Welche Grundlagen brauchen wir?

Bayern verschärft das allgemeine Abitur und verringert die Wahlfreiheit: Das Abitur wird in fünf statt bisher vier Fächern geschrieben und Mathematik, Deutsch und eine Fremdsprache sind dabei obligatorisch. In anderen Bundesländern, wie zum Beispiel in Baden-Württemberg, ist das schon längst der Fall. Die Bildungsminister sind der Meinung: Die Schule muss die Kernkompetenzen stärken – die freie Wahl der Fächer ist nicht so wichtig. Ist diese Beschneidung denn gut? Macht es Sinn, wenn wir in der Schule immer mehr Grundlagen eingebimst bekommen und nun fürs Abitur nicht hauptsächlich Sport und Erdkunde pauken, sondern Algebra und Faust? Ein Fall für Zwei.
dirk-vongehlen

peter-wagner meint: Richtig so. Mathe, Deutsch und eine Fremdsprache sind Kernkompetenzen. Was wir in neun, zehn, zwölf oder dreizehn Schuljahren nicht in der Breite lernen, werden wir uns nachher nie mehr aneignen. Soll heißen: Wer Mathe in der Schule gehasst hat, wird sich danach ein Studienfach oder eine Ausbildung suchen, die ihn in seiner täglichen Arbeit weit von den Zahlenwelten wegtragen. Gleiches in Sachen Deutsch. Wer Romane lesen hinreichend hasst oder Gedichte höchstens in Form von Vierzeilern im Karneval erträgt, dem sei dieser Hass aufs Freundlichste zugestanden. Jedoch: Will man die Welt außerhalb der Schulmauern irgendwie begreifen oder mit ihr umgehen, zeigt man in irgendeiner Form Interesse nicht nur am eigenen Fortkommen, sondern auch an dem seiner Mitmenschen, an der Gesellschaft im Gesamten, dann bereitet einen nichts besser vor als eine breite Grundlagenausbildung. Und diese Ausbildung muss nicht immer nach den Vorlieben der Auszubildenden gestaltet werden. Im Gegenteil: Erst, wenn einem der Kopf einmal in alle vorhandenen Fachbereiche getunkt wurde, kann man wirklich sagen: Da liegen meine Talente. Lesen, schreiben, rechnen, sprechen. Dazu muss jeder verdammt werden, darin muss jeder gefördert werden und das gerne auch mit Nachdruck. Das Zeug ist Anfang und Ende jeder Entwicklung und Menschen, die sich dieses Recht erst erstreiten mussten, werden das bezeugen. Das Berufsleben, zudem, ist spezialisiert genug. Muss man sich in der Schule schon spezialisieren? Nein, dort kann man sich noch ein bisschen Disziplinierung gefallen lassen. Das klingt, ja, arg preußisch. Aber es soll nur diesen Gedanken aus der Nach-Schul-Zeit illustrieren: „Hätten die mich damals nicht dazu gezwungen, das zu lernen, ich hätte es nicht gelernt. Aber nun: Weiß ich es. Und bin froh drum, weil es mir Zugänge zur Welt verschafft, die ich vielleicht nie gefunden hätte. Weil ich mit Menschen in fremder Sprache reden kann (im Zweifel auch radebrechend), weil ich Rechnungen kontrollieren kann, weil sich mir so feine Dinge wie Theater, Literatur oder meinetwegen auch ein Blumfeld-Zitat erschließen.“ Deshalb der letzte und zusammenfassende Satz: Eine straffe, an Grundlagenfächern orientierte Ausbildung erlaubt uns nach der Schule und im ganzen Leben das, was wir am meisten schätzen: Die größte Freiheit bei der Wahl unter den meisten Möglichkeiten. peter-wagner

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

dirk-vongehlen meint: Vorsicht. Grundlagen ja, aber nicht die von gestern. Wenn die obige Annahme stimmt, und daran habe ich keinen Zweifel, dann ist die obige Schlußfolgerung falsch: Wer Grundlagen und eine breite Ausbildung fordert, sollte die Abi-relevanten Fächer verbreitern und nicht verengen. Wer die Möglichkeit, zur Freiheit lehren will, sollte Wahlfreiheit unterrichten und nicht Verpflichtung und Gehorsam. Interessanterweise sind die, die jetzt eine Rückbesinnung auf die vermeintlichen Kernkompetenzen der Bildung fordern, gleichzeitig jene, die bei jeder zweiten Einweihung eines Computerraums von den digitalen Herausforderungen der Zukunft sprechen. Nehmen wir sie beim Wort: die Zukunft ist jetzt. Diese Zukunft des „globalisierten Kapitalismus“ mit einer „weltweiten Vernetzung“ und „internationalem Wettbewerb“ kann man mit Strahlensätzen und Hexametern allein nicht meistern. Diese Zukunft verlangt – und nichts anderes wird seit Jahren in jeder Talkshow dahergeplaudert – Entscheidungskompetenz. Die Floskeln liegen alle bereit, warum nimmt sie niemand in die Hand und baut daraus ein Unterrichtskonzept: Interdisziplinäres Denken, soziale Intelligenz und Medienkompetenz lernt nicht, wer sich ausschließlich mit gleichschenkligen Dreiecken rumschlagen muss. Selbstverständlich sollte eine Ausbildung, die sich an Grundlagen orientiert, jede Schülerin und jeden Schüler in die Lage versetzen, sich in der Mutter- und mindestens einer fremden Sprache angemessen auszudrücken. Selbstverständlich sollte jeder an einer deutschen Schule Grundausgebildete Rechnung kontrollieren und sich Theater- und Literatur erschließen können. Aber genauso selbstverständlich gehören Wirtschaft, der Umgang mit Medien und eine Grundlagenausbildung in interkulturellem Denken auf den Lehrplan. Denn alles, was für mathematische Funktionen richtig ist, gilt doppelt für das oft zitierte Denken in Zusammenhängen: „Hätten die mich damals nicht dazu gezwungen, das zu lernen, ich hätte es nicht gelernt. Aber nun: Weiß ich es. Und bin froh drum, weil es mir Zugänge zur Welt verschafft, die ich vielleicht nie gefunden hätte.“

  • teilen
  • schließen