Übermixt

Pünktlich zu Weihnachten erscheint der Remix des Kopfschmerzklassikers Jingle Bells mit dem Trendsong des Jahres, Gangnam Style. Wir fragen uns: Muss man eigentlich alles remixen?
sina-pousset

Es gab Zeiten, da war der Remix etwas Schönes. Da rappte die Sugarhill Gang in Rapper’s Delight zum wunderbaren Beat von Chic und schuf einen soliden Klassiker der Hip-Hop-Geschichte. Der Remix hatte etwas Künstlerisches: die gegenseitiges Inspiration, die wundersame Verwandlung eines Songs in den Händen eines anderen Musikers, der wechselseitige Einfluss verschiedener Musikstile. Auch die Timbaland-Ankündigung „Re-re-reeemix“ hatte im Heranwachsendenalter noch etwas Spannendes. Das Gefühl, jetzt kommt was Neues, jetzt nimmt der Song eine andere Richtung. So wie auf dem Grey Album, auf dem Jay-Z und Co Beatleshits remixten. Das hab ich gern gehört. 

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Illustration: Julia Schubert
Trio Infernale: Wham! und Remixbruder PSY 

Mittlerweile hängt mir der Remix zum Hals raus. Wären der Remix und ich ein Paar, würde ich ganz nah an seinen Fernsehsessel herantreten, verächtlich auf sein bierbeflecktes Feinripphemd blicken und sagen: "Du bist nicht mehr der, in den ich mich damals verliebt habe." So mancher Tanzversuch in Clubs fand für mich ein abruptes Ende, als der x-te Clubhit-Remix mit dem x-ten Clubhit gereremixed wurde und mein Körper endgültig nur noch widerwillig mitwippte. Nach einem Abend Zwangsschunkeln zu Housebeats sehne ich mich meistens nach dem unberührten Song, ganz simpel ohne feat. und Remix. Dann will ich am liebsten in die Zeit zurück, in der noch nicht jeder Idiot mit passender Software und You-Tube-Account seinen eigenen Remix basteln konnte.

Wenn ich mir die aktuellste Remix-Geburt, "Gangnam-Style" und Whams "Last Christmas" zu Gemüte führe, beschleicht mich die leise Gewissheit, dass der Remix in Zukunft wenig an Qualität gewinnen wird. Der Overkill-Remix verlängert das sowieso schon viel zu lange Leben von gehypten Hits künstlich. Witzig ist es für einen kurzen Moment, wenn PSY unter Schneeflocken seine Lyrics abspult. Aber wer möchte das Duett eines nichtssagenden Hits mit einem anderen genau so nichtssagenden Hit noch hören, wenn der Unterhaltungswert nach dem zweiten Mal abgeebbt ist?

Im großen Remixsammelsurium der letzten Jahre gibt es hin und wieder ein paar Stücke, die auch freiwillig ihren Weg in meine Ohren fanden. Der The XX Remix von Florence + The Machines "You've Got The Love" zum Beispiel. Weil der aber auch anderen Menschen gefiel, wude er gemasht, gemixt und getunt bis nur noch ein kleines Häufchen Akustikschrott zurückblieb. Es scheint, als wäre das Original für den Song das, was für Wham! ihre Fönfrisuren sind: Nur ein kleiner Teil vom großen Ganzen. Und das finde ich schade. Der Remix an sich ist eine tolles Konzept. Nur das Totremixen nicht. Das weiß er selbst. Und deswegen sollte er vielleicht mal den Hintern von Sessel heben, sich ein frisches Hemd anziehen und mich mal wieder zum Tanzen ausführen. Das erste Bier ginge auf mich.

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Reden wir darüber, dass es jede Menge Dinge gibt, die einem auf die Nerven gehen: “Das Beste von heute” aus dem Radio zum Beispiel oder Skateboard-Fahrer oder Like-Daumen. Man könnte sogar sagen, das ganze Leben neigt dazu, dem Genervtsein Türen zu öffnen. Die Aufgabe, die sich daraus ergibt, heißt: Strategien im Umgang mit der nervigen Umwelt zu finden.

 

Reden wir darüber, welche Rezepte sich dabei bewährt haben: Laut schimpfen kann helfen. Vielleicht auch Ausweichen. Am besten aber funktioniert ein humorvoller Umgang mit den Nerv-Herausforderungen des Alltags. Deshalb funktioniert das Prinzip des Witze-Erzählens so gut. Wenn – je nach Geschmacksrichtung – Harald Schmidt, Dieter Nuhr oder Cindy aus Marzahn öffentlich darlegen, wie sie ihren Alltag (vermeintlich) meistern, kann das (bei manchen Menschen) für Nerv-Entlastung und bessere Laune sorgen.

 

Noch besser aber funktioniert bei mir die Strategie des Remix. Eine Umgestaltung und Neuverbindung von Bekanntem führt bei mir in vielen Fällen zu dem, was die genannten Witz-Erzähler im Fernsehen erreichen wollen: Sie bringt mich zum Lachen. Das beste Beispiel dafür lieferte in den vergangenen Wochen Barack Obama. Wann immer ich ihn “I Love You Back”. Ich finde das gut. Das ganze funktioniert aber nur, weil es das wunderbare (und gar nicht nervige) Prinzip des Remix gibt. Weil hier Dinge zusammengeführt werden, die nicht zusammenhören. Weil ein Dudel-Quatschhit aufgeladen wird und plötzlich in einem neuen Kontext zu dem Song des Jahres werden kann, der mich auf einmal gar nicht mehr nervt. Ich höre ihn sogar gerne. Wenn er von Jimmy Fallon gesungen wird oder von der Sesamstraße - und this is crazy.

 

Es funktioniert, weil es um das Wiedererkennen geht. Wie bei einem guten  Witz gibt es die Sekunde, in der man feststellt, was da gerade  zusammengeht obwohl es nicht zusammengehört. Das ist ein fröhlicher  Moment der Erkenntnis, der mich zum Schmunzeln bringt – wenn er gut gewählt ist. Das passiert natürlich nicht immer, aber nur  weil es auch dumme Witze gibt, bin ich ja nicht aus Prinzip gegen das  Witze-Erzählen.

 

dirk-vongehlen

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