Hussam ist das Gesicht der Idomeni-Proteste

Im Krieg in Syrien lernte er, die Macht der Bilder zu nutzen.
Von Fabian Köhler
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Illustration: Julia Schubert
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Dieser Text könnte zum Beispiel so beginnen: Hussams Blick fällt auf die schneebedeckten Gipfel des Belasiza-Gebirges. Auf jene Berge, die die Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland markierten, als den Reisenden noch kein Nato-Draht den Weg versperrte. Oder so: Jeden Tag fällt Hussams Blick auf die behelmten Polizisten und die Wasserwerfer, die den Weg in die Freiheit für ihn und die vielen anderen Flüchtlinge unerreichbar machen. Aber beides wäre falsch.

Denn in Wahrheit schaut Hussam Jackl auf eine Mauer aus Pressefotografen. Auf Fernsehkameras und Puschelmikrofone. In die Gesichter von Reportern, die zum hundertsten Mal wissen wollen, was es mit der der Botschaft auf dem Pappschild des 24-jährigen Flüchtlings auf sich hat. 

Hussam Jackl aus Damaskus ist so etwas wie das Gesicht von Idomeni, auf jeden Fall ist seines das meistfotografierte.  Jeden Tag steht er auf den Gleisen dessen, was einmal ein unbedeutender Provinzbahnhof irgendwo im griechisch-mazedonischen Niemandsland war – und nun zum Symbol des europäisches Versagens in der Flüchtlingskrise geworden ist. Weil hier seit Wochen tausende Menschen zwischen Schlamm und Lungenentzündung darauf warten, dass Europa seine Grenze öffnet.  Hussam ist das Symbol dieses Symbols.

Einen Unterschied gibt es zu seinen früheren Aktionen in Syrien: Jetzt ist es sein eigenes Bild, mit dem er seine Botschaft transportiert.

Hussam kommt jeden Morgen mit einem neuen Pappschild auf die Bahngleise. Die ersten Fotografen warten dann schon auf ihn und seine Slogans. „Is this the real Hunger Games?“ hält er zum Beispiel den ganzen Tag lang still vor seiner Brust. Oder erklärt, dass die deutsche Regierung zwar ihre Kultureinrichtungen in der Türkei aus Sicherheitsgründen schließe, das Land für Flüchtlinge aber zum sicheren Herkunftsland erkläre.  Tausendfach wurde Hussam so mittlerweile fotografiert. Eine seiner Botschaften wurde in sozialen Netzwerken tausendfach in die ganze Welt verbreitet. Sie war eine pointiert formulierte Kritik gegenüber der europäischen Flüchtlingspolitik: „We survived the war. But yo make me wish I didn't.“

"Ich sah, wie die Menschen jeden Tag hierherkamen, um zu protestieren. Und ich saß nur in meinem Zelt und tat nichts“, erzählt Hussam, während das nächste Kamerateam den Scheinwerfer ausrichtet. Es ist nicht das erste Mal, dass er versucht die Macht der Bilder zu nutzen. Als im Frühjahr 2011 Menschen in Syrien auf die Straße gehen, wird auch er zum Revolutionär. Seine Waffen sind zunächst Kamera und Graffiti-Dosen. Während der Proteste merkt er schnell, dass geschriebene Slogans oft dauerhafter wirken als die einmal gerufenen.

Wie mächtig Bilder sind, begreift er, als die Staatsmacht ihn deswegen ins Gefängnis bringt. Ein gelogenes Versprechen vor Gericht, es nicht wieder zu tun, bringt ihn wieder heraus. Als Islamisten das palästinensische Flüchtlingslager Jarmuk bei Damaskus übernehmen und immer öfter die Granaten der Armee einschlagen, schließt Hussam sich einer Gruppe Medienaktivisten an und dokumentiert die Folgen von Belagerung, Bomben und Entführungen. Als auch ihm nur noch die Flucht bleibt, um zu überleben, geht er zu einer NGO im Libanon, die dort mit Filmprojekten traumatisierten Kindern hilft.

Es gehört zu den vielen Absurditäten Idomenis, dass Hussam nun jene Techniken, die ihn der Krieg in Syrien gelehrt hat, an dem Ort nutzt, von dem er sich eigentlich ein Ende seines Kampfes erhofft hatte. Wie in Syrien versucht er neue Bilder zu erzeugen, um auf sein Schicksal und das der Menschen um ihn herum aufmerksam zu machen. Nur einen Unterschied gibt es zu seinen früheren Aktionen in Syrien: Jetzt ist es zum ersten Mal sein eigenes Bild, mit dem er seine Botschaft transportiert.

 „Die Pappe und den Stift habe ich mir von Save the Children geholt“. Das ist eine NGO, die sich um die Rechte und den Schutz von Kindern kümmert. Wenn ihm einmal nicht die richtigen englischen Worte für seine Slogans einfallen, hilft Google Translate. Außer, wenn gerade keine Steckdose für das Handy-Ladegerät frei ist. Dann helfen die Reporter beim Übersetzen.  Auch das ist eigentlich absurd: Die Reporter helfen ihrem Fotomotiv, das Bild zu vervollständigen, das sie anschließend verbreiten.

