„Es ist doch jeden Tag dasselbe“ - ein Satz, der in wenigen Worten viel Elend andeuten kann. Der benutzt wird von kopierenden Praktikanten, die alle 20 Minuten Papier nachlegen, von erschöpften Müttern, die ihre schreienden und strampelnden Kinder kaum in die Strumpfhosen gepresst bekommen, oder einer Gruppe aus Freunden, die wieder auf den Zuspätkommer warten. Ich lehne mich weit aus dem Fenster und behaupte: Noch nie hat irgendjemand den Satz mit „Es ist doch jeden Tag dasselbe“ begonnen und mit „mein Leben ist immer noch der Oberhammer!“ beendet.

Denn selbst, wenn gar nicht mal so ätzend ist, was sich da ständig wiederholt, stört doch zumindest die Wiederholung an sich. Jeden Tag Nudeln, dieselben Lieder im Radio, fast wortgleiche Gespräche – das nervt früher oder später jeden von uns.

Trotzdem finden wir den Gedanken faszinierend: Einfach den ein oder anderen schicksalhaften Tag noch einmal erleben können – oder zweimal. Oder eben so oft, wie es braucht, bis wir perfekt hinbekommen, was wir vorher vermasselt hatten. Wir könnten zum Beispiel unsere 3,7-Klausuren selbst auf eine 1,0 korrigieren, wenn es ein zweites und drittes Mal gäbe, bei dem wir schließlich schon wüssten, was gefragt wird. Wir würden Küsse mit vergebenen Männern rückgängig machen und damit Beziehungen retten. Oder einfach nur den Mittelfinger wieder einziehen, wegen dem man demnächst ein Bußgeld zahlen muss.

Der Film „Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“ – englische Buchvorlage von Lauren Oliver und Filmtitel: „Before I fall“ – verarbeitet ab Juni eben dieses Gedankenexperiment im Kino. Die Protagonistin ist darin allerdings wenig begeistert von ihrem Schicksal, sie ist darin gefangen.

Zuvor liebte die Schülerin Samantha ihr Leben, ihre Freundinnen, ihre Highschool, war sich sicher, alles richtig gemacht zu haben – bis sie ein traumatisches Ereignis in eine Zeitschleife reißt: Jeder Tag ist für sie „Cupid Day“, also eine Art Valentinstag, der um die selbe Uhrzeit mit dem selben Origami-Kranich von Samanthas kleiner Schwester und der selben Nachricht auf ihrem Smartphone beginnt. Durch ihr Handeln kann sie den Ausgang des Tages dann zwar tatsächlich ändern – der sieht aber meistens nicht so aus, wie sie es beabsichtigt hatte. Es folgen eine Suche nach dem „Warum?“,  der unbedingte Wille, die Gegenwart des (vermeintlich?) letzten Tages besser zu machen und ein hoffnungsloses Abschiednehmen von der Zukunft.

Ständig im selben Tag gefangen zu sein, würde sich im echten Leben traumatisch auswirken – Depressionen, Angststörung, Paranoia

Dieser Gedanke, wir könnten plötzlich eines Morgens wieder am vorherigen Morgen aufwachen und ab dann so lange immer wieder denselben Tag erleben, bis sich alles zum Guten gewendet hat, ist in unseren Köpfe eingebrannt, seit 1993 täglich das Murmeltier gegrüßt hat. Immer wieder wird das Konzept Zeitschleife in Filmen wie „Edge of Tomorrow“ oder „Lola rennt“ neu verarbeitet, aber leider selten zu Ende gedacht. Genau das ist auch das Neue an „Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“: Der Film kratzt mit der ewigen Wiederholung des immer selben Tages endlich und konsequenter Weise nicht vergeblich an der Oberfläche des Sinns des Lebens, sondern vor allem an der Laune, dem Verstand und schließlich der psychischen Gesundheit seiner Protagonistin.

Szene aus "Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie" nach der Romanvorlage von Lauren Oliver

Szene aus "Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie" nach der Romanvorlage von Lauren Oliver

Foto: capelight pictures

In den anderen Filmen dagegen wird die Wiederholung, die wir doch eigentlich im Alltag schon in abgeschwächter Form als belastend empfinden, oft als so nützlich und gut dargestellt, wie wir es uns erträumen würden: Jeder Fehler des vergangenen Tages ist nicht nur verzeihbar, sondern schon am nächsten Tag aus der Welt – Refresh im echten Leben, immer wieder. Protagonisten müssen erst einmal für alles, was sie tun, keine Konsequenzen tragen. Bis ihnen das natürlich irgendwann zuwider wird, sie erkennen, wie gut es tut, anderen zu helfen. Dann entkommen sie als besserer Mensch der Zeitschleife und leben meistens glücklich bis ans Ende. Harmloser kann so eine Phänomen gar nicht verkauft werden – schon gar nicht, wenn dazu auch noch täglich ein Murmeltier grüßt.

 

Ständig im selben Tag gefangen zu sein, würde sich im echten Leben sicher traumatisch auswirken – Depressionen, Angststörung, Paranoia würden mir da einfallen. In den bisherigen Filmen machte es die Menschen allerdings zu Lebens- und Menschenverbesserer. Bei der Film-Zeitschleife rechnen wir gewöhnlich mit strahlenden, siegreichen Gesichtern am Ende.  

 

Aber was wenn man dem Tag einmal nicht per Happy End entkommt? Wenn man sich doch schon längst besser verhält und es trotzdem keinen Ausweg gibt, man den Schrecken nicht beenden kann?  

„Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“ malt dieses Szenario in düsteren Farbtönen. Der Film fordert gleichzeitig Einsicht, aber auch Akzeptanz der vergangene Fehler und wälzt den Gedanken der Zeitschleife damit endlich so ernst umher, wie es sich schon länger angeboten hätte. Es bietet sich ein Gedankenschauspiel über die Gefangenschaft innerhalb einer Teenie-Welt, die ungewöhnlich schonungslos desillusioniert wird. Wer sich darauf einlässt, versteht, wie schön es ist, nicht jeden Fehler perfekt ausbügeln zu müssen. Dass gut tut und entlastet, dass die Zeit nun einmal weiter läuft, stringent, ohne Umwege.

"Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie" startet am 1. Juni in den deutschen Kinos.

Mehr Filme, die dich interessieren könnten: