Wer sieht Frauen wie und wie sehen sie sich selbst? Und was hat das damit zu tun, wer wo herkommt?

Wer sieht Frauen wie und wie sehen sie sich selbst? Und was hat das damit zu tun, wer wo herkommt?

Illustration: Jessy Asmus

Eine Interviewserie zum Thema Integration – und dem Frauenbild von Flüchtlingen. Und von uns.

Folge 5: Ein Gespräch mit Alice und Matar, einem deutsch-senegalesischen Paar 

Alice (Name geändert), 30, und Matar, 28, sind seit etwa einem Jahr ein Paar. Matar ist vor fast sechs Jahren aus dem Senegal geflohen, um sich eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Im Senegal hat er mit seinem Vater alte Autoteile verkauft. Von dort ging er nach Spanien, wo er vier Jahre lebte. Seit einem Jahr und sieben Monaten ist er in Deutschland. Alice ist in Deutschland aufgewachsen, hat interkulturelle Kommunikation studiert und ist Bildungsreferentin. Das Gespräch mit den beiden ist der Abschluss dieser Interviewserie.

jetzt: Matar, dein Vater im Senegal hat drei Frauen. Wie war das für dich als Sohn?

Matar: Als Moslem darf man im Senegal vier Frauen haben, aber ich finde das schwierig. Meine Mutter, die erste Frau meines Vaters, war sehr oft unglücklich mit der Situation – aber die Rolle der Frau ist es, zu ertragen, dass andere Frauen da sind.

Das klingt, als wäre Polygamie für dich keine Option.

Matar: Die neue Generation im Senegal, zu der ich auch gehöre, ist anders. Sie fragt: „Was will ich aus meinem Leben machen? Was ist gut für meine Zukunft?“ Ich habe verschiedene Kulturen kennengelernt und im Senegal habe ich eben gesehen, dass es in Familien mit drei Frauen und 20 Kindern viele Probleme gibt. Mein Traum ist darum ein Leben mit einer Frau, einer Liebe. 

Wie habt ihr euch kennengelernt?

Matar: Alice war meine Tanzlehrerin. 

Alice: In dem Ausbildungswohnheim bei mir in der Nähe habe ich ein interkulturelles Tanzprojekt geleitet, mit den Jugendlichen und den Flüchtlingen, die dort wohnen. Matar kam von außerhalb dazu und wir haben uns kennengelernt. 

Wie haben eure Freunde und Familien reagiert?

Matar: Alice hat bisher nur kurz mit meiner Mutter und meiner Schwester telefoniert. 

Alice: Meine Eltern haben Matar kennengelernt, als wir noch nicht zusammen waren. Prinzipiell mögen sie ihn auch, aber es ist ihnen sehr schwer gefallen, die Beziehung zu akzeptieren. 

Warum?

Alice: Ich denke, weil sie eine gewisse Angst vor dem kulturellen Unterschied haben. Man hört ja immer wieder, dass interkulturelle Beziehungen schneller scheitern. 

Merkt ihr denn selbst Unterschiede?

Matar: Ja, klar. Alice betet zum Beispiel anders als ich. Ich trinke keinen Alkohol, das ist für sie manchmal schwer, glaube ich. Oder auch, dass ich kein Schweinefleisch esse.

Alice: Matar ist praktizierender Muslim, ich bin praktizierende Christin, und das ist uns beiden sehr wichtig. Wenn man eine andere Religion hat, ist natürlich die Frage, wie man den Alltag zusammen gestaltet. Andererseits ist der Glaube aber auch eine Ebene, auf der wir uns treffen. Es ist ein Grund, warum wir zusammen sind. 

Meinst du, es wäre schwieriger, mit einem Mann zusammen zu sein, der nicht gläubig ist, als mit einem, der einen anderen Glauben hat?

Alice: Genau. Ich habe das Gefühl, dass wir uns in vielem ähnlich sind. Aber im Alltag ist es natürlich manchmal schwierig, zum Beispiel während des Ramadan, weil Matar dann nichts isst. Schweinfleisch ist mir nicht so wichtig, da gibt es ja Alternativen. Aber der Genuss von Alkohol ist ein Punkt, den wir nicht miteinander teilen können. Ich trinke zum Beispiel gerne Wein und würde das gerne mit ihm teilen.

Findest du es schlimm, wenn Alice Wein trinkt?

Matar: Nein, sie trinkt ja auch nicht viel. Für ein Paar ist es das Wichtigste, dass man sich gegenseitig versteht. Und Alice ist etwas ganz Besonderes, sie hat ein großes Herz und sie versteht mich und ich verstehe sie. 

Sind eure Rollenbilder von Mann und Frau verschieden?

Alice: Ich bin relativ konservativ aufgewachsen und ich glaube, da treffen wir uns. Die Art und Weise, wie Matar mit mir als Frau umgeht, finde ich angenehmer und klarer, als ich das bisher bei den meisten deutschen Männern kennengelernt habe. 

