Filmkolumne (VI): Leute, die einem helfen, ein Perpetuum Mobile zu bauen

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Wer unterstützt einen eigentlich bei der Verwirklichung eines Filmes und wer legt einem Steine in den Weg? Eine kurze Typologie

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Illustration: Julia Schubert

Pause während des Lichtaufbaus FEINDE: 1. Die Skeptiker: Die erste Überraschung beim Filmdrehen: Diejenigen, von denen man glaubt, sie würden einem helfen, weil das ja ihr Job ist, helfen einem nicht: Die Filmförderungen. Als junge enthusiastische und vor allem nette Filmemacher bewarben wir uns direkt nach Ablauf der Anmeldefristen bei allen möglichen Filmstiftungen. Das war aber nicht schlimm, denn wir hätten die Filmförderungen eh nicht bekommen. Mal hieß es, Studenten würden nicht gefördert, ein anderes Mal, unsere Eigenbeteiligung sei zu gering, meistens jedoch, es sei zu unsicher, dass wir das Fördergeld wieder einspielten. Fördergelder werden als Darlehen vergeben. So kommt es, dass solide Filme wie „Neues vom Wixxer“ Fördergelder aus Nordrhein-Westfalen erhalten, weil die Schwester des Hundes des Regieassistenten aus Köln kommt und Fördergelder aus Bremen, weil der Setaufnahmeleiter Werder Bremen-Fan ist. Uns kennt niemand (außer den jetzt.de-Kolumnenlesern), daher wissen die Skeptiker nicht, ob wir das Geld zurückzahlen können, geben uns also lieber auch mal keine Chance dazu. 2. Die Opportunisten: Es kommt auch in den besten Schauspielerfamilien vor, dass man sich einfach mal auf jede Ausschreibung bewirbt, egal ob die Rolle zu einem passt oder nicht. Um das Ganze stets individuell zu gestalten, ändert man einfach ein paar Einzelheiten in der Anrede. Bewirbt man sich zum Beispiel für den lustigen Studenten von nebenan, beginnt man mit "Hey hey!" oder "Ahoi!" und endet mit "Ciao ciao" oder "Keep cool!" Merkt man eine Woche später, dass man doch eher der perfekte schwule Mittdreißiger ist, begrüßt man das Regie-Team lieber mit "Einen wunderschönen guten Morgen ihr Süßen" und verabschiedet sich mit "Adieu". Dass wir Stunden damit verbringen, nutzlose Bewerbungen, auszusortieren, interessiert die Opportunisten nicht. Sie schicken uns weiterhin Fotos von sich vor ihrer Schalke-Fanschal-Sammlung oder rufen uns an, um in gebrochenem Deutsch zu fragen, was eine Vita sei. Noch schlimmer sind jedoch diejenigen, die sich solange für eine Rolle bei uns interessieren, bis sie ein besseres Angebot bekommen. Am schlimmsten ist es, wenn dieses bessere Angebot zwei Wochen vor unserem Drehbeginn hereinplatzt, sodass wir die größte Mühe haben, schnell noch einen würdigen Ersatz zu finden. Wenn man kein Geld hat, nützen auch Verträge nichts. 3. Der Nihilist: Wir kennen bisher nur einen, einen Kopierwerksbesitzer, und hoffen einfach mal, dass es diese Sorte nicht im Plural gibt und er auch nicht auf die Idee kommt, sich selbst zu kopieren. Sebastian und ich wollten eigentlich nur ein Angebot zur Filmentwicklung bei ihm einholen, doch er hielt uns vier Stunden bei sich fest, um uns eine Sammlung der selbstbeweihräucherndsten Geschichten aus seinem Leben zu erzählen. Ein Angebot wollte er uns machen, unter der Bedingung, dass er uns beim Dreh beratend zur Seite stehen dürfte. Als wir das ablehnten, bekam er einen Tobsuchtsanfall. "Sie werden das nicht schaffen", prophezeite er uns. Doch, werden wir. Regel 6: Man sollte dem Teufel nicht seine Seele verkaufen. Das schadet nur dem Film. Auf der nächsten Seite: die Guten: die Freunde


