Schatz, wie viele hattest du schon?

Muss man wissen, mit wie vielen Menschen der eigene Partner schon geschlafen hat? Oder tut man sich damit nur selbst weh? Ein Pro und Contra.
jetzt-redaktion



"Fragen, auf die es nur falsche Antworten gibt, sollte man nicht stellen", findet sina-pousset.

Elf. Mit dieser Zahl an sich ist nichts verkehrt. Sie kann aus sich heraus nichts dafür, dass sie mir ein kleines Loch in den Magen stampft, seitdem ich weiß, dass mein Freund mit einem knappen Dutzend Frauen geschlafen hat. Seitdem sehe ich ein paar Dinge anders. Zum Beispiel Fußballmannschaften: auf einmal elf nackte Frauen in Knieschonern. Und ob man überhaupt wissen muss, mit wie vielen Menschen der Partner vor einem geschlafen hat, weiß ich jetzt auch: Muss man nicht.

Denn wird die Frage gestellt, hat das immer denselben Effekt: kurze, grillzirpige Stille und ein angestrengtes Rattern in Hirn, dass sich in kurzer Zeit in ein Rasseln in der Herzregion ausweitet. Und dann: Stille, nervöses Lachen und ein paar scheue Blicke. Im Zusammenhang mit dem Intimsten, das zwei Menschen teilen können, wird aus simpler Mathematik ein komplexes emotionales Gewirr. Deswegen gibt es auf die Frage auch keine richtige Antwort. Und Fragen, auf die es nur falsche Antworten gibt, sollte man nicht stellen.

Natürlich: Die Bett-Fähigkeiten des Partners kommen nicht von ungefähr. Aber die Zahl macht alles konkret.


 

Denn hat sich der Partner statt durch die Fußballmannschaft eher durch das UEFA-Stadion geschlafen, spielt er im Kopf fortan in der Rolle des Pornohengstes – auch wenn er beteuert, jetzt nur noch Charakterdarsteller zu sein. Im anderen Extremfall tendiert der Sexualquotient des Partners eher gegen Null. Das kann heißen: Langzeitbeziehung, Sex mit Augenkontakt und ohne Blinzeln, gemeinsamer Höhepunkt und danach die kurzatmig-schweißnasse Diskussion über Kindernamen. Das ist bedrohlich viel Nähe. Oder: unbeholfene Hände, die ein Kondom aus der Tasche fummeln, ein Akt, der kürzer ist als die Zigarette danach und vielleicht die Frage, ob der Partner vielleicht noch mal raus in die Welt muss und rein in ... irgendwas.

Und jetzt die Elf.  Vielleicht so etwas wie die goldene Mitte auf der Porno-Papst-Kurve. Nicht übersext, aber auch nicht sexuell unterversorgt. Sogar auf vitale Lebensjahre gerechnet relativ plausibel, vielleicht sogar wünschenswert. Und trotzdem zwickt und zwackt es in der Körpermitte. Denn so plausibel die Zahl, sie lässt etwas konkret werden, das unkonkret bleiben will: den Sex mit jemand anderem. Klar weiß man als aufgeklärter Mensch, dass das da dran und drin schon jemand anderes war. Dass die Fähigkeit zu Tantra-Cobra-Stellung wahrscheinlich nicht vom Himmel fiel. Aber die Zahl macht alles konkret.

Sie sagt: Genau so viele waren das. Die haben das alle gesehen, gefühlt, geschmeckt und gemacht, was du siehst, fühlst, schmeckst und machst. Es sind nicht mehr die abstrakten null bis 1000 Menschen, sondern eine Gruppe. Eine, die vielleicht eine Rikscha, einen Fahrstuhl, ein Stadion füllt. Das ist ein greifbares Bild im Kopf. Und es ermöglicht den direkten Vergleich. Wer ist die Schlampe, wer der Papst? Alles entscheidet eine Zahl aus der Vergangenheit, die hier nicht mehr hingehören: ins gemeinsame Bett, ins Jetzt.

