Die Fernliebekolumne. Heute: Eifersüchtig sein

Nadja geht nach Jordanien, ihr Freund Dorian bleibt in Trier – in dieser Kolumne schildern beide, was die Distanz aus ihrer Liebe macht.
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Nadja Ich mag dieses Mädchen dort und es steht ziemlich nah bei Dorian. Wenn ich Dorian wäre, würde ich das Mädchen ziemlich toll finden. Also gibt es da jetzt zwei verschiedene Gefühle in mir: Sympathie für das Mädchen und Eifersucht auf das Mädchen. Die vermischen sich irgendwie, verwirren mich irgendwie und ich gehe. Irgendwann fällt jemandem auf, dass ich weg bin, im besten Falle fällt es Dorian auf, und in diesem Moment habe ich auf eine dreckige Art und Weise gewonnen. Das ist gefühlte tausend Mal passiert und es war ein Problem. Eines für mich, eines für ihn, eines für uns, sogar eines für das jeweilige Mädchen oder irgendwen sonst, der in der Nähe war. Lars hat mich manchmal mit Jake La Motta verglichen und ich habe da so auf meine eigene Art und Weise geboxt. Es war natürlich nur ein ganz kleiner Jake La Motta in mir, aber er war da. Es sind Dinge passiert, die das geändert haben. Stetige Dinge wie mit der Zeit an Vertrauen gewinnen. Aber auch andere, plötzliche, heftige Dinge. Und das letzte Ding in dieser Reihe so unterschiedlicher Dinge ist die Tatsache, dass ich weggegangen bin. Es gibt ja diese nette alte Weisheit, dass man merkt, wie viel einem etwas wert ist, wenn es nicht mehr da ist. Kaum jemand bedenkt dabei, dass das natürlich auch andersherum funktioniert: Man merkt, wie viel man jemandem wert ist, wenn man nicht mehr da ist. Ich höre schon die Rufe aus dem Publikum: Egozentrikerin, hinterhältige, Du! Und: Was ist das denn für eine Beziehung, in der man erst merkt, dass man einander mag, wenn man getrennt ist! Darum habe ich das Wort „erst“ aus der alten Weisheit gestrichen. Denn natürlich weiß ich auch so, wie viel wir uns gegenseitig wert sind. Und natürlich bin ich nicht weggegangen, um mein Beziehungs-Ego zu stärken. Aber dennoch: Wenn ich mit Dorian skype, wenn wir uns Mail schreiben, dann ist in jedem Blick und in jedem Wort eine Bestätigung dessen, was wir haben, und ich käme nicht im Traum darauf, eifersüchtig auf irgendeine schöne Tochter einer anderen Mutter (oder irgendeine schöne Mutter) zu sein. Bevor ich wegging, da hatte ich manchmal diese Sorge, ich könnte in dem fremden Land herumlaufen und dauernd Angst haben, dass Dorian aus meinem Leben verschwindet, weil ich nicht da bin, um das zu verhindern. Und jetzt laufe ich in diesem fremden Land herum und weiß, dass es in einem anderen Land jemanden gibt, der da ist und ich muss nicht darauf aufpassen, dass das so bleibt, weil er das selbst so möchte. Jake La Motta ist weg und ich könnte jetzt sagen, dass ich auf eine gute Art und Weise gewonnen habe, aber das tue ich nicht, weil es hier überhaupt nicht um gewinnen und verlieren geht.

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Illustration: Julia Schubert

Dorian Linda ist meine beste Freundin. Linda und Julian sitzen in meiner Küche, sie sitzen nicht einfach nebeneinander, sie sitzen fast aufeinander. Sie fahren sich durch die Haare, streichen sich über die Bäuche, sie sind an manchen Körperstellen nicht mehr auseinanderzuhalten, so verschlungen ineinander sind sie. Wenn ich auf die Toilette gehe, knutschen sie wild und machen ein enttäuschtes „oh“, wenn ich den Raum wieder betrete und entfernen ihre Köpfe wieder voneinander. Vor einem halben Jahr hat sich Linda in Julian verliebt. Sie war schrecklich unsicher. Als sie damals voreinander standen fuhr sich Linda selber ganz aufgeregt durch die Haare, sie zupfte an sich herum und tippelte von einem Fuß auf den anderen. Sie entschuldigte sich für alles zweimal. Und sie kicherte nach jedem Satz, den sie zu Julian sagte, guckte auf ihre Schuhe und dann zu Julian und kicherte wieder. Nachts, am Telefon erzählten sie sich Geschichten über ihre Kindheit, die Familie und manchmal auch von vermeidlichen Schwächen, die sie meinten an sich festgestellt zu haben. Linda erzählte mir dann davon wie großartig Julian ist. In ihrer Vorstellung wurde Julian zu einem großen unfehlbaren Supermann, in jedem Satz verwendete sie nämlich Superlative, und man weiß ja, dass Beziehungen vor allem davon leben, welche Vorstellung man von seinem Partner hat. Ich beobachtete sogar eine Veränderung in der Gangart von Linda. Sie lief fluffiger, sie hüpfte leicht, bei jedem Schritt, sie ging wie eine Siebenjährige auf dem Weg zu ihrem Pflegepony. Schön, dachte ich damals, ich freute mich richtig für Linda, sie hatte viel Pech gehabt mit Männern, in die sie sich in den Jahren zuvor verliebt hatte. Ich erzählte meinen Freunden von Linda und Julian und dabei hopste ich dann sogar manchmal vor Freude, vor Freude für Linda. Heute sitze ich da, blicke auf meinen leeren Teller vor mir, lasse den Kopf hängen. Eigentlich möchte ich schreien, auch wenn ich weiß, dass das zu dramatisch ist, ich möchte schreien: Auseinander ihr verliebten Hühner. Ich kann mir das nicht angucken. Ich bin furchtbar nähebedürftig. Und ihr klebt hier aufeinander, bei mir zu Hause, benehmt euch jetzt. Oder lasst mich in die Mitte. Ja, lasst mich in die Mitte und krault beide meinen Kopf, gebt mir Küsse auf die Wange und bemitleidet mich, mehr als nötig wäre. Ich weiß, sie kommt wieder und ich weiß, wir machen das eigentlich ganz gut und ich habe keinen Grund mich zu sorgen oder eifersüchtig zu sein, aber ich bin trotzdem traurig. All das sage ich nicht und blicke weiter auf meinen Teller und bin eifersüchtig auf Linda und Julian.

Text: nadja-schlueter - Illustration: Katharina Bitzl

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