Filmkolumne (V): Wie schafft man es, dass der Film wie ein Film aussieht?

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Ein bisschen heruntergekommen, ansonsten ein x-beliebiges Haus, genau das, was wir gesucht haben. 1. Drehort: Wir brauchen für unseren Film ein Haus. Doch wo findet man ein leer stehendes Mietshaus, wenn man nicht in Mecklenburg-Vorpommern wohnt? Ralf, Sebastian und ich kommen alle vom Land. Da gibt es nicht mal bewohnte Mietshäuser. Und wenn doch, was machen wir mit den übrigen Bewohnern? Normalerweise bezahlen Produktionsfirmen den Bewohnern ihres Drehorts für die Drehzeit ein Hotel. Das können wir uns wie üblich nicht leisten. Eines Tages zeigt Sebastians Vater uns das Foto eines 6 Parteien-Mietshauses. „Ja, genau so eins brauchen wir“, sagt Sebastian und seufzt, weil wir so eines sowieso nie finden werden. „Das können wir haben“, sagt Sebastians Vater, „es steht sowieso leer.“ Da von Deutschland wohl keine akute Gefahr mehr ausgeht, haben die Amerikaner ihre Soldaten abgezogen und ihre leeren Wohnungen zurückgelassen. Die befinden sich in einem Mietshaus in Mendig, zehn Minuten von unserem Produktionsbüro. Nach fünf Telefonaten erhalten wir die Zusage. Wir bekommen das Haus- kostenlos, und hüpfen begeistert durch unser Büro. Als wir unser Haus das erste Mal betreten, stellen wir fest, dass es doch bewohnt ist. Von Spinnen. Seit 2 Jahren. Während ich mit dem Kehricht herumwedle, beschwere ich mich, dass ich nun für Sebastian immer das Mädchen mit den Spinnenweben im Haar sein werde. Auch den Boden müssen wir erstmal schrubben. Wir wollen schließlich nicht, dass es eine Staubexplosion gibt, wenn wir unsere heißen Lampen anschalten. Da ist zwar eine Luke, durch die man sich auf das Dach retten kann, wenn es brennt. Aber man kennt das ja. Meistens geht dann der Dickste zuerst und alle anderen kommen nicht mehr raus.

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Illustration: Julia Schubert

Kreative Arbeit unserer Ausstatter 2. Ausstattung: Wir sind froh, dass wir Sebastians Mama haben. Sie ist nämlich die Tine Wittler der Filmausstatter, nur nicht dick. Mit der Einrichtung haben wir Glück. Dadurch, dass die Bewohner unserer Wohnungen Studenten, Straßenmusikanten, Lebemenschen und alte Leute sind, treiben wir die meisten Möbel durch nächtliche Überfälle auf Sperrmüll, unsere eigenen Zimmer und die Zimmer unserer Omas auf. Für die Wohnung der Spießerfamilie erhalten wir Unterstützung von einem Möbelhaus. Unter anderem leihen sie uns einen 1000 Euro-Tisch, in den unser Filmkind später mit dem Geodreieck Löcher hämmern wird, als wir grad mal nicht hingucken. Na ja, Kratzer gehören zum Kolonialstil dazu. Trotz Unterstützung von allen Seiten mit allem möglichen Krempel dauert das Einrichten der verschiedenen Zimmer vier Wochen und Sebastians Mutter wird uns die letzte To Do-Liste zwei Tage vor Drehbeginn wohl niemals verzeihen: Bitte noch 45 qm Laminat bei Helene verlegen, eine Werkbank für die Werkstatt des Familienvaters und ca. 300 Bücher für Kilians Regale (keine Trivialliteratur!) besorgen! Regel 5: In den letzten Tagen vor Drehbeginn besser keine allzu großen To Do-Listen mehr verteilen!

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Illustration: Julia Schubert

Wenn der Hubschrauber zu teuer ist, nimmt man das Hausdach für die Vogelperspektive 3. Technik: Von der Technik hängt die Professionalität des Films ab. Wenn eine Requisite fehlt, geht das noch, wenn das Essen nicht kommt, ist das problematisch, wenn die Kamerabilder verwackelt sind, dann ist das eine Katastrophe! Telefonieren, Flüge buchen und ein bisschen Rumorganisieren kann jedenfalls jeder, dachten wir zumindest vor dem Dreh, einen Raum ausleuchten, damit es darin aussieht wie an einem regnerischen Spätnachmittag, nicht. An die technischen Positionen konnten wir daher keine Neulinge ranlassen. Einen guten Kameramann, Moritz, kennt Sebastian bereits von einem seiner Kurzfilme. Und wie es üblich ist, bringt der Kameramann seine Beleuchter-Freunde und eine Kameraassistentin mit. Einen Tonmenschen und eine Materialassistentin finden wir über www.crew-united.com. Beim Film ist es nicht wie beim Familienfoto. Der Kameramann sagt nicht: „Hey, gegen die Sonne kann ich aber nicht schießen“, oder: „Dreht euch mal mehr zur Kamera.“ Die Schauspieler dürfen sich frei bewegen und danach richtet das Technikteam die Beleuchtung und die Kameraperspektive aus. Die Kameraassistentin Lisa muss den ganzen Tag an einem kleinen Rad an der Kamera die Schärfe ziehen, da sich ja jedes Mal, wenn der Schauspieler sich bewegt, der Abstand zur Kamera ändert und still stehen wollen diese eigensinnigen Schauspieler ja nicht. Lisa ist total unkompliziert, mal davon abgesehen, dass sie Veganerin ist. Nun muss sich unsere gestresste Aufnahmeleiterin auch noch mit Tofu-Rezepten herumschlagen. So was gibt’s normalerweise nur im Film.

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