>>> Die Gegenmeinung: "Eine Zahl von früher sagt nix über das Jetzt!", meint jakob-biazza  >>>


Möglicherweise bin ich ja gesegnet. Mit einer schwachen Vorstellungskraft und/oder einer grundsätzlich nicht sehr ausgeprägten Neigung zu Kopfkino (was ich beides eigentlich nicht glaube). Vor meinem geistigen Auge marschierten bislang jedenfalls keine pulsierenden Penisse stramm im Gleichschritt auf und ab, wenn Partnerinnen mir gesagt haben, mit wie vielen Typen sie vor mir geschlafen haben. Wenn bei anderen da nun peinigende Bilder auftauchen von Fußballmannschaften oder Konzertsälen oder Smart For Twos mit ehemaligen Sexualpartnern, dann berührt das wohl Areale des Gehirns, die außerhalb des aktiven Einflussbereiches liegen. Will sagen: Wir können nicht recht regulieren, was wir fühlen. Irgendwie müßig also, da jetzt reinzuargumentieren und jemandem zu sagen: Es ist falsch, was du empfindest.

Aber auch nicht ganz müßig. Ich würde bei dem Thema nämlich doch für etwas Ratio plädieren. Manchmal kann die ja auch die brennenderen Gefühle einfangen. Probieren wir also mal mit ein paar möglichen Ergebnissen rum: zwei, zwölf, 40 und 140 zum Beispiel. Ich kann mir schon vorstellen, was man bei denen jeweils ungefähr assoziiert:

Zwei: graue Maus.

Zwölf: irgendwie durchschnittlich (wahrscheinlich im doppelten Sinne).

40: mal eine Phase gehabt, gell?

140: arbeiten tust du aber auch noch, oder?

Ob der geliebte Mensch mit 7 oder 100 Leuten vögeln musste, um der zu werden, der er ist - es war nötig!

Das klingt jetzt blöd, ich weiß, aber tatsächlich habe ich alle Ergebnisse schon mal gehört (wenn auch nicht immer in einer Beziehung). Und deshalb kann ich sehr überzeugt sagen, dass das alles keine zwangsläufigen Rückschlüsse auf die Persönlichkeit zulässt. Zumal auf die aktuelle. Wer sich in zwei Beziehungen ausgelebt hat, ist nicht automatisch grauer als jemand mit 140 One-Night-Stands. Wer’s in einem bunten Mix auf 40 bringt, ist damit in keiner Weise näher dran an einem wie auch immer gearteten Durchschnitt als jemand mit vier, sieben oder 15 Partnern.
Aber selbst wenn, und das wäre dann auch schon der entscheidende Punkt, selbst wenn es unsere Persönlichkeit zwangsläufig zeigte: Wo ist der Schrecken? Wir haben uns doch eben gerade (auch) in eine Persönlichkeit verliebt. In einen Menschen, der – ich glaube, die Forschung ist sich da noch nicht ganz einig – irgendwie die Summe seiner Erfahrungen ist. Wir sind mit H. wegen der grundpositiven und manchmal vielleicht auch naiven Neugier zusammen, mit der er auf die Welt blickt. Wir lieben S., weil sie uns so selbstbewusst in den Arsch tritt, wenn wir Blödsinn reden. Und wir freuen uns, dass T., V. oder A. uns dazu auch noch das Hirn rausvögeln.

Wenn die dafür jetzt erst mit einem, neun, 100 oder null Menschen schlafen mussten, dann war das eben nötig. Oder eben auch nicht. In beiden Fällen ist es einfach nur eine Zahl. Eine Zahl sagt nichts. Bis man sie interpretiert. 140 kann man genauso positiv oder negativ interpretieren wie zwei oder 25. Am besten ist aber, man interpretiert erst gar nicht. Alle Zahlen haben schließlich eins gemein: Sie machen einen geliebten Menschen zu dem, was er ist: Toll!

Text: jetzt-redaktion - Illustration: Katharina Bitzl

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