"Wir haben keinen toten Flüchtling"

Das sagt die Polizei nach einem Tag voller Rätselraten. Das Wichtigste über den offenbar erfundenen Tod eines Syrers.
text lageso

Vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales warten täglich mehrere Hundert Flüchtlinge auf einen Termin - oft vergeblich.

Foto: Kay Nietfeld / dpa
  • Am Mittwochmorgen ging eine Schockmeldung durch die Medien: Ein 24-jähriger Flüchtling sei in der Nacht in Berlin gestorben. Der Syrer, berichtete die Helferorganisation „Moabit hilft“, sei in der Notaufnahme eines Berliner Krankenhauses gestorben. 
  • Eine Helferin hatte die Ereignisse in einem bewegenden Facebook-Post beschrieben. "So. Jetzt ist es geschehen", waren ihre ersten Worte, danach beschreibt Reyna Bruns, wie sie die Vorgänge in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch erlebte.
  • Zu lesen ist ihre Abschrift eines Chats mit einem Freund namens Dirk Voltz, der seit längerem Flüchtlingen hilft und den Syrer angeblich ins Krankenhaus begleitet hat und zum Zeuge von dessen Tod wurde. Die Konversation liest sich wie ein Thriller-Drehbuch. Dirk ruft einen Krankenwagen. Der Flüchtling hat hohes Fieber, kann nicht mehr sprechen. Dann: Herzstillstand. Dazwischen immer wieder Durchhalteparolen von Reyna: "Sag Bescheid wenn Du Hilfe brauchst! Ich komm auch vorbei."
  • Reynas Geschichte passte zur Kritik, mit der das LaGeSo seit vielen Monaten überzogen wird. Der Mann soll vor dem Vorfall tagelang am Lageso bei Minusgraden angestanden haben - Alltag für Flüchtlinge in Berlin. Seit dem Sommer mussten täglich Hunderte vor dem Gebäude warten - oft tagelang, bis sie einen Termin bekamen. Vor allem die vielen freiwilligen Helfer beklagen die unhaltbaren Zustände auf dem LaGeSo-Gelände.  Viele der Flüchtlinge kollabierten, eine Versorgung war nur durch die vielen freiwilligen Helfer gewährleistet. Auch die medizinische Versorgung wurde monatelang ausschließlich durch Ehrenamtliche gewährleistet. Zuletzt war die Behörde so überfordert, dass die Flüchtlinge teilweise kein Geld für Nahrung mehr ausgezahlt bekamen. 
  • Aber dann kamen Zweifel auf, dass das Ganze eine Falschmeldung sein könnte. Weder Feuerwehr und Gesundheitsamt wussten von einem Todesfall, auch die Polizei konnte nach Ermittlungen keine offizielle Bestätigung abgeben. Und Dirk, der angebliche Begleiter aus dem Krankenwagen, war nicht zu erreichen, auch nicht für die Helferorganisation.

 

  • Am Abend meldete dann die Berliner Polizei: „Wir haben keinen toten Flüchtling.“ Man habe Dirk Voltz befragt, sagte eine Polizeisprecherin und ergänzte: „Es gibt derzeit keine Anhaltspunkte, dass an dem Sachverhalt, den er veröffentlicht hat, etwas dran ist.“

 

  • Auch Reyna Bruns aktualisierte ihren Facebook-Post. Auch sie könne grade nicht weiterhelfen, schrieb sie. Aber sie vertraue Dirk Voltz „hundertprozentig“, und sie werde nichts sagen und auf Anfragen nicht reagieren, bis er sich nicht geäußert habe. Denn: „Das kann ich nicht, das kann nur Dirk. Keiner erreicht ihn, er meldet sich bei niemandem, Mutmaßungen, wieso das der Fall ist, verbieten sich zu diesem Zeitpunkt. Weil nur eine Person etwas dazu sagen kann, und das ist er selbst.“

 

chwae/che

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