Filmkolumne (IV): Wo kriegt man eigentlich das ganze Geld her?

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Der Regisseur Sam Raimi hat kürzlich mit Spiderman 3 mal wieder einen neuen Budget-Rekord aufgestellt: 258 Millionen Dollar. Wir denken, dass wir mit ein bisschen weniger Geld auch klarkommen werden. Tatsächlich sind Ralf, Sebastian und ich der Meinung, dass Millionen von Euro nicht automatisch einen guten Film ausmachen und überhaupt: dieser ganze Kapitalismus. Dieses beeindruckende politische Statement wird möglicherweise ein wenig durch die Tatsache gestützt, dass wir einfach keine 258 Millionen Dollar haben. Wir dachten immer, das Unangenehmste auf der Welt wäre, kein Geld zu haben, jetzt wissen wir: Das Unangenehmste auf der Welt ist, Leute um Geld zu bitten.

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Illustration: Julia Schubert

Der Technikraum mit unserem Equipment Was man alles braucht: 1. Verpflegung: 25 Leute, 20 Tage, 1500 Mahlzeiten – Kostenpunkt: 5850 € Sebastian kann Knödel mit Kartoffelbrei machen, Ralf Mehlschwitze. Da davon außer den beiden niemand sonderlich begeistert ist, machten wir uns zuerst auf die Suche nach Essenssponsoren. Da jedes Mal, wenn einer von uns dreien auch nur den Hörer in die Hand nahm, er auf der anderen Seite der Leitung schon wieder aufgeknallt wurde, engagierten wir uns erstmal zwei Telefonistinnen mit schönen Stimmen: Eva, die Aufnahmeleiterin unseres Films, und Anne, die für die Ausstattung zuständig ist. Die Post muss in diesen Tagen ganz schön unzuverlässig geworden sein. Wir haben den starken Verdacht, dass etwa zweihundert Sponsorenschreiben, die wir verschickt haben, nicht angekommen sind, zumindest behaupten die Chefs von zweihundert Unternehmen, nie einen Brief erhalten zu haben. Aber mit den schönen Stimmen klappt das schon. In einem Verhältnis von 1:40 kriegen wir tatsächlich Zusagen für eine Runde Mittagessen am Set und Sebastians Oma, in deren Keller wir unser Büro aufgemacht haben, eine hohe Telefonrechnung. Da die Besitzer von Pizzerien die nettesten sind, gibt es jetzt am Set zwar jeden zweiten Tag Pizza, aber Pizza ist immer noch besser als Knödel mit Kartoffelbrei und Mehlschwitze. Regel 4: Immer viel und gutes Essen für den Dreh organisieren, sonst reisen die Beleuchter ab! 2. Unterkunft: 25 Leute, 20 Nächte, 25 Betten – Kostenpunkt: 6750 € Wahrscheinlich werden Sebastian, Ralf und ich gar keine Betten brauchen, weil wir tags und nachts durcharbeiten müssen, aber die Schauspieler brauchen ihren Schönheits- und die Crewmitglieder ihren Erholungsschlaf. Deshalb machten wir uns auf die Suche nach Schlafplätzen. Sebastians Mutter trieb die günstigsten Zimmer in einem Buddhistenkloster auf und meine Mutter warnte vor der Gehirnwäsche, die in diesem Preis sicherlich inbegriffen war. Da die Bewohner eines Dorfes manchmal genauso zusammenhalten wie die Bewohner einer Insel, bekommen wir jedoch unglaublich viel Unterstützung von den Nachbarn aus dem Umkreis von Mayen, wo wir drehen werden. So reservieren nicht nur Sebastians und Ralfs Tanten und Omas Betten für das Filmteam, selbst Leute, die nur jemanden kennen, der jemanden kennt, der an dem Projekt beteiligt ist, bieten uns ihre Gästezimmer an. Möglicherweise gefällt ihnen die Vorstellung, demnächst mit Ewan McGregor am Frühstückstisch zu sitzen. Dass der leider nicht mitmachen kann, haben wir ihnen noch gar nicht gesagt.

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Illustration: Julia Schubert

Wahre Sparsamkeit: Ein von unserem Gripper selbstgebastelter Hängedolly 3. Technik: Kamera und Zubehör, Licht, Grip, Ton, Postproduktion – Kostenpunkt: 7860 € Die meisten Filmproduktionen scheitern an den Kosten für die Technik. Da wir uns in den Kopf gesetzt haben, nicht auf Video, sondern auf 16mm Film zu drehen, brauchen wir einen besonders guten Plan: selbst gebackenen Kuchen. Ja, das klingt zu banal, um wahr zu sein. Aber es funktioniert. Wir bekommen tolle Angebote für das Filmmaterial, die Entwicklung und die Kamera, die besten, die Studenten jemals bekommen haben, sagt Christian von Kodak. Und so reicht das Geld, das die Footsteps-Filmproduktion sich bisher durch Auftragsarbeiten zusammengespart hat, um den Hauptkostenpunkt und die ganzen Optiken und Stative, den Dolly und die Schienen und was man alles sonst noch braucht, damit der Film professionell aussieht, zumindest mit einem Zuschuss in die Kaffeekasse zu honorieren. Wir haben momentan nur noch das kleine Problem, dass nichts mehr für die Postproduktion übrig ist. Daher können wir uns den Film wahrscheinlich bloß auf dem Negativstreifen ansehen. Und das nur einmal. 4. Sonstiges und was wir alles vergessen werden: Kostenpunkt: ? Mal abgesehen von meinen Ängsten, dass irgendjemand die Kamera öffnet und unser Film überbelichtet wird oder dass wir am Ende des Drehtages bemerken, dass gar niemand den Film eingelegt hat, habe ich auch noch FuturII-Angst davor, dass wir vergessen haben werden, den Film gekauft zu haben werden. Diese Angst habe ich seit jenem Abend, an dem wir gerade dabei waren, einzuschlafen, als Ralf plötzlich aufschreckte und rief: „Was ist denn eigentlich mit dem Strom?“ Während die Jungs noch eine Weile rumrechneten, wie viele hundert Euro unsere 18 kW Lampen während unseres Drehs fressen würden, bin ich zwar wieder eingeschlafen, habe jedoch ein bleibendes Trauma davon getragen. An was man alles noch so denken muss: Anreisekosten für Crew und Schauspieler, Requisiten, Maskenkosten, Kostüme, Versicherung, Telefonkosten, Fahrdienste und Süßigkeiten. 5. No Budget: Ich habe gelesen, dass die No-Budget Grenze bei 80.000 € liegt. Und No Budget bedeutet nun mal, dass wir für jeden, der beim Dreh einen Strohhalm in seiner Cola haben will, einen Strohhalm erschnorren müssen. Wir haben aber richtig Glück, weil so viele Leute bereit sind, uns zu helfen. Gearbeitet wird auf Rückstellung, das heißt Gage gibt’s nur, wenn Geld eingespielt wird, einige ansässige Firmen haben uns finanziell auch unter die Arme gegriffen und Ralf, Sebastian und ich haben unser Urlaubsgeld dazu gegeben. Bezüglich meiner tausend unbezahlten Überstunden kann ich mich ja noch der Writers Guild anschließen.

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