Befreundet mit einem Flüchtling

Unsere Autorin schreibt über ihre Gratwanderung zwischen ehrlichem Interesse und Pflichtgefühl.
Von Mirjam Uhrich

Illustration: Julia Schubert

Eine Nachricht leuchtet auf meinem Smartphone auf. Es ist eine ganz banale Frage: „Was machst du?“ Ich tippe ein paar Buchstaben und lösche sie wieder. Ich weiß nicht, was ich schreiben soll. Dabei wäre es eigentlich ganz einfach: Ich bin im Kino. Oder: Ich trink’ einen Cappucino mit meiner besten Freundin. 

Die Nachricht hat mir Abdou (Name geändert) geschickt. Der 25-Jährige kommt aus dem Senegal. Er ist Flüchtling. Wir haben uns vor ein paar Wochen zufällig kennengelernt, bei einem Abendessen mit Freunden. Es war ein ganz normales Gespräch - über Musik, Studium und seine Heimat. Halb auf Deutsch, halb auf Französisch. Nach dem Essen hat er mich nach meiner Nummer gefragt. Er kennt hier nur wenige Leute. In einer Mischung aus Interesse, Höflichkeit und Pflichtgefühl habe ich sie ihm gegeben. 

Seitdem meldet sich Abdou regelmäßig bei mir. Er fragt nach, wie’s mir geht oder was ich eben so mache. Die Nachrichten sind nett, überhaupt nicht aufdringlich. Trotzdem zögere ich jedes Mal, bevor ich ihm antworte. Was soll ich schreiben? Dass ich gerade mit meiner Familie Kuchen essen? Obwohl ich weiß, dass er sich große Sorgen um seine Geschwister macht? Sie sind auf der Flucht, der Kontakt ist abgerissen. Oder dass ich den Praktikumsplatz bekommen habe? Abdou hat bisher nur Absagen auf seine Bewerbungen bekommen, trotz abgeschlossenen Studiums.

Es ist mir unangenehm, Abdou von meinem Leben zwischen Kino und Kuchen zu schreiben. Dabei interessiert ihn genau das. Wie die Leute hier denken, was sie machen, wie sie leben. Wahrscheinlich sind meine Heile-Welt-Geschichten sogar eine willkommene Abwechslung für ihn. Aber meine Unsicherheit hält mich davon ab. Das ist das eigentliche Problem. Mein Zögern. Nur weil Abdou ein Flüchtling ist. Einem Lukas hätte ich schon längst geantwortet. Ist das auch Rassismus? Eine Art gut gemeinter Rassismus? Der Gedanke erschreckt mich. 

Schnell tippe ich ein paar Worte und klicke auf Senden. Eine banale Antwort, aber die Wahrheit. Abdou reagiert sofort. Er hat viel Zeit, hängt den ganzen Tag in seiner Flüchtlingsunterkunft herum. Viel zu erzählen hat er aber nicht. Nach ein paar Sätzen ist unsere Kommunikation schon wieder vorbei. Vielleicht sollten wir uns auf einen Kaffee treffen, um uns besser kennenzulernen. Nur wer zahlt die Rechnung? Er muss jeden Cent umdrehen. Für mich reißt ein zweites Getränk kein Loch in den Geldbeutel. Ist es trotzdem übergriffig, wenn ich seinen Cappuccino übernehme? 

Es geht nicht nur um den Kaffee. Das nächste Mal ist es der Kino-Eintritt. Oder die Fahrkarte für die S-Bahn. Wir können ja nicht jedes Mal spazieren gehen, nur weil das nichts kostet. Selbst wenn ich Abdou nach Hause einlade, bringe ich ihn in eine unangenehme Situation. Wie soll er sich revanchieren? Mit einer Einladung in die Ein-Zimmer-Wohnung, die er sich mit fünf anderen Flüchtlingen teilt? Können wir überhaupt eine Freundschaft aufbauen? Eine ehrliche Freundschaft auf Augenhöhe? Oder bin ich automatisch die großzügige Gönnerin, die ihm das Leben hier erklärt, und er der hilflose, abhängige Flüchtling? Das kann es doch nicht sein.

Natürlich gibt es Freundschaften zwischen Flüchtlingen und Deutschen, sogar Beziehungen. Die meisten haben sich über Flüchtlingsorganisationen kennengelernt. Es gibt zahlreiche Mentoren- und Patenprogramme, wie welcome, socius oder Ankommen in Leipzig. Paten für Flüchtlinge. Wer dort mitmachen will, muss an einem Auswahlverfahren teilnehmen. 

Das funktioniert wie bei einer Anmeldung für ein Dating-Portal: Flüchtling und Pate füllen einen Fragenkatalog rund um Bildung, Interessen und Alter aus. Nur wenn die Übereinstimmung hoch ist, lernen sich die beiden kennen – mit professioneller Begleitung. 

Mit einer Zufallsbekanntschaft hat das nicht mehr viel zu tun. Abdou und ich haben keine Fragebögen ausgefüllt und auch an keinem Integrationsseminar teilgenommen. Es war ein ganz normales Abendessen bei Bekannten. Können wir deswegen keine Freunde werden? In meiner Unsicherheit frage ich die Organisatoren der Patenschaftsprogramme. Wirklich weiterhelfen können sie mir nicht. Es fallen nur allgemeine Sätze: Wie wichtig ein neutraler Ort für ein erstes Treffen sei, dass ich mich mit Abdou über sein Lieblingsbuch unterhalten soll, aber bloß nicht über seine Flucht. Und immer wieder die Warnung: Missverständnisse seien programmiert. Im Zweifel soll ich mich an eine Beratungsstelle der Asylhelferkreise wenden. 

Missverständnisse? Bisher haben wir uns ganz gut verstanden. Ich weiß nicht, wie mir eine Beratungsstelle helfen sollte. Abdou hat nichts falsch gemacht. Es ist nur meine Unsicherheit, die alles verkompliziert. Aus Sorge, unsere Beziehung könnte in eine Schieflage rutschen. Mit Abdou habe ich deshalb einen Deal: Ich bringe ihm Deutsch bei. Im Gegenzug hilft er mir, mein Französisch zu verbessern. Ein Austausch also. Vielleicht ist das der Beginn einer neuen Freundschaft. 

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