Vor drei Wochen begann Hussams Plakat-Protest. Vor vier Wochen strandete er in Idomeni. Vor einem Jahr fiel seine Entscheidung, in Europa ein neues Leben zu suchen. Vor fünf Jahren endete sein altes in Syrien. Was dazwischen passierte, erzählt er so routiniert und komprimiert, dass sich erahnen lässt, wie oft er es schon getan hat: Abgebrochenes Jura-Studium in Damaskus, Proteste, Folter, Belagerung, Bomben. Freunde starben, Islamisten kamen. Lager in Beirut, Lager bei Gaziantep, Lager in Europa.

Hussam scheint wie gemacht zum Fotomotiv, nicht nur wegen der Slogans: Dreitagebart, die langen Haare zum Pferdeschwanz gebunden, Reporter begrüßt er meist mit einem breiten Lächeln. Schon bevor ihn seine Pappen zur Berühmtheit machten, verbreitete ein umstrittener Instagram-Account Fotos von ihm im Netz. Der Name des Accounts: Hot Refugees.

"Was Hoffnungslosigkeit wirklich bedeutet, verstand ich erst an der Grenze zu Europa“, sagt Hussam.

„Please sun shine on us. We have nowhere to go“, steht an diesem Morgen auf seinem Schild. Er meint es nicht nur im übertragenen Sinn. Seit Tagen hat es in Idomeni geregnet. Die ersten Fotografen warten dennoch schon unter ihren Regenjacken, als Hussam kommt: „Manche machen sich schon Sorgen, wenn ich mal später komme“, sagt er. Hussam hat sich den Platz für seine Aktion gut ausgesucht: Wer von den großen Zelten von Ärzte ohne Grenzen auf der linken Seite des Lagers zum UNHCR-Büro oder der Essensausgabe auf der rechten Seite will, muss an Hussam vorbei. Vor ihm: der martialisch bewachte Grenzübergang. Hinter ihm erstreckt sich auf den Bahngleisen das in Zelte gepackte Elend tausender Menschen – hunderte Meter lang und so breit, dass die Szenerie gerade so in ein Objektiv passt. Während ein Kamerateam des japanischen Frühstücksfernsehens das Bild einfängt, warten schon die spanischen Hauptnachrichten. Ein britisches Reporterteam ließ einmal sogar eine Kameradrohne über Hussam fliegen.

Hussam Lebens jenseits der Kameras hingegen endet jeden Abend auf einer matschigen Wiese in einem kleinen Campingzelt, gespendet von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Ansonsten besteht sein Lagerleben vor allem aus Warten. Wenn Hussam nicht vor den Fotografen auf dem Bahngleis auf der Stelle steht, tut er dies meist woanders: in der Schlange zum Waschcontainer, um sich die Zähne zu putzen. In der Schlange für ein in Frischhalte-Folie eingewickeltes Käse-Sandwich. In der Schlange vor dem auslaufenden Dixi-Klo. „Es war in den letzten Jahren nicht einfach“, beschreibt Hussam seine Situation. „Aber was Hoffnungslosigkeit wirklich bedeutet, verstand ich erst an der Grenze zu Europa“, sagt Hussam. 

Nie, sagt er, hätte er sich vorstellen können, dass Europa einfach seine Grenze schließt, sagt Hussam. Nach Wochen der immer gleichen Routine aus Warten, Hoffen, Kälte, Schlamm und Schilderschreiben zweifelt auch Idomenis berühmtester Aktivist längst: „Ich weiß nicht, ob das etwas bringt. Ich weiß nicht einmal, warum ich immer noch hier bin“, sagt Hussam. Er hat grade das siebte Interview an diesem Morgen hinter sich.

 

Erst als die Dämmerung am Abend anbricht, beendet Hussam an diesem Tag seinen Protest. Noch immer drängen sich die Übertragungswagen um die wenigen asphaltierten Plätze, auf denen man in Idomeni nicht im Schlamm versinkt. Fotografen streunen in Gummistiefeln über die matschigen Wiesen auf der Suche nach noch eindringlicheren Szenen des Leides in Idomeni. Und doch werden sie mit jeder Woche austauschbarer: Familien vor Abendessen auf brennendem Müll. Neugeborenes beim Bad in der Pfütze. Kinder mit Plüschtieren vor Nato-Draht.

 

Hussams Pappschild-Protest übernehmen an diesem Abend andere. Ein paar Dutzend Kinder und Jugendliche stehen mit eigenen Slogans auf den Bahngleisen und halten sie den Fotografen entgegen. Ein paar Meter weiter steht Hussam, unbeachtet. Sein Schild hat er gegen eine Zigarette ausgetauscht. „Ich weiß, dass sie die Grenze nicht öffnen werden“, sagt er. Nach einer Weile fügt er einen Satz hinzu, der auch gut auf ein Pappschild passen würde: „Aber was bleibt uns anderes als zu hoffen?“

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