Die Fernliebekolumne. Heute: Wie es die anderen machen

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Sarahs Freund studiert für ein Semester in Irland. Wie das ist, erzählt sie hier:
"Am Anfang dachte ich: Ist ja nur ein Semester, das schaffen wir doch locker, ich fliege ja auch hin und so weiter. Aber als er dann dort war, fing es an, dass er jeden Tag bis fünf Uhr morgens Party gemacht hat und total eingespannt war. Dann hieß es am Telefon immer: Ich muss gleich los! und für mich war einfach keine Zeit mehr. Und nach den Gesprächen dachte ich oft: Wer war das denn jetzt? Vor allem hat er da diese Clique gefunden und immer von den Leuten geschwärmt, wie toll die sind, vor allem von dieser Ellen hat er ständig gesprochen. Weißt du, wir haben uns Briefe geschrieben, weil ich dachte, Briefe schreiben wäre was Schönes, wenn man weit voneinander entfernt ist, und ich habe mir so viel Mühe gegeben mit meinen Briefen, aber in seinem ersten Brief hat er über zwei Seiten beschrieben, wie er seine Wäsche wäscht, und danach nur noch von Ellen geschwärmt, dass er sich noch nie so verstanden gefühlt hat, wie gut er mit ihr reden kann et cetera. Da habe ich mir auch gedacht: Was soll das denn jetzt, was passiert denn hier? Naja, und dann hat er was Dummes gemacht. Und es mir zum Glück direkt gestanden. Das rechne ich ihm auch hoch an und er hat gesagt, mehr als Küssen sei nicht passiert, das glaube ich ihm. Aber ich wusste dann nicht, was ich machen soll. Eine Freundin hat mir geraten, ich soll sofort Schluss machen, keine Diskussion, aber ich denke mir, dass man vier Jahre ja nicht einfach so über den Haufen wirft, oder? Und er war ja in einer völlig neuen Situation. Er hat gesagt, dass er sehr verwirrt ist, dass er mit mir zusammen bleiben will, dass ihm aber die Freundschaft mit Ellen so viel bedeutet dabei kennen die sich doch erst seit Kurzem. Ich wäre am liebsten sofort hingeflogen, aber das ging nicht. Und jetzt fliege ich übermorgen. Und er gibt sich gerade unheimlich viel Mühe. Er hat sogar für den ersten Abend schon einen Tisch reserviert, aber ich darf nicht wissen wo, es ist eine Überraschung. An diesem Abend werde ich es auch eher ruhig angehen, aber ich werde das auf jeden Fall nochmal ansprechen, und zwar nicht zu knapp. Ellen wird übrigens in der Zeit nicht da sein und mittlerweile finde ich es sogar schade glaub mir, ich hätte vor ihr sowas von gut ausgesehen! Weißt du, er findet Schwedinnen immer so toll, und ich hab vorher aus Spaß immer gesagt: Du wirst da sicher jeden Tag zehn schöne Schwedinnen um dich haben. Und jetzt ist da Ellen und die ist halbe Schwedin. Aber ich finde sie hässlich." *** Justus: Ach, am besten war, das mit Humor zu ertragen. Humor bedeutet doch: Ein Lachen im Gesicht zu behalten, auch wenn es das Leben mal nicht gut mit einem meint, das ist eine Haltung. So hab ich mir das damals gedacht. Haltung bewahren, darum geht es jetzt. Das ist aber nicht nur bei so einer temporären Trennung meine Einstellung. Ich glaube, während dem ganzen Leben kommt es darauf an eine selbstgemachte Stellung gegenüber den Dingen einzunehmen, in den richtigen Momenten das Maul aufzureißen oder die Klappe zu halten. Dann klappt das schon, da bin ich glücklicherweise ein Optimist. Das ist Lebensfreude und -qualität für mich. Und das war klar, die wollte ich mir in der Zeit, in der sie weg war, auch nicht nehmen lassen. Dass sie bitte nicht weggehen soll, habe ich nie gesagt. Natürlich haben wir uns im Vorfeld Sorgen gemacht. Da muss man ehrlich zu sich selbst sein. Der mir liebste Mensch geht für eine nicht unerheblich lange Zeit ziemlich weit weg. Da setzt man was aufs Spiel, mit dem man eigentlich nicht spielen sollte, ganz im Ernst. Ausgang ungewiss. Und dieses ganze Gequatsche von den Leuten, die dir dann Sagen: Ey, wenn das nicht klappt, dann war sie auch nicht die Richtige so ein Unsinn, sowas macht mich wütend. Damit würde man es sich viel zu einfach machen, das will ich nicht. Die Richtige", sowas gibt es für mich als etwas Vorbestimmtes einfach nicht. Es kann nur einen Menschen geben, mit dem man gemeinsam beschließt, so viel wie möglich vom Leben miteinander zu teilen, zu genießen, und zwar so lange, wie es sich richtig und gut anfühlt. Und dann fühlt es sich eigentlich noch richtig und gut an, und die gemeinsame Zeit ist vorerst unterbrochen. Das ist das Schwierige an der ganzen Sache. Die Zeit, die man nicht zusammen ist, in der entwickelt man sich weiter. Und das tut man dann getrennt voneinander. Davor hatte ich am meisten Angst: Sie kommt wieder und da steht dann ein ganz anderer Mensch vor dir. Sowas habe ich sogar mal geträumt. Da kam sie an. Ich hol sie vom Bahnhof ab. Und sie so in Sandalen und einem Jesuskleid aus Leinen. Hatte Erlösung gefunden und wollte sich nie wieder die Haare schneiden, weil Haareschneiden eine Lästerung gegen die Schöpfung Gottes wäre. Und Sex vor der Ehe? Keine Chance. Ey, da wartest du ein Jahr auf deine Freundin und dann will sie kein Sex mehr mit dir haben. Ich bin schweißgebadet aufgewacht. Keine Ahnung, ob uns das als Paar gestärkt hat, echt nicht, das ist doch auch sowas, was man dann immer sagt. Oh, jetzt ist das überstanden, jetzt kann uns nichts mehr auseinanderbringen. Quatsch, wenn man mich fragt. Es bestätigt einem gegenseitig die Bereitschaft, viel in die Beziehung einzubringen. Auch Verzicht kann man einbringen. Und das fühlt sich gut an, da kann man stolz auf sich sein und mal die Tassen heben. Das haben wir dann auch gemacht als sie wiederkam. Am Ende ist es nicht mehr und nicht weniger.


Text: nadja-schlueter - Illustration: katharina-bitzl

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