Schulz oder Mraczny heißen? Ein Fall für Zwei

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Eva Schulz will lieber Mraczny heißen Früher war das noch nicht so schlimm. Da musste ich zwar manchmal beim Arzt etwas länger warten, bis sie mich aus all den Schulzens in ihrer Kartei herausgefischt hatten. Und am Telefon durfte ich der Versandhausfrau regelmäßig erklären, ob man das nun mit t oder ohne schreibt. (Ohne!) Aber sonst war mein Nachname kein großes Hindernis für mich. Im Internet ist das anders. Wenn jemand mich bei Facebook finden will, muss er 42 Eva Schulz durchklicken, bei StudiVZ sogar 64. Und wer mich googlet, findet unter den 28 800 Ergebnissen auch noch eine freiberufliche Hebamme, eine Versicherungsmaklerin und eine NTV-Wetterfee, die inzwischen längst geheiratet und einen weniger Verwechslungsträchtigen Namen angenommen hat, deren unverheiratete Vergangenheit aber immer noch in Form von kurzen Bild.de-Nachrichten und YouTube-Videos durchs Netz schwirrt. Das wahre Problem sind jedoch die E-Mailadressen. Eine kostenlose eva.schulz@irgendwas-Adresse zu finden, die noch frei ist, ist praktisch unmöglich. Web.de, GMX, Yahoo? Kann man vergessen. Ganz zu schweigen von Googlemail. Es gibt viel zu viele Eva Schulz, die schon vor mir wussten, dass man heutzutage eine seriöse vorname.nachname-E-Mailadresse braucht. Deshalb bin ich gezwungen, auf unseriöse Nicknames auszuweichen – und mal ehrlich, heute ist doch schon die schlichte Zahl hinter dem richtigen Namen, die einem Skype mitunter vorschlägt, unseriös, oder? Ganz zu schweigen von so geistreichen Einfällen wie „strawberry27“ oder „k.lauer“. Wenn ich mich jetzt bei Skype, Ebay oder Amazon anmelde, probiere ich immer noch ganz naiv acht verschiedene Versionen meines richtigen Namens aus (Vorname und Nachname zusammen, mit Punkt, mit Unter- oder Bindestrich, und alles noch mal andersrum), um dann irgendwann genervt einen x-beliebigen Nickname einzutragen. Wenn ich mich allerdings Monate später mal wieder einloggen will, habe ich den längst vergessen und muss deshalb das viel zu umständliche Sicherheitsfragen-Verfahren starten. Das ist bei vergessenen Passwörtern kein Problem, bei vergessenen Namen und nicht vorhandenen E-Mailadressen wird es aber zur Tortur. Dafür kann ich, nachdem diese einmal überwunden ist, dann aber endlich den Stempel versteigern, den ich neulich geschenkt bekommen habe. „Dieses Buch gehört: Eva Schultz“ steht da drauf. Irgendeine Eva Schultz wird’s in der großen weiten Webwelt schon geben, die den gern haben will. Auf der nächsten Seite: Sebastian Mraczny fände einen Allerweltsnamen gar nicht so schlecht.


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Illustration: Julia Schubert

Sebastian Mraczny will lieber Schulz heißen Ich stelle mir das ja so vor: Wenn eine Eva Schulz ein Elite-Auslandspraktikum in Kapstadt gemacht hat, können sich alle anderen Eva Schulzes beim Bewerbungsgespräch damit schmücken. Und wenn im Gegenzug eine Eva Schulz jung und geldbrauchend nackt vor der Webcam herumgesprungen ist, kann sie das auf eine ihrer zahlreichen Namensbasen abwälzen. Man hat quasi gleich zwei Vorteile: Zum Einen kann man in der Masse Gleichnamiger untertauchen, zum Anderen seine Wunschidentität steinbruchartig aus den vielfältigen Biographiesplittern der Web-Kollektividentität „Eva Schulz“ zusammenbasteln – und wer könnte das schon so genau nachprüfen? Gestern wurde ich gefragt, was denn so interessant sei an der Frage, wie viel Energie Rolltreppen verbrauchen. Erst war ich ganz perplex. Doch dann dämmerte es mir: Wer mich googlet, gelangt irgendwann zu einem Beitrag in einem ökologischen Forum, wo ich diese Frage mal gestellt habe. Das ist fast zwei Jahre her. Umgekehrt ist allerdings auch leicht herauszufinden, dass mein Name auf keiner Umweltschutz-, Menschenrechts-, Gewerkschafts- oder sonstigen Organisations-Webseite genannt wird. Wie wird sich dieser Beweis für mein recht beschränktes sozial-ökologisches Engagement auf künftige Bewerbungen oder berufliche Beziehungen auswirken? Das Problem ist: Ich bin mit meinem ungewöhnlichen Namen sozusagen der Alptraum jedes Online-Identitätsmanagers. Jede meiner Äußerungen im Web, alles, was ich je veröffentlicht habe, ist kinderleicht zu ergooglen und unverwechselbar von mir, denn mein Name ist nahezu einzigartig. Mit Roman Polanski, seinen Filmbusiness-Freunden und seinen Fans habe ich es mir beispielsweise letzte Woche durch einen Blogkommentar verdorben - ich wollte mal aufrichtig Stellung beziehen, ohne Pseudonym. Eine Hollywoodkarriere ist also schon mal gestorben. Und deshalb beneide ich die Eva Schulzes dieser Welt, trotz aller E-Mail-Schwierigkeiten. Denn alles, was ich im Internet tue – oder eben nicht tue - ist mir eindeutig zuordenbar.

Text: eva-schulz - und sebastian-mraczny

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