"Wir planen das Wahrscheinliche und nicht das Mögliche"

Wie große Festivals ihre Sicherheitskonzepte nach dem Anschlag in Ansbach planen.
Von Max Sprick
Foto: Sean Gallup / getty

Deutschland hat also seinen ersten Selbstmordanschlag erlebt. Dass der Attentäter von Ansbach nicht mehr Menschen verletzte oder tötete, ist dem Sicherheitskonzept des Open Air zu verdanken, das der 27-Jährige besuchen wollte. Er drehte um, als er sah, dass Rucksäcke kontrolliert werden. Reicht das also: Gewalt aussperren? Kann es funktionieren, dass Zäune und Einlass-Kontrollen dafür sorgen, dass man ohne zumindest unterschwellig empfundenes mulmiges Gefühl Großveranstaltungen besucht?

Für die größte Veranstaltung in nächster Zeit wird genau das diskutiert, das Münchener Oktoberfest könnte komplett umzäunt werden. So wie jedes Musik-Festival auch. Wie reagieren deren Veranstalter auf Ansbach? Wir haben mal nachgefragt, ob sie dadurch ihr Sicherheitskonzept überdenken. 

Beim Chiemsee Summer in Übersee werden Taschen und sonstiges Gepäck beim Betreten des Campingplatzes schon immer kontrolliert, die Besucher selbst anschließend beim Gang auf das Veranstaltungsgelände durch Schleusen separiert und mittels Bodycheck auf gefährliche und verbotene Gegenstände geprüft. All diese Maßnahmen könnten aber  „gegen schwer bewaffnete Angreifer, die egal aus welcher Motivation heraus Veranstaltungen stürmen, wenig ausrichten“, sagt Sprecherin Carmen Hafner.  Kann man gegen eine solche Bedrohung also wirklich gar nichts tun?

„Im Zuge dessen bilden unsere leitenden Verantwortlichen in Zusammenarbeit mit diversen Sicherheitsunternehmen und der Polizei eine Arbeitsgruppe, um entsprechende Informationen und Handlungsempfehlungen zusammenzutragen und gewonnene Erkenntnisse in die Umsetzung vor Ort im Rahmen der Sicherheitskonzeption einfließen zu lassen.“ Was das genau bedeutet, wird sich also am Chiemsee erst noch zeigen.

Beim Electro-Festival Nature One sieht man die allgemeine Lage noch nicht weiter dramatisch. „Grundsätzlich gilt: Wir planen das Wahrscheinliche und nicht das Mögliche“, sagt Oliver Vordemvenne. Gewisse Relationen solle man trotz einer potenziellen Anschlagsgefahr und guter Sicherheitsvorkehrungen aber generell nicht aus den Augen verlieren: „Wenn man zu Nature One mit dem Auto angereist ist, hat man den ‚gefährlichen’ Teil schon hinter sich.“

Ein Vorfall wie in Ansbach beeinflusse die Sicherheits-Vorkehrungen nur indirekt. „Es gibt keine absolute Sicherheit, in keinem Lebensbereich, also auch nicht bei Veranstaltungen“, sagt Vordemvenne. Taten psychisch gestörter Menschen seien kaum zu verhindern. „Wir raten zur Gelassenheit. Unsere Sicherheitsbehörden und allen voran die Polizei machen einen sehr guten Job.“ Ein Zitat des früheren US-Präsidenten Benjamin Franklin gilt für Vordemvenne immer noch: „Wer die Freiheit aufgibt um Sicherheit zu gewinnen, wird beides verlieren.“

Beim Metal-Festival in Wacken wird konkret auf die jüngsten Bedrohungen reagiert. „Aus aktuellem Anlass hat sich die Festivalleitung in Zusammenarbeit mit den Sicherheitskräften dazu entschieden, Rucksäcke und Taschen jeglicher Art

auf dem Veranstaltungsgelände zu verbieten. Erlaubt sind

Bauchtaschen“, teilten die Organisatoren mit. Dafür gibt es Aufbewahrungs-Möglichkeiten in Form von Schließfächern außerhalb des Festivalgeländes. 

Mehr Sicherheitspersonal aufzubieten ist zu einfach gedacht - und schwer 

Eine Maßnahme, die zwar zur Sicherheit beitragen soll, bei Wacken-Fans aber nicht gerade auf Begeisterung gestoßen ist. „Was will man alles verbieten? Wasser in Wasserflaschen, weil jemand sich mit Flüssigsprengstoff in die Luft jagt?“, kommentierte ein Facebook-User. „Es gibt keine einhundertprozentige Sicherheit in einer offenen Gesellschaft. Auch in einer geschlossenen nicht.“ Ein anderer kommentiert das Rucksack-Verbot als „blinden, irrationalen Aktionismus.“

 

Aber was wäre denn rationaler, sicherer? Mehr Sicherheitskräfte – das wäre die wohl naheliegendste Antwort. Ist aber einfacher gesagt, als umgesetzt. Denn fähiges Personal ist rar. "Der Markt ist wie leer gefegt", sagt Markus Drasch von Bavaria Sicherheitsdienst zur SZ. Viele Firmen suchten dringend nach neuen Mitarbeitern, er wisse von einem Kollegen, der habe 20 Stellen offen. "Man kann ja nicht jeden nehmen.“

 

Und selbst mit mehr Personal lässt sich öffentlicher Raum nur schwer schützen. Wer Amok läuft oder einen Selbstmordanschlag verübt, plant das vorher genau. Polizei und Sicherheitskräfte müssen diesen Plan erstmal durchschauen, um auf ihn reagieren zu können.

 

„Die tragischen Ereignisse der letzten Tage gehen natürlich nicht spurlos an uns vorbei“, sagt Florian Zoll vom Taubertal-Festival. Das Sicherheitskonzept in Rothenburg ob der Tauber berücksichtige aber seit vielen Jahren alle, das betont Zoll, möglichen Gefährdungspotenziale. Schlechtwetter, Amok und Terror. „Natürlich werden die Konzepte jedes Jahr überprüft und in Kontext gesetzt“, sagt Zoll. Ob sich der Anschlag auf das Open Air in Ansbach auf das Taubertal-Konzept auswirkt, „werden wir beurteilen, wenn klarer ist, was dort genau vorgefallen ist und wie die Hintergründe dazu sind. Im Moment wird ja noch ermittelt.“ 

 

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