Inwiefern?

Alice: Ich habe das Gefühl, dass die Rollenbilder in der Kultur, aus der Matar kommt, klarer sind. Kleinigkeiten, wie dass es ganz normal ist, dass der Mann einlädt, dass der Mann initiativ ist und den ersten Schritt macht. Das macht Beziehungen einfacher, finde ich. 

Und du, Matar? Siehst du diesen kulturellen Unterschied auch?

Matar: Mir ist aufgefallen, dass die Frauen hier sehr verschlossen und die Männer sehr schüchtern sind. So ist es sehr schwer, die Liebe zu finden, weil sich die Seiten nicht annähern können. 

Und wie könnten sie sich annähern?

Matar: Wenn ein Mann sich in eine Frau verliebt, sollte er zu ihr gehen und ihr sagen, dass er Interesse an ihr hat. Für den Mann ist das aber auch leichter, wenn die Frau offen dafür ist. 

Alice: Ich merke immer wieder, dass die Menschen hier sehr gebildet sind, teilweise sogar überbildet. Und dadurch betrachten wir Dinge auf einer anderen Ebene und verkomplizieren sie, dabei wäre manchmal ein intuitiver Zugang besser.

Wie meinst du das?

Alice: Ich habe den Eindruck, dass sie sich unsere Generation ungern festlegt, immer auf der Suche ist nach dem perfekten Partner, Männer wie Frauen – und so können Beziehungen sehr selten mal richtig anfangen. Bei Matar finde ich seine Ernsthaftigkeit und die Beziehungsfähigkeit bemerkenswert. Dass er sagt: Wir sind zusammen und das hat die und die Konsequenzen und bringt Verbindlichkeit mit sich. 

Matar: Aber ich kann im Moment keinen richtigen Plan für meine Zukunft machen. Senegalesen kriegen hier keine Arbeitserlaubnis. Ich weiß immer noch nicht, ob ich bleiben kann, und wenn ich zurückgeschickt werde, ist meine Zukunft kaputt. Ich denke jeden Tag daran.

Was wäre dein Zukunftswunsch?

Matar: Einen guten Job finden, denn dann könnte ich zu Alice sagen: Wollen wir zusammenwohnen? Wollen wir heiraten? Vielleicht Kinder haben? Aber ohne Job geht es nicht.

Würdest du wollen, dass Alice dann nicht mehr arbeitet?

Matar: Nein! Ich finde, Männer und Frauen sollen gleichviel arbeiten. Aber in der Liebe sollte die Verteilung sechzig, vierzig sein.

Wer sechzig und wer vierzig?

Matar: Männer sechzig, Frauen vierzig. Die Frauen dürfen nicht stärker sein als der Mann und der Mann darf sich nicht rumkommandieren lassen. 

Alice: Wie ist es denn in Senegal? Sind da die Männer oder die Frauen der Chef?

Matar: Die Männer. Sie haben Respekt vor ihren Frauen, sie müssen ihnen Kleidung kaufen, sie pflegen, wenn sie krank ist und so weiter. Aber sie putzen oder kochen nicht, das ist Arbeit der Frauen. 

Findest du das auch?

Matar: Nein, natürlich muss ich meiner Frau helfen und die Wohnung putzen. Aber das muss alles freiwillig sein. Weil man sich gegenseitig respektiert. Wenn du mich nicht respektierst, Alice, dann kann ich einfach gehen. Und wenn ich dich nicht respektiere, wenn ich zum Beispiel anderen Frauen treffe, dann kannst du auch einfach gehen.

Alice: Du sagst manchmal, dass ich „mokuu podj“ bin.

Was bedeutet das?

Matar: Es ist ein Wort in meiner Sprache, Wolof. Das bedeutet in etwa, dass die Frau für den Mann schön ist. Wenn der Mann nach Hause kommt, sagt sie ihm schöne Sachen, macht es ihm schön. Es hat viele Bedeutungen. 

Alice: Es wäre mal interessant, die genaue Übersetzung zu wissen.

Matar: Der Mann muss auch mokuu podj sein! Geschenke machen, der Frau sagen, dass er sie liebt. Einfach etwas machen, was es für die Frau schön macht. 

Matar, du bist ja schon länger in Europa, und Alice, du hast auch schon öfter im Ausland gelebt. Das hilft euch sicher auch, oder?

Alice: Ja, auf jeden Fall! Man kennt es schon und weiß eher, wie man mit Unterschieden umgehen muss und kann.

Matar: Ich merke das bei den Jungs, mit denen ich in meiner Unterkunft zusammenwohne. Sie sind gerade erst nach Deutschland gekommen und urteilen noch viel schneller über die Leute. Sie müssen rausgehen und die andere Kultur kennenlernen! Das Problem ist, dass die Deutschen Angst vor den Ausländern haben und die Ausländer vor den Deutschen. So treffen sie sich nie. Dabei sollten sie, denn ich glaube fest daran, dass es mehr gute als schlechte Menschen gibt.