"Sitzenbleiben" gehört abgeschafft, sagen die Kultusminister. Zurecht?

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Der Hintergrund: Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Ute Erdsiek-Rave, stellte am 2. Juni 2006 in Plön den ersten nationalen Bildungsbericht vor. Laut Erdsiek-Rave ist mit dem Bericht eine wichtiger Schritt getan: Bisher habe man über die „gefühlte“ Qualität der Bildung in Deutschland gesprochen. Nun aber sei das „empirische Zeitalter“ angebrochen: Die Qualität der Bildung müsse auf der Grundlage von umfangreichen Daten erfasst werden und mit dem Bildungsbericht sei das nun endlich mal geschehen. Wie effizient ist die schulische Bildung? Sind die langen Bildungswege in Deutschland gerechtfertigt? Wie steht es um die Bildungschancen von Migrantenkindern? Diese Fragen behandelt der Bericht, der hier zu lesen ist. Unter anderem wird darin auch auf die hohe Quote an Sitzenbleibern verwiesen. Erdsiek-Rave sagte in Plön: Das Wiederholen einer ganzen Schulklasse sei ein „Relikt aus der pädagogischen Mottenkiste“. Es vergeude Lebenszeit junger Menschen und bringe statt Hilfe nur weitere Demotivation mit sich. Erdsiek-Rave ist auch schleswig-holsteinische Bildungsministerin und betont, dass nach Ergebnissen der Pisa-Studie bei 15-jährigen Sitzenbleibern auch nach einer „Ehrenrunde kaum Erkenntnisgewinne“ festgestellt wurden. Sie fordert deshalb: individuelle Schülerförderung. So solle das Sitzenbleiben künftig „überflüssig gemacht werden.“ Ehrenrunde abschaffen - PRO Dümmere Lebenszeitvernichtung als die „Ehrenrunde“ kann man sich kaum vorstellen. Das Wiederholen einer Klasse ist die beklagenswerteste aller Strafaktionen, die einem Schüler begegnet. Schwächen in wenigen Fächern reichen aus, um sich ein Stück Zukunft zu verbauen, um Zeit zu vertrödeln. Welchen Sinn bitte macht es, den gesamten Lehrplan eines Jahres noch einmal durchzunudeln, wo es doch darum geht, die Schwächen in bestimmten Bereichen auszumerzen? Hinzu kommt: Der herrlich demotivierende Effekt. Ein Jahr ist ein Jahr, sind 365 Tage, die man wieder auf der gleichen Stelle herumtreten darf. Um Inhalte zu wiederholen, die wir in unserer spezialisierten Berufswelt sowieso nicht in ihrer Summe anwenden können. Würde man nicht besser daran tun, Schüler, die vormals sitzen geblieben wären, in eine Art Sommerakademie zu stecken, die während der Sommerferien stattfindet? Dort könnte man sich genau den Schwächen widmen, die im Lauf des Schuljahres aufgetreten waren. Die Schüler würden nicht mit dem Verlust eines Jahres sondern mit dem Verlust von vier bis sechs Wochen Ferien bestraft! Sie würden vielleicht auch in kleineren Kursen, in anderer Lernstimmung unterrichtet und wären, wieder zurück in der alten Klasse, vielleicht eine Bereicherung für die Klassengemeinschaft. Weil neu motiviert, weil mit Wissensvorsprung versehen. Und wenn nun Menschen daherkommen und fragen: Kosten solche Sommerkurse nicht zu viel? Dann würde ich großfinanzpolitisch entgegnen: Ist nicht jedes Jahr ein größerer Verlust, das man diese Leute dem Arbeitsmarkt und damit auch der Pflicht zum Steuerzahlen entzieht? Deshalb reiche ich allen doppelnamigen Kultusministerinnen die Hand, die etwas gegen die Ehrenrunde haben. Autor: Peter Wagner

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Ehrenrunde abschaffen - CONTRA Leider muss ich meinem Vor-Schreiber in wesentlichen Punkten widersprechen. Sitzenbleiber tanken neue Kraft und Motivation, wenn sie das Schuljahr zum zweiten Mal angehen. Sie wiederholen den Stoff, lernen ihn besser und gewinnen so an Selbstsicherheit. Für ihre neue Klasse sind sie außerdem eine große Bereicherung. Sitzenbleiber sind älter, haben mehr "Lebenserfahrung". Bei Erwachsenen mag ein Jahr Lebensvorsprung nichts ausmachen - zu Schulzeiten aber, also während der Pubertät, da ist ein Jahr eine ganze Menge. Man kann sagen, die Sitzenbleiber sind so etwas wie die großen Brüder der Klasse. Sie sind die Coolen. Sie haben schon mal geraucht, sie hatten vielleicht schon Sex und "gehen" schon mit einem Mädchen (oder mit einem Jungen). Sie wissen einfach über das Leben außerhalb der Schulmauern besser bescheid. Den jüngeren Klassenkameraden kann das nur Hilfe sein: Von den großen Brüdern kann man sich manches abschauen und auch lernen, was man lieber lässt. Vielleicht ist in der "großer-Bruder-Position" der Sitzenbleiber auch der Grund zu suchen, warum aus vielen Wiederholern bedeutende Figuren der Weltgeschichte wurden. Beispiele gefällig? Albert Schweitzer musste ein Jahr wiederholen, Thomas Gottschalk genauso - oder auch Edmund Stoiber! Deshalb, Hand aufs Herz: Wäre es nicht eine Dummheit, diese im Zweifel persönlichkeitsbildende Maßnahme auszumerzen? Autor: Stefan Winter

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