Die Fernliebekolumne. Heute: Dinge, die ich alleine gelernt habe

Nadja geht nach Jordanien, ihr Freund Dorian bleibt in Trier in dieser Kolumne schildern beide, was die Distanz aus ihrer Liebe macht.
nadja-schlueter


1. Kochen. Sonst kocht Dorian. Und zwar sehr gut. Nun koche ich. Zwar eher schlecht, aber immerhin.

2. Alleine spazieren gehen geht ganz gut, wenn man muss (man kann aber leider nirgends drauf zeigen und Guck mal!" sagen).

3. Der Versuchung zu widerstehen, beim Spazierengehen auf etwas Schönes zu zeigen und Guck mal!" zu sagen, ist nicht leicht (geht aber ganz gut, wenn man muss).

4. Mir einzubilden, das Kissen in meinem Arm sei ein Mensch (im besten Falle Dorian), um besser einschlafen zu können, funktioniert nur, wenn ich mich extrem anstrenge, was aber zum Glück sehr müde macht und daher dazu führt, dass ich schnell einschlafe, auch wenn ich es nicht ganz geschafft habe.

5. Niedlich gucken erweicht nicht jedes Herz (vor allem nicht das eines profitorientierten Taxifahrers, erbosten Händlers oder gestressten Kollegen).

6. Fleisch mit Fleisch kann hin und wieder wirklich schmackhaft sein (das habe ich Dorian vorher nie glauben wollen).

7. In einem Land, in dem sich Paare nicht öffentlich auf der Straße zeigen, ist es leichter, tausende Kilometer vom eigenen Freund getrennt zu sein (würden hier alle dauernd knutschen und Händchen halten, wäre ich eventuell schon wieder zu Hause).

8. Andere Mütter haben zwar auch schöne Söhne, so schön wie Dorian war bisher allerdings keiner.

9. Das Ego überlebt auch so, hat es aber schon etwas einfacher, wenn jemand anwesend ist, der es regelmäßig tätschelt.

10. Die erste Hälfte ist schlimmer als die zweite.



Dorian: 1. Es fällt einem leichter mit seinem Bartwuchs zu experimentieren, wenn niemand sagt: "Das kratzt." 2. Amerikanische Fernsehserien endlich im O-Ton zu gucken. Das heißt, den Mut aufzubringen manche Sätze nicht zu verstehen. Das geht nur, wenn niemand neben einem sitzt und unentwegt sagt: Das habe ich nicht verstanden." Denn dann versteht man nämlich wirklich nichts mehr. 3. Die Disziplin, sich eine Amerikanische Fernsehserie aufzusparen, damit man sie gemeinsam gucken kann [Mad Men (definitiv im O-Ton, komme was da wolle, was das angeht gibt es kein zurück mehr.)] 4. Die fehlende Einsicht, dass man für nur eine Person weniger Hack kaufen muss. Ich esse nun immer zwei Tage das Gleiche. Und eigentlich stehe ich nicht auf Reste. 5. Es können einem sogar Dinge fehlen, die einen am anderen genervt haben. Ich habe nicht gewusst, was mir Haare im Abfluss bedeuten können. 6. Angst davor zu haben, neue Gewohnheiten zu entwickeln. Sie könnten mich fremd wirken lassen, wenn Nadja wiederkommt. 7. Es ist fürchterlich sich das eingestehen zu müssen, aber meine Sorgfalt leidet unter Nadjas Abwesenheit. Mein Erscheinungsbild ist ungepflegter, mein Zimmer dreckiger und ich habe noch weniger Motivation als sonst, meine Mitbewohner dazu aufzufordern, regelmäßig zu putzen. 8. Ich hätte nicht gedacht, wie bedürftig ich nach Nähe bin. 9. "Die erste Hälfte ist schlimmer als die zweite." Stimmt. 10. Am traurigsten werde ich, wenn mich Leute danach fragen, wie es Nadja geht.

Text: nadja-schlueter - Illustrationen: Alper Özer