Lara Brose kommt aus München, ist 23 Jahre alt und studiert eigentlich Theaterwissenschaft. Sie war als Flüchtlingshelferin auf Lesbos, reiste dann vor elf Tagen an die griechisch-mazedonische Grenze nach Idomeni weiter. "Hier herrschen vollkommen unkoordinierte Zustände. Die Bedingungen im Camp sind katastrophaler, als sie auf Fotos in den Medien aussehen", sagt sie. Gestern bekamen wir wieder eine Menge schlimmer Bilder aus dem Grenzgebiet, wo Menschen einen eiskalten Fluss durchquerten. Um die tausend Flüchtende sollen sich auf die Suche nach neuen Routen Richtung Norden auf den Weg gemacht haben, nachdem ein Zettel mit angeblichen offenen Grenzübergängen im Camp kursierte. Der dann vom mazedonischen Militär niedergeschlagene #marchofhope hat die Verzweiflung der durchnässten und frierenden Menschen noch größer gemacht.

jetzt: Lara, ein Zettel, unterschrieben mit "Kommando Norbert Blüm" soll den Marsch der Flüchtlinge provoziert haben. Weißt du, wer dahinter steckt?

Lara: Nein, das würde mich auch interessieren. Die Polizei hier sucht intensiv nach den Initiatoren, hat aber bislang wohl noch niemanden gefunden.

Kaum ging der Marsch los, begleiteten ihn etliche Journalisten, Polizei und Militär waren auch sofort da. Das ganze wirkte wenig spontan. In Deutschland kam der Verdacht auf, Aktivisten könnten den Zettel gezielt lanciert haben.

Meiner Meinung nach ist das vollkommener Schwachsinn. Wir sind hier etwa 100 Aktivisten, unter denen ich sehr gut vernetzt bin. Natürlich sprechen auch wir darüber, wer so offensichtlich Falsch-Informationen verbreiten könnte. Auf dem Zettel stand ja zum Beispiel, der Fluss sei ausgetrocknet. Bei den Regenfällen in letzter Zeit kann das ja gar nicht wahr sein. Auch wir verbreiten Informationen über Handzettel, aber diesen Aufruf hat keiner von uns verfasst.

Wie lief das dann ab ?

Wir haben seit Sonntag mitbekommen, dass Flugblätter in arabischer Schrift mit dubiosen Aussagen kursieren. Von offizieller Seite gab es keinerlei Infos, die Behörden halten die Menschen im Camp quasi in ihrer Verständnis- und Hilflosigkeit gefangen. Man bekommt das Gefühl, das ist alles politisches Kalkül, die Leute so verzweifeln zu lassen, bis sie freiwillig in Militär-Camps abziehen. Die Zettel wirken vor diesem Hintergrund auf mich wie eine Falle. Als sie rumgingen, haben wir Helfer gleich befürchtet, dass viele Flüchtlinge darauf reinfallen und loslaufen. Bei der Essensausgabe haben wir immer wieder versucht, sie davon abzuhalten.

Wie muss man sich das vorstellen, auf was für einen Weg begeben sich die Menschen vom Camp aus?

Es geht erst über eine ganz lange Straße, zunächst noch betoniert, durch ein Dorf. Dahinter wird es dann hügelig und vor allem matschig, ehe man den Fluss erreicht. Ist man über den drüber gekommen, steigt der Weg steil an, nach zwei Kilometern erreicht man dann auf der rechten Seite den Stacheldrahtzaun.

Dort empfing das mazedonische Militär die Flüchtlinge.

Ja. Viele haben in den Hügeln und kleinen Tälern vor dem Zaun die Nacht verbracht. Heute morgen, gegen 6 Uhr, wurden sie dann vom Militär eingekesselt. Eine kleine Gasse blieb frei, damit die Leute ihren Rückweg antreten konnten. Wer woanders lang wollte, wurde mit Gewalt davon abgehalten.

Wie ging es den Rückkehrern heute Morgen?

Viele Leute sind auf dem Weg zurück wohl kollabiert, die meisten haben die Nacht im Freien verbracht und nicht geschlafen. Nass sind alle. Sie haben auch von Schlagstock-Einsätzen erzählt. Schwer verletzt war niemand von ihnen. Viele haben gleich gesagt, sie wollen es wieder versuchen. 

Es heißt, nicht nur Flüchtlinge, sondern auch Journalisten und Aktivisten seien festgenommen worden.

Ich weiß nicht, ob es eine rechtliche Grundlage dafür gibt, dass man vielleicht Militär nicht filmen darf, oder so. Aber ja, es stimmt. Noch gestern wurden etwa 60 Freiwillige und einige Journalisten festgenommen. Die meisten kamen schnell wieder frei, einige haben die Nacht aber in Gewahrsam verbracht. Sie wurden allerdings von griechischen Behörden festgehalten. Die müssen im Vergleich zu den mazedonischen noch recht entspannt sein. 

Gibt es im Camp sichtbare Reaktionen auf den Marsch?

Es ist nicht abgeriegelt, oder so etwas. Aber hier stehen an allen Wegen sehr viele Polizeiwagen. Und heute früh kamen auch mehrere Reisebusse an, für Flüchtlinge, die doch in Militärcamps wollen. Von dort waren in den Tagen zuvor immer wieder Menschen zurückgekehrt, weil die Bedingungen noch schlimmer als in Idomeni sein sollen. Jetzt sind viele in die Busse gestiegen. Hauptsache ins Trockene.

Droht die Lage vor Ort zu eskalieren?

Viele Flüchtlinge hatten die Hoffnung, mit dem Marsch Druck zu machen, die Grenzen wieder öffnen zu können. Das hat bislang nicht funktioniert. Die Verzweiflung hier ist so groß, ich glaube schon, dass in den kommenden Tagen noch etwas passieren könnte. Ganz drastisch hat es ein Syrer ausgedrückt. Er hat zu mir gesagt: "Ändert sich hier nach dem Treffen des EU-Rats am 18. März immer noch nichts, könnten viele Flüchtlinge an Selbstmord denken."

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