FREUNDE: 1.Die Fantasten: Als wir uns das erste Mal mit Sebastians Patenonkel trafen, war ich ein bisschen besorgt. Er ist Ingenieur und hat in seinem Leben erst ein Buch gelesen, immerhin: "Sophies Welt". Wir erzählten ihm mit glasigen Augen von unserem Vorhaben. Damals waren wir noch richtig gut. Inzwischen haben wir diese Geschichte bereits eine Millionen Mal erzählt und können daher gegenseitig unsere Sätze beenden. "Klar investiere ich!" rief er am Ende unserer Ausführungen über Risikobereitschaft, Gänsehaut und Freundschaft, "das Geld bekomme ich schließlich zurück, nachdem ihr bei der Berlinale abgeräumt habt." Dann schrieb er uns einen Scheck aus. Von dem restlichen Geld auf seinem Konto kaufte er sich einen neuen Anzug für die Berlinale.

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Illustration: Julia Schubert

Ausflug am drehfreien Tag 2.Die Idealisten: "Film machen ist doch besser, als wenn Kinder auf Straße rumlungern und Alkohol trinken", sagt der Küchenchef und reicht Sebastians Mutter einen Wärmebehälter nach dem anderen gefüllt mit leckerem griechischen Essen für unsere Mittagspause. Alkohol trinken wir eigentlich trotzdem, nur halt erst nach Drehschluss. Woher das kommt, dass Lisa vor Drehbeginn jedes Wochenende durcharbeitet, um sich dann während der Drehzeit frei nehmen zu können? Dass Rosali Überstunden macht, um unseren Film in der Nacht abzutasten, damit wir die Ergebnisse an nächsten Tag schon sehen können? Dass Helga ihren Kletterpark einen Nachmittag schließt, um uns zu zeigen, wie man eine Leiche aufhängen könnte? Dass Christian sämtliche Lagerbestände an zurückgegebenen Filmrollen ausräumt, sodass vermutlich keine andere Studentenproduktion im nächsten halben Jahr auch nur eine Rolle geschenkt bekommen wird? Dass Tobias seine Prüfungsvorbereitungen unterbricht, um uns die Verträge zu schreiben? Dass Anne aus dem Kopierwerk uns das Angebot unseres Lebens macht, nur weil wir einen Kuchen dabei haben? Das kann eigentlich nur daher kommen, dass die Welt doch nicht grausam ist, sondern eine grüne Wiese mit Schmetterlingen und Gänseblümchen. 3. Diejenigen, die uns sowieso immer helfen würden: Jeder hat ja in seinem Leben Menschen, die ihm sogar dabei helfen würden, ein Perpetuum Mobile zu bauen und dabei auch noch davon überzeugt wären, dass es funktionieren könnte, wenn nur alle fest zusammenhielten. Auch wir hätten es ohne unsere Familien und Freunde nie geschafft, diesen Film zu drehen. Bereitwillig nahmen sie die blödesten Aufgaben auf sich, wie zum Beispiel alle daran zu erinnern, dass die Mittagspause jetzt aber mal vorbei sei, der Chefin von Subway Mayen, die uns einen Tag vor Drehbeginn vier Tage Catering absagte, die Leviten zu lesen und um vier Uhr nachts den Schauspieler mit den kleinen Starallüren nach Köln zu fahren, um ihn nach einer Stunde Schlaf auch schon wieder abzuholen. Als wir eine Woche vor Dreh alles absagen wollten, weil wir plötzlich keine Kamera und keinen Hauptdarsteller mehr hatten, sagte Sebis Vater: "Ich verspreche euch, ihr findet für jedes Problem eine Lösung." Ich glaube ja sowieso, dass es das Perpetuum Mobile gibt. Das probiert nur niemand aus, weil man von Klein auf lernt, dass es nicht gehen kann.

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