Filmkolumne (VIII): Und was passiert, wenn alles vorbei ist?

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1. In das schwarze Loch fallen "Macht euch keine Sorgen", hat Moritz, unser erfahrener Kameramann an dem Tag gesagt, an dem die Beleuchter sauer waren, weil wir zu lange gedreht hatten, und alle müde waren, "am letzten Abend werden sich alle in den Armen liegen und sagen, das sei der beste Dreh gewesen, bei dem sie je waren. Denn das macht man immer." Und Moritz behielt Recht. Am letzten Tag lagen wir uns alle in den Armen und bestätigten einander, dass das der beste Dreh gewesen sei, bei dem wir je waren und danach tanzten die Jungs an der Pole Cat Teleskopstange, an der wir sonst die Lampen aufgebaut hatten.

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Illustration: Julia Schubert

Beim Nachdreh gabs dann noch einen Banküberfall (wir haben kein Geld geklaut) Filmteams, die auseinander gehen, sagen einander nie, "Schreib mir doch mal!" so wie die Kinder im Ferienlager oder "Ich ruf dich an", wie der Sportstudent nach dem verpatzten Date. Man wächst zwar an einem Filmset, besonders weil man irgendwie keinen Kontakt zur Außenwelt hat, viel schneller zusammen als im normalen Leben, ist aber als Filmemacher schon daran gewöhnt, dass danach jeder zum nächsten Dreh geht, sich in ein neues Set einlebt, sich in die neue Kostümfrau verliebt und am Ende wieder sagen wird, das sei der beste Dreh gewesen, bei dem er je war. Und dabei wird er nicht mal lügen. Nur Sebastian, Ralf und ich sind daran noch nicht gewöhnt. Wir fallen in das obligatorische schwarze Loch, weil wir finden, dass das auch dazu gehört. Denn nach dem Dreh ist die tolle Zeit vorbei, in der sich irgendwie jeder für unsere Meinung interessierte. "Wann bin ich denn jetzt wieder wichtig?" habe ich Sebastian auf der Abschlussparty gefragt. "Auf deiner Hochzeit wahrscheinlich", hat Sebastian gesagt. Das klang grauenvoll. Und doch ist im schwarzen Loch rumhängen jetzt keine besonders gute Idee, denn ein Film ist nach dem Dreh nicht fertig. Jean-Jacques Annaud ließ für die Verfilmung von "L’Amant" 150 km Film durch die Kamera laufen- so schlimm ist es bei uns nicht, wir haben 1350 Meter, also sieben Stunden. Aber auch die wollen in die richtige Reihenfolge gebracht und zu einem Film zusammengebastelt werden. 2. Den Cutter zur Weißglut bringen Einen Cutter haben wir über die Plattform crew-united gefunden. Er hat Big Brother 7 geschnitten. Nicht gerade meine Lieblingssendung, aber wir waren ja auch immer bereit, unsere Seele zu verkaufen, wenn es notwendig war. Und Aron verkauft seine Seele ganz schön teuer! Er hat einen eigenen Schnittplatz bei sich zu Hause und er verflucht uns schon nach ein paar Tagen. Wir hätten ihm ja gesagt, dass wir ein paar Klappen vergessen hätten, aber unter "ein paar" stelle man sich drei oder vier und nicht hundert vor. Wenn man die Kamera ausschaltet, bevor geklappt wird, dann ist es beinahe unmöglich, den separat aufgezeichneten Ton synchron an das Bild anzulegen, dann muss der Cutter ihn auf die Lippenbewegungen der Schauspieler abstimmen und das macht wirklich keinen Spaß. Leider haben wir die Kamera ziemlich oft zu früh ausgeschaltet. Das war wie so ein Reflex, da wir bei jedem Meter Film, der durchlief, dachten, wir wären in diesem Moment pleite.

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Illustration: Julia Schubert

...und einen Dreh im Casino (wir haben kein Geld gewonnen) 3. Pleite sein A propos pleite, wir sind pleite. Unsere Kalkulation ist leider nicht so ganz zutreffend und zu allem Übel wird auch die Hoffnung, dass die Equipment-Versicherung uns vergessen hat, enttäuscht, als eines Tages die verspätete Rechnung ins Haus flattert. Das führt dazu, dass Sebastian ein Wochenende damit verbringt, neben seinem Vater am Computer zu sitzen und ihm Beträge zwischen 19 Cent und 4500 Euro vorzulesen, die dieser in eine große Tabelle einträgt: Modellgips 2,39€ REWE-Tragetasche 0,10€ Verteiler-Baldachin 1,98€ Zellkautschuk-Belag 7,23€ 20 Servietten Oriental 2,50€ Langnese Nogger 1,00 € Was sind das alles für Sachen? Wer soll das bezahlen? oder besser gesagt: Wer hat das bezahlt? Denn die Quittung belegt ja, dass es bezahlt wurde. Plötzlich freuen wir uns über die Mehrwertsteuererhöhung im letzten Jahr, weil Sebastians Firma am Ende von allem, was wir gekauft haben, 19 Prozent zurückbekommt. Außer von dem Langnese Nogger. Unser Nachdreh kann also vielleicht doch irgendwie finanziert werden. 4. Seinen Trailer in einer Kausalkette präsentieren Endlich ist unser erster Trailer fertig. Da Sebastian sowieso innerhalb einer Uni-Filmreihe einen Film vorstellt, beschließen wir, als kleines Zusatzschmankerl unseren Trailer zu zeigen. Wir wollen tosenden Beifall! Da der Trailercutter und ich den Zug verpassen, können wir den Trailer erst nach dem Film präsentieren. Da der Film blöd ist, gehen die meisten währenddessen. Da der Abspann so lang ist, gehen auch die übrigen Leute. Da nur noch Sebastian und ich und der Junge, der den Filmkeller abschließen muss, da geblieben sind, sehen wir uns den Trailer eben alleine an. Da der Junge, der den Filmkeller abschließen muss, irgendwas rumkrustelt und Sebastian und ich den Trailer toll finden, hat er hundert Prozent der anwesenden Trailerbesucher überzeugt. Tosender Beifall! Regel 8: Zur ersten Präsentation des Trailers nicht zu kritisches Publikum einladen!

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Illustration: Julia Schubert

(Das ist er - unser

) 5. Überlegen, wie es weitergehen soll Wenn alles nach Plan läuft, ist "Ayuda" Ende Sommer fertig. Dann sind zwei Jahre vergangen seit dem Tag, an dem wir beschlossen, es wirklich durchzuziehen. Wir sind bereits jetzt stolz auf die Arbeit von uns und allen Beteiligten, aber auch der Meinung, dass es bei diesem Film nicht nur um die Erfahrung ging, die man immer vorschiebt. Uns ist nicht egal, ob der Film blöd ist, wir aber so wahnsinnig viel gelernt haben. Wir wollen, dass möglichst viele Leute den Film sehen und gut finden. Dafür werden wir versuchen, ihn auf Festivals zu präsentieren, vielleicht gewinnen wir ja einen Preis, vielleicht entdeckt ihn ja ein Verleiher oder wir müssen eben Kinos auftreiben, die ihn zeigen und unsere DVDs selber brennen. Wir träumen da ein bisschen und vielleicht klingt das auch utopisch. Aber eigentlich hat uns "Ayuda" genau das beigebracht: Dass es am Ende eben alles doch irgendwie klappt. Wir geben euch dann Bescheid. Sebastian, ich und Ralf werden beim nächsten Dreh jedenfalls nicht sagen, das sei der schönste, bei dem wir je waren. Unseren schönsten haben wir nämlich schon gehabt.

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