"Da wird Diskriminierung mit Diskriminierung bekämpft"

Tanja arbeitet mit Flüchtlingen und feiert im "White Rabbit" – einem Club, der Flüchtlinge nicht mehr rein lassen wollte.
Interview: Sarah Beha
party freiburg cydonna photocase
Foto: cydonna/Photocase

Vergangenes Wochenende wurde bekannt, dass viele Clubs in Freiburg, einer Studentenstadt, die eigentlich für ihre weltoffene Art bekannt ist, keine Flüchtlinge mehr einlassen. Tanja, 24, lebt seit ihrer Kindheit in Freiburg, engagiert sich ehrenamtlich in der Flüchtlings- und Bildungsarbeit und geht regelmäßig in den linksalternativen Club „White Rabbit“. Dort soll es laut einer internen E-Mail der Betreiber zu Vorfällen mit Geflüchteten gekommen sein, darunter Messerangriffe, sexuelle Belästigung und Taschendiebstähle. Der Club dachte daraufhin an ein generelles Einlassverbot für Asylbewerber, hat davon inzwischen aber wieder Abstand genommen. 

jetzt: Tanja, wie hast du reagiert, als du gelesen hast, dass ausgerechnet das "White Rabbit", vorerst keine Menschen mehr reinlassen werde, die nur eine Aufenthaltsgestattung besitzen?

Tanja: Ich war erst mal erstaunt, dass bei der Diskussion, die sich ja auf mehrere Clubs bezieht, so stark auf diesen Club geschaut wird. Und ich bin an sich enttäuscht, dass nur über die Probleme gesprochen wird. Das "White Rabbit" möchte nun einen obligatorischen Clubausweis einführen, also einen Ausweis, den jeder bekommen kann, der sich gegen Sexismus, Diskriminierung und Gewalt ausspricht. In diesem Fall wird also bereits an einem Lösungsansatz gearbeitet. Das ist bei der Diskussion ein bisschen untergegangen.

Außerdem war ich einfach total überrascht, weil ich in letzter Zeit oft im "White Rabbit" war und von solchen Vorfällen persönlich nichts mitbekommen habe, wobei mir die Problematik schon auch bewusst ist.

Inwiefern?

Naja, dass Leute, Flüchtlinge wie Deutsche, penetrant werden. Aber eigentlich ist mir das weniger im "White Rabbit" passiert. Dort hängen schon seit fast einem Jahr überall Schilder, die darauf hinweisen, dass man Belästigungen nicht toleriert und dass man auf sich aufmerksam machen soll, wenn man sich unwohl fühlt.

 

Außerdem wurden ich und ein Freund vor kurzem von zwei jungen Männern angesprochen, die uns in ein Gespräch verwickeln wollten. Bis jemand vom Personal zu uns kam und meinte, dass wir nicht darauf eingehen sollten, weil sie die beiden schon länger im Verdacht hätten, Wertsachen zu stehlen und dass es an sich vermehrt zu Taschendiebstählen im Club käme und man noch überlegen müsse, wie man das wieder in den Griff bekomme.

 

Also hast du ja doch etwas mitbekommen.

Mein Hauptproblem ist, dass ich ja nicht die Ausweise der beiden gesehen habe. Sie haben fließend Französisch geredet und Deutsch verstanden und ich finde es einfach wahnsinnig schwierig, da gleich zu pauschalisieren. Ich kann nicht einfach davon ausgehen, dass es sich bei den beiden um Flüchtlinge handelt. Dass macht auch in der Integrationsarbeit, bei der ich mich engagiere, total viel kaputt. Wir versuchen, Menschen zu integrieren und ihnen einen Teil unseres Lebens zu zeigen und plötzlich kommen die Jungs nicht mal mehr in einen Club rein und Menschen begegnen ihnen feindlich. Deswegen bin ich sehr vorsichtig mit meinen Äußerungen, weil ich die Konsequenzen schwer abschätzbar finde.

 

Aber Probleme sollte man doch ansprechen.

Ja, ich möchte auch nichts kleinreden. Aber man sollte die Probleme möglichst professionell angehen. Also zum Beispiel als Clubbesitzer auch die Polizei rufen, wenn etwas vorfällt, damit Personalien aufgenommen werden können und es irgendwann auch verlässliche Zahlen gibt, die auf Fakten und nicht auf Vermutungen basieren.

 

Sind denn diese Clubausweise, die es bald geben soll, ein guter Ansatzpunkt?

Ich kann es mir ehrlich gesagt noch nicht vorstellen. Ich finde die Idee sehr wichtig, weil die Betreiber damit sagen, dass die Lösung, die sie jetzt gefunden haben, nicht so bleiben kann - da beziehen sie klar Stellung. Aber ich kann es mir praktisch nicht vorstellen. Da liegt dann der Ausweis, man unterschreibt etwas und dann darf man rein. Ich weiß nicht, ob damit wirklich genug sensibilisiert wird. Aber an sich tut solche Aufklärungsarbeit bestimmt allen Clubbesuchern, und sicherlich nicht nur Flüchtlingen, gut.

 

Dass ausländisch aussehende Männer nicht in einen Club reinkommen, habe ich aber schon oft erlebt. Ich war an Weihnachten in einem anderen linksalternativen Club in Freiburg mit einem Flüchtling, der nur vorläufige Ausweisdokumente besaß. Er kam nur rein, weil er mit mir da war. Er musste direkt seine Papiere zeigen und ich wurde noch nicht mal nach meinem Ausweis gefragt. Ich finde es sehr gefährlich, wenn man Leute nach ihrem Aussehen selektiert. Und man so tut,  als sei das in Ordnung, um Frauen zu schützen. Da wird Diskriminierung mit Diskriminierung bekämpft.

 

Wie ist denn an sich die Stimmung in Freiburg?

Ach ich glaube, Freiburg wirkt immer nur nach Außen hin sehr tolerant. Da gibt es auch genügend konservativ oder rechts denkende Menschen. Ich merke seit Köln, dass die Stimmung bei manchen Freunden ganz schnell kippt. Oder dass Mädchen nicht mehr feiern gehen wollen oder nur noch in einer Gruppe, obwohl bei ihnen nie etwas vorgefallen ist, einfach nur wegen der Berichterstattung. Bei Freunden, die auch in der Bildungs- und Flüchtlingsarbeit tätig sind, ist dieses Unwohlsein sehr viel weniger ausgeprägt. Sie können Situationen einfach besser einschätzen und denken nicht bei jedem ausländisch aussehenden Menschen, der ihnen auf der Straße begegnet, gleich an irgendetwas Fremdes oder Bedrohliches. 

  • teilen
  • schließen