Zusammen oder alleine lesen?

Ein skandinavisches StartUp verspricht das Lesen von morgen: Gemeinsam mit anderen. Bedeutet dies das Ende der einsamen Lektüre?
nadja-schlueter

Alleine lesen – ja bitte  

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Illustration: Julia Schubert



Wenn ich lese und auf eine Stelle stoße, die mir besonders gut gefällt, dann möchte ich sie gerne mit jemandem teilen. Dann rufe ich jemanden an und frage „Kann ich dir kurz was vorlesen?“ Ich mag das.  

Was ich allerdings auch mag, ist die Tatsache, dass das Lesen eines Buches die einzige längere Zeit in Anspruch nehmende Handlung in meiner Wohnung ist, bei der ich nicht gleichzeitig am Computer sitze. Wenn ich schreibe oder fernsehe sitze ich dabei am Computer, wenn ich putze ist er an und ich schaue immer wieder drauf, manchmal esse ich sogar vorm Computer. Aber wenn ich lese, dann klappe ich den Laptop zu und lege mich ins Bett.
Ich bin dann alleine, ich kommuniziere nicht, außer, ich will unbedingt jemandem ein Zitat mitteilen. 

Die Erfinder von Readmill, Henrik Berggren und David Kjelkerud, mögen die Einsamkeit beim Lesen nicht. Auf Spiegel Online heißt es: „Kjelkerud empfindet Bücher 'als irgendwie kalt und unsozial.’ Wer liest, liest alleine; wer mit anderen über ein Buch sprechen will, muss zuerst das Buch zuschlagen.“ Darum soll Readmill das Last.fm für Bücher werden: Leser sind miteinander vernetzt, man kann sehen, wer was und wie liest, was er als interessant empfindet und so weiter. Voraussetzung dafür ist natürlich dass man ein eBook liest, klar.  

Ich möchte da aus zweierlei Gründen nicht mitmachen: Erstens, weil ich keine eBooks lesen möchte und zweitens, weil ich die Einsamkeit mag.

Nein, ich habe keine Angst vor dem Ende des gedruckten Buches. Das ist reine Hysterie. Meinetwegen kann jeder E-Books lesen. Mich machen Bildschirme aber auf Dauer nervös, allein die Wertigkeit des Ganzen, man muss darauf aufpassen und ständig sind Fingerabdrücke drauf. Bücher kann man in die Tasche stopfen, da können sie dann rumknittern, stört mich nicht.

Das wichtigere Argument gegen Readmill ist aber die Einsamkeit beim Lesen, die dadurch ein Ende finden soll. Ich bin auch nicht gerne allein, mitunter habe ich sogar Angst vorm Alleinsein, ich will fast alles am liebsten mit anderen Menschen zusammen tun. Das Gute ist aber, dass ich beim Lesen nicht mal bemerke, dass ich alleine bin, und mich dann, wenn ich das Buch zuklappe, darüber freue, wie ausgeruht ich mich fühle. Lesen ist wie Duschen: Man kümmert sich nur um sich selbst und um nichts sonst. Man ist nach außen hin vielleicht eine Zeit lang kalt und unsozial, nach innen hin aber wohlig warm und froh, sich selbst zu haben. Mehr Menschen sollten das ausprobieren. Man ist ja nicht gleich reaktionär und fern des Pulses der Zeit, wenn man mal etwas ohne Teilhabe anderer konsumiert.  

Natürlich tausche ich mich gerne mit jemandem über ein Buch aus, ich freue mich, wenn jemand auch gelesen hat, was ich gelesen habe. Aber ich brauche das nicht. Und natürlich lasse ich mir auch gerne Bücher empfehlen oder empfehle sie. Aber bei mir gehen auch ohne Readmill genug Empfehlungen ein: an der Uni standen unendlich viele Bücher auf der Leseliste, die ich noch nicht ansatzweise abgearbeitet habe, meine Freunde raten mir zu Büchern, meine Schwestern schenken mir welche zu Weihnachten, die Feuilletons sind voll davon und Amazon ist sowieso immer da und sagt mir, was zu mir passt. Das reicht. Genauso wie es reicht, jemandem kurz am Telefon etwas vorzulesen.

Mehr Kommunikation muss während des Lesens einfach nicht sein.        

Auf der nächsten Seiten ein Lob fürs gemeinsame Lesen



Zusammen lesen – ja gern  

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Illustration: Julia Schubert



Was sein muss, ist immer eine Frage dessen, was sein kann. Wer hätte vor Facebook gedacht, dass es interessant sein kann, Lieblingslieder anderen Menschen in ihr Aufmerksamkeitsfenster zu schieben? Wer hätte vor LastFM gedacht, dass die Lieblingslieder anderer Menschen uns eine neue Welt eröffnen können – selbst wenn sie sich durchs nur gekippte Aufmerksamkeitsfenster zwängen? 

Ich glaube, dass das, was wir Digitalisierung nennen, Kultur und die Art, wie wir sie nutzen, verändert. Bei Musik und Filmen ist uns das bereits aufgefallen. Bei Büchern steht es kurz bevor. Alle, die etwas mit Büchern zu tun haben, schauen gebannt auf jeden neuen eBook-Reader und erwarten von ihm den grundlegenden Wandel des Lesens. Noch ist der nicht eingetreten, das macht das Warten aber eben nur spannender – und wir können die Zeit nutzen, um darüber zu spekulieren, wie sich das Lesen nach dem Knall verändern wird. 

Es wird – dessen bin ich mir sicher – sozialer sein als bisher. Es wird viel mehr zu einem gemeinsamen Akt werden, zu einem Erlebnis, das ähnlich funktioniert wie ein Kinobesuch oder ein Live-Konzert. Beides ist nach klassischen Kriterien überteuerter Unsinn. Warum soll man Geld dafür bezahlen, dass man sich zu einem bestimmten Zeitpunkt in einen dunklen Raum begibt, um dort mit Menschen, die man nicht kennt, einen Film anschaut? Warum sollte man noch mehr Geld dafür ausgeben, dass man Musik, die man meist schon kennt in häufig schlechterer Qualität auf einem Konzert anhört?
Es gibt dafür nur einen Grund: Weil man es gemeinsam mit anderen erleben kann. Weil man Bestandteil einer Gruppe ist, deren Reaktionen das Kulturprodukt Film oder Musik mit beeinflusst.  

Ich weiß nicht, wie diese Gruppen beim Lesen aussehen werden, aber ich weiß ziemlich sicher, dass wir gemeinsam Lesen werden. Weil es mehr Spaß macht, weil es Bestandteil unserer Kulturkonsums ist und weil die Technik uns dabei helfen wird. Denn in Wahrheit ist das Vorlesen am Telefon ja nur eine unzulängliche Hilfe für das, was die Zukunft des Buches sein wird: das gemeinsame Lesen.   


Dirk von Gehlen

Text: nadja-schlueter - Fotos: kallejipp; cydonna (beide: photocase.com)

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