen von Pyramiden und Zeichen auf Dollarscheinen oder ungeklärten Papstmorden. Ich weiß, dass ich mich wohlig gruseln werde, wenn ich im Laufe des Lesens feststelle, dass manche der beschriebenen Vorfälle und Geschehnisse nicht nur tatsächlich passiert sind, sondern noch schlimmer, tatsächlich passieren werden. Ich kann mir auch die fiktionale Matrix für diese populärwissenschaftlichen Pointen ungefähr vorstellen und die obligatorische Portion deftiger Erotik, die die ganze Suppe ab und zu würzt. Ich weiß, dass ich hinterher wissen werde, dass nichts ist wie es scheint, dass alle irgendwie ihre Finger drin haben, dass die wirklichen Mächtigen nicht im Weltsicherheitsrat sitzen, dass es doch mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als sich unsere Schulweisheit erträumen lässt, etc. Ich weiß so genau was mich erwartet, wie es meine alte Jeans weiß, wenn sie im Wäschekorb liegt. Dieses Wissen ist mir bei Magnum-Eis und einem Blumfeld-Konzert ganz recht. Aber der Reiz eines Thrillers ist doch wohl, dass man vorher nicht weiß, was einen hinterher thrillt. max-scharnigg

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Illustration: Julia Schubert

"Sollte man lesen, weil es einfach gut ist!" sagt meredith-haaf Zugegeben – ich war erst mal ziemlich sauer, als meine Mutter mir kurz vor meinem Abflug nach Südamerika diesen Paperbackschinken mit der goldfarbenen Typographie in die Hand drückte. Ich kannte den Schinken. An Bahnhöfen, in U-Bahnen und am Gardasee hatte ich ihn oft gesehen – in der Hand von eher provinziellen Freizeitleseratten. Warum sollte ich es ihnen gleich tun und meine Zeit mit Strandlektüre verschwenden, wenn ich mich in den 12 Stunden Flugzeit genauso gut an Haruki Murakami oder Paul Auster erfreuen hätte können? Missmutig schlug ich das Buch auf – doch meine Augen klebten bis zur Landung darin fest. "Das Sakrileg" ist nicht nur ganz große Unterhaltung, es ist für jeden, der sich für massengeschmackresistent hält, eine 600seitige Lektion in Demut. In Sakrileg geht es um eine jahrhundertlange Verschwörung – und auf Verschwörungstheorien mit Glaubwürdigkeitsanspruch steht eigentlich in leuchtfarbenen Großbuchstaben das Wort Trash gedruckt. Das ist was für Batik-T-Shirt-Träger mit unreiner Haut. Damit will man eigentlich nichts zu tun haben. Allerdings gehört das Buch eben in die Gattung Roman. Und deswegen verlangt niemand, der Autor eingeschlossen, dass man es irgendwie wörtlich nehmen oder auf die Realität übertragen muss. Wer das tut, verliert genau genommen eh sein Recht darauf, ernst genommen zu werden – das haben die Protagonisten des Plagiatsprozesses gegen Dan Brown zur Genüge demonstriert. Bei einem guten Roman ist es erst mal egal, worum es geht. Es kommt darauf an, wie er geschrieben ist. Man kann Sakrileg also nicht einfach vorab disqualifizieren, nur weil einem der Inhalt fragwürdig oder vorhersehbar erscheint. Genauso wenig kann man es einem Autor vorwerfen, dass er mit Ideen herumspielt, wie sich Geschichte auch hätte abspielen können. Dan Brown bedient sich Elementen der Kulturgeschichte, die so ziemlich jeder kennt. Die Mona Lisa, die katholische Kirche, der Louvre – all das packt er in eine hochspannende, schlüssige Erzählung und leistet etwas, um das ihn jeder Geschichtslehrer oder Kunsterzieher beneiden würde: Er vermittelt historische Zusammenhänge so, dass das Denken ins Rollen kommt. Das geht Menschen so, die sonst eher zur Bunte greifen genau wie jenen, die sich auch mal freiwillig mit Kant herum schlagen. Sakrileg macht Spaß. Es ist ein Blockbusterbuch, genauso wie der Film vermutlich – Hype hin oder her – eben so ein klassisches, aufregendes Popcornspektakel in typischer Ron Howard-Manier wird. Und von Dingen, die großen Spaß machen und dabei niemandem etwas zu Leide tun, kann es doch eigentlich gar nicht genug geben. Gerade weil Sakrileg so wahninnig vielen Lesern so große Freude gemacht hat, besitzt es seine Daseinsberechtigung. Wer etwas anderes behauptet, kann sich zum Beispiel zu all den Provinzhammeln gesellen, die ganz genau wissen, wie doof und albern Amerika ist, ohne jemals weiter als bis an den Gardasee gekommen zu sein. Illustration: dirk-schmidt

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