Es ist falsch, die Syrer von Leipzig gegen Pegida und Co zu nutzen

Weil es Menschen einer Kosten-Nutzen-Rechnung unterwirft.
Von Charlotte Haunhorst und Christian Helten
leipzig appartment

In diesem Gebäude wurde am Sonntag der Terrorverdächtige Al-Bakr festgenommen.

Foto: getty / carsten koall

Diese Woche ist eine „Guter-Syrer“-Woche. Das kam überraschend, denn noch am Sonntag befanden wir uns schließlich in einer „Schlechter-Syrer“-Woche. Aber seit Montag macht die Bild mit „Mutige Syrer“ und „Helden-Flüchtlinge“ auf, sie bezeichnet so jene Gruppe von Menschen, die am Sonntag noch „Bombenbauer“ und „Terrorverdächtige“ waren.

Aber jetzt, jetzt explodieren alle vor Syrer-Lob. Die Kanzlerin hat sich bei „dem Mann aus Syrien, der die Polizei über den Aufenthaltsort des Verdächtigen informiert hat“, bedankt. Ein Linken-Politiker fordert, den guten Syrern, die den bösen Syrer überwältigt haben, doch bitte als positives Signal Asyl zu gewähren (Anm.: Da die Männer zu ihrem Schutz anonym bleiben sollen, ist über ihren Aufenthaltsstatus offiziell nichts bekannt). Es gibt Menschen, die wollen, dass ihnen das Bundesverdienstkreuz verliehen wird. Und wir teilten lachend Seitenhiebe in Richtung AfD, Pegida und Co., Seitenhiebe wie diesen hier: "Jetzt nehmen die Syrer der deutschen Polizei schon ihre Arbeit weg“.

Das ist alles gut gemeint. Aber trotzdem nicht alles gut. Natürlich ist Dank angebracht. Heftiger. Diese Menschen haben eine Heldentat vollbracht, für die man gerne auch über das Verdienstkreuz nachdenken soll. Jeder Schauspieler, der lang genug lebt, bekommt schließlich eines.

Beim Rest wird es problematisch. Problematisch, weil es Menschen einer Kosten-Nutzen-Rechnung unterwirft, wenn wir Syrern Asyl anbieten, weil sie Heldentaten vollbringen. Einer Kosten-Nutzen-Rechnung, die hier eben mal positiv ausfällt : Solche Helden-Syrer sind gut für uns, weil sie uns nutzen – was nicht einmal die AfD bestreiten würde. Deutschland findet die guten Syrer aber aus rein egoistischen Gründen mutig und toll: Weil sie uns Deutschen den Arsch gerettet haben. Weil drei syrische Männer in der Nacht von Sonntag auf Montag in Leipzig einen 22-jährigen Terrorverdächtigen überwältigt haben, der ebenfalls syrischer Flüchtling ist, 1,5 Kilo Sprengstoff in seiner Wohnung lagerte und damit vermutlich einen Anschlag geplant hatte.

Ihnen DESHALB Asyl gewähren zu wollen, passiert aber aus den falschen Gründen: Menschen brauchen Asyl, weil ihr Leben in ihrem Heimatland bedroht ist. Weil sie aus politischen Gründen verfolgt werden, oder wegen ihrer sexuellen Orientierung. Weil ihnen Folter droht. Oder weil sie verhungern. Und das muss auch für die Syrer gelten, die aus dem Bombenhagel in ihrem Land fliehen, ohne unsere Terroristen festzusetzen. Alles andere bedient sich derselben Logik wie die rechten Hetzer, nur in der umgekehrten Stoßrichtung: Es beurteilt den einzelnen Asylbewerber nicht zum Beispiel nach Asylgesetzen oder der Genfer Flüchtlingskonvention, sondern nach seinem Wert für unsere Gesellschaft. Nach dem, was er Deutschland bringt, beziehungsweise nicht bringt.

Die einen sagen oft: Asylbewerber, die sich das kleinste Vergehen leisten, sofort abschieben! Und jetzt heißt es: Diese Syrer sind gut, die haben uns geholfen, die sollen bleiben! Kein großer Unterschied, oder?

Es ist aber zweitens problematisch, denn das schwingt ja vor allem in den Internetwitzen mit, die drei Helden-Syrer jetzt zu benutzen, um eine Lanze für alle syrischen Flüchtlinge an sich zu brechen. Wer nicht will, dass eine verschwindend geringe Anzahl an IS-Anhängern unter den syrischen Flüchtlingen instrumentalisiert wird, um strengere Asylgesetze für alle zu fordern, darf dieselbe Logik auch nicht im Guten anwenden.

Es gibt ihn eben nicht, den guten Syrer und den schlechten Syrer. Beziehungsweise: Es gibt viele gute und viele schlechte Syrer. Und sehr viele Graubereich-Syrer. So wie es deutsche Deppen und deutsche Verbrecher und deutsche Supervorzeigebürger gibt und ganz viel dazwischen. Auf die gute Syrer-Woche wird also bald auch wieder eine schlechte-Syrer-Woche folgen. Sich zu erinnern, dass das nicht alles ist, wäre ein guter Anfang.

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