War die Uni gut zu dir?

Mal abgesehen von der Studienreform: Was bleibt einem, wenn man an der Uni war? Hass, sagt unsere Autorin. Liebe, sagt unser Autor. Ein Fall für Zwei.
peter-wagner

Nadja Schlüter schreibt, warum die Universität es nicht wert war:

Ich erinnere mich, dass mir eines Nachmittags meine Mitbewohnerin auf dem Fahrrad entgegen kam und als wir abends am Küchentisch zusammen saßen, sagte sie: „Nadja, ich habe dich noch nie mit einem so bösen Gesicht gesehen wie heute Nachmittag.“ Ich glaubte ihr das sofort, da sie mir ja immerhin nicht auf meinem Weg ins Schwimmbad begegnet war, sondern auf meinem Weg zur Uni.  

Ich habe die Universität und mein Studium vom ersten Tag an nicht leiden können. Allein Disziplin und der Wille, Dinge durchzuziehen, haben mich bis hierher, an den Punkt kurz vor meiner Abschlussarbeit manövriert, durch eine See hindurch, die mir von Beginn an feindlich erschien. Die Universität begrüßte mich zunächst mit ihrer vollen Bürokratiegewalt. Die weiteren Unipflichten, also Vorlesungen und Seminare zu besuchen, war mir zuvor sehr verheißungsvoll erschienen: große Hörsäle mit den Denkern der Zukunft drin und Diskussionen, die Freude und einen klug machen. Meine erste Einführungsvorlesung fand dann in einem fensterlosen, völlig überfüllten Hörsaal statt und die Menschen darin waren weniger die Denker von morgen als die aufgeschreckten Kätzchen von heute. In den darauffolgenden Wochen kam es vermehrt zu aufgeregten bis genervten Lamentos der verschiedensten Dozenten über die Unsinnigkeit des Bachelors und unsere, im Vergleich zu früheren Studentengenerationen, kleineren Horizonte. Meine Motivation wurde somit schon sehr früh gedrückt.  

Nach den ersten beiden Semestern wurden zwar aus den aufgeschreckten Kätzchen (zumindest zum Teil) aufstrebende Denker und die bürokratischen Tätigkeiten traten hinter den wissenschaftlichen zurück, trotzdem kam ich nie wirklich in den Veranstaltungen an. Die Seminaratmosphäre hatte für mich immer etwas Fehlerhaftes. Zu willkürlich zusammengewürfelt waren die Menschen dort und zu kurzzeitig war diese Gemeinschaft, als dass es wirklich hätte produktiv sein können. In den Semesterferien standen dann die Hausarbeiten an und jedes Mal hatte ich von neuem die Erkenntnis, dass ich diese wissenschaftlichen Arbeiten zwar schreiben konnte, aber schlichtweg nicht wollte, weil mir der Duktus und die Masse an Reproduktion zuwider waren. Mal ganz davon abgesehen, dass mich nichts länger als eine Ausleih- und Kopierphase in der Seminar- oder Unibibliothek hielt. Das große Solidaritätsgefühl („Wir sitzen alle im gleichen Boot bzw. der gleichen Bibliothek“) stellte sich bei mir nicht ein – ich fühlte mich der Arbeitsweise und den anderen Studenten einfach nicht verbunden. Der Status „Student“ (der finanziell natürlich ungemeine Vorteile hat) kam mir zu vorgefertigt vor und ich wollte diese Rolle nicht erfüllen. Auch im als wonnigste Zeit des Daseins beschworenen Studentenleben wurde ich nicht heimisch. Ich kann mich an keine Uniparty erinnern, die ich zu den besten Partys meines Lebens zählen würde, und ein paar liebe Freunde habe ich zwar gewonnen, aber eine rundum-Freundeskreis-Erneuerung blieb aus. Morgens ausschlafen können, okay, das befürworte ich natürlich. Aber zerstückelte Tagesabläufe nicht. Und sie waren sehr zerstückelt: Nach jeder Veranstaltung radelte ich nach Hause, selbst, wenn ich später eine weitere besuchen musste. Ich wollte nicht bleiben.  

Darum bin ich nun froh, dass ich nie wieder hin muss. Wissenschaftliches Arbeiten macht mir keine Freude, das Studentenleben passt nicht zu meiner Wunschvorstellung von Spaß und Selbstbestimmung und die Caféteria war zwar in Ordnung, aber auch kein Hit.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert



Peter Wagner schreibt, was ihm die Universität wert war:

Von den Partys will ich nicht anfangen, die waren an meiner Uni zwar saugut, aber darum geht es nicht. Man kann ja auch ohne Universität sehr angenehm feiern, das Zuprosten haben nicht die Studenten erfunden. Ich sehe mich, wenn ich an die Uni zurückdenke, immer am Schwarzen Brett stehen. Es gab mehrere, die auf dem Campus verteilt waren. Dort lagen Zettel für Probeabos von Zeitungen und Magazinen aus, dort wurden Wohnungen ausgeschrieben, Gastvorträge angekündigt, dort haben Leute zum Beispiel für Umweltarbeitskreise geworben oder Unternehmen aus Neuseeland warben um Praktikanten. Daneben hingen die üblichen Plakate von der Fulbright Commission, die von ihren Stipendien für einen USA-Aufenthalt erzählte. Es klingt oll, aber mir fallen immer zuerst diese schwarzen Bretter ein, die mich einmal in die Lesung eines Moralphilosophen lockten und ein andermal auf einen Heilpflanzenbauer in Österreich hinwiesen, der eines Abends in einem kleinen Seminarraum von seinem Leben erzählte. Es gab solche Schwarzen Bretter in meinem Elternhaus nicht. An der Schule gab es ein solches Brett, aber es war langweilig, weil dort immer nur der Hausmeister die verlorenen Gegenstände hintackerte oder für den Schülerwettbewerb Latein geworben wurde. Erst mit den Aushängen an der Uni begriff ich, was es bedeutet, studieren zu dürfen. Studieren ist nicht nur ein Glück, weil man unterwegs etwas lernt, mit dem man durchs Leben gehen kann. Die Uni war für mich tatsächlich die Durchgangsstation zum echten Leben. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass ich alles, was am Schwarzen Brett als Möglichkeit stand, hätte machen können. Dieses Gefühl finde ich sehr erhebend, es hat ja vor allem mit Freiheit zu tun. Ich kenne bis heute keinen Ort, an dem mir der Kopf noch einmal vergleichbar aufgegangen wäre. Gut, im Internet. Aber sonst?



Text: peter-wagner - und Nadja Schlüter; Foto: o-zero/photocase.com

  • teilen
  • schließen