Filmkolumne (III): Wo findet man eigentlich die Schauspieler?

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1. Die perfekte Hauptdarstellerin Es gibt ja eigentlich nichts Schöneres, als einen perfekten Schauspieler für eine der Figuren, die man mag, zu finden. Als wir uns mit Joyce trafen, war das dann so ein Moment. Sie kam für die Rolle der Marilyn, die Hauptrolle unseres Films. Als wir uns begrüßten, war nach einer Sekunde klar: Sie ist so wunderbar, wir brauchen uns mit niemand anderem mehr zu treffen und Natalie Portman, die sich in Los Angeles gerade auf den Weg gemacht hatte, ließ sich vom Schleudersitz zum Flughafen zurückkatapultieren und stürmte zwischen zwei anfahrenden Düsenjets über das Rollfeld zurück zum Flughafen.

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Illustration: Julia Schubert

Währenddessen saßen wir mit der wunderbaren Joyce in der perfekten Bar, die sie ausgesucht hatte, um sie davon zu überzeugen, eine Rolle von uns zu bekommen. Und während Sebastian noch ein bisschen mehr versuchte, sie davon zu überzeugen, eine Rolle von uns zu bekommen und Joyce einfach nur dasaß und wunderbar war, wurde ich ein bisschen traurig. Natürlich gibt es nichts Schöneres, als einen perfekten Schauspieler für eine der Figuren, die man mag, zu finden, aber andererseits ist das auch irgendwie traurig, denn plötzlich merkt man, dass Sebastian die wunderbare Joyce die ganze Zeit anlächelt und man will, dass sie nach Hause geht, weil sie Marilyn doch gar nicht kennt, plötzlich aber Marilyn sein darf. Meine Mutter hat immer gesagt, dass sie es blöd fand, als ich auf die Welt kam, weil jetzt plötzlich alle so getan haben, als würde ich ihnen gehören. Und auch wenn das nach einem Klischee klingt, war ich in diesem Moment ein bisschen eifersüchtig. Ich wollte das Drehbuch nehmen und damit wegrennen und alleine alle Figuren aus dem Film spielen, weil ich sie plötzlich alle so mochte. Aber so kann man ja keinen Film machen. 2. Das Casting Deshalb vergaben Ralf, Sebastian und ich auch die übrigen Rollen in einem großen Casting, das wir, weil unsere Wohnungen viel zu klein für 16 Personen sind, im Schloss Wahn in Köln veranstalteten. Nachdem wir die Ausschreibungen im Internet aufgegeben hatten, wurden wir von mehreren hundert Bewerbungen überschwemmt, was uns völlig erstaunte. Natürlich mussten wir erstmal ein paar Bewerber aussortieren: 1. Bewerber, die uns Fotos schickten, auf denen nur wenige Quadratzentimeter ihres Körpers von einer Decke verhüllt waren, 2. Bewerber, deren größter schauspielerischer Erfolg eine Komparsenrolle in einer schlechten deutschen Soap war, 3. Bewerber, die unverkennbar vierzigjährige Männer waren, sich jedoch für die Rolle eines achtzehnjährigen Mädchens bewarben. Wandelbarkeit hin oder her. So was geht doch nicht. Letztendlich luden wir dann pro Rolle zwei Leute ein. Das Casting fanden wir toll! Da kamen echte Schauspieler aus Berlin, die unsere Texte auswendig gelernt hatten, die sich eine ganze DinA4-Seite Notizen zu ihrer Figur gemacht hatten und ihre Rollen dann genau so spielten, wie wir es uns vorgestellt hatten oder besser. Benedikt aus München war für eine Dreiviertelstunde Casting mit einer Mitfahrgelegenheit zwölf Stunden unterwegs, Tom aus Leipzig hat als Requisite für seine Szene ein selbst gemaltes Bild mitgebracht, Michael aus Berlin verbrachte ein ganzes Wochenende in Köln, weil er keine Rückfahrtmöglichkeit hatte. Und das auch noch auf der falschen Rheinseite. Sebastian, Ralf und mir wurde klar: Es gibt Leute, die in unserem Film mitmachen wollen! Da begannen auch unsere Streitereien, wer denn nun denjenigen absagte, die wir nicht haben wollten. Regel 3: Schauspieler sind beim Film das Salz in der Suppe. Und viele mögen es nicht, wenn man sie nicht wie Salz behandelt. Da Ralf und ich schneller „Muss nicht!“ gerufen haben und überhaupt Sebastian bei unangenehmen Aufgaben immer der mutigste ist, war er derjenige, der sich die meisten wütenden und traurigen Reaktionen der abgelehnten Schauspieler anhören musste, und mal wieder beweisen konnte, dass er ein guter Regisseur ist. 3. Das Zimmer des alten Mannes Am schwierigsten gestaltete sich die Suche nach dem älteren Ehepaar, das wir für unseren Film brauchten. Mich wundert das nicht, da mir, wenn ich an meine Großeltern denke, eher mit „morgens“, „mittags“ und „abends“ beschriftete Medikamentendöschen und langwierige Diskussionen über die Frage, welche Cornflakes-Sorte ich zum Frühstück bevorzuge, einfallen. Action hatten alte Leute früher, als sie Motorradtouren gemacht und ohne Allergien im Heu geschlafen haben und als sie aus der DDR geflohen sind und als sie ihre Nächte im Luftschutzbunker verbracht haben, während draußen die Bomben fielen, also irgendwann muss ja auch mal Schluss sein.

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Illustration: Julia Schubert

Auch die Leiterin der Agentur 60 plus machte uns nicht viel Hoffnung, Schauspieler zu finden, die bereit wären, auf Rückstellung, (das bedeutet, Gage gibt’s nur, falls der Film was einspielt), für uns zu arbeiten. Doch dann trafen Sebastian und ich uns mit Kurt. Er wartete schon vor der Kneipe, als wir ankamen und hatte einen Hut auf, so wie wir uns das wünschten. Kurt spielt nicht in einer Laien-, sondern in einer Amateurtheatergruppe, wie er immer wieder betonte, und freute sich, als wir gespannt seinen Geschichten über die Ameisenschutzwacht lauschten. Kurt ist wirklich toll, als wir ihn heimfuhren, zeigte er uns noch sein Zimmer. Er hat ein Cello und die Wände voller Bilder, die er selber abgemalt hat und Erinnerungen aus einem beinahe vollendeten Leben. Es ist spät, als Sebastian und ich heimfahren und wir wissen plötzlich, dass wir wirklich keine Ahnung haben, aber es ist auch schön, dass wir noch jung sind. Sebastian will das nächste Mal einen Fotoapparat mitnehmen und Kurts Zimmer fotografieren und ich bedauere ein wenig, dass meine Großeltern so langweilig sind. Als wir Kurt die Rolle gegeben haben, waren wir ein bisschen besorgt, denn Kurt ist 81, hatte einen Herzinfarkt und, da ist er wieder wie viele alte Leute, er weigert sich, Medikamente zu nehmen. Kurt beruhigte uns jedoch, auch wenn er ab und zu umkippe, er würde jedes Mal wieder aufstehen.

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