Eine Krankheit namens Langeweile

In unserer Serie fragen wir Wissenschaftler nach Zusammenhängen, die wir nicht verstehen. Heute geht es um das Gegenteil des Burnouts: den Boreout
gianna-carina-gruen

Die Frage:
Das Burnout-Syndrom gilt längst nicht mehr als seltsame Mode-Erscheinung. Es ist als Krankheit gesellschaftlich akzeptiert. Aber wie steht es mit dem Gegenteil des Burnouts – dem Boreout?

Die Antwort...
...suchen wir bei Peter Werder, der gemeinsam mit Philippe Rothlin zwei Bücher zum Thema verfasst hat.  

2007 könnte man als Geburtsjahr des Boreouts ansehen, als die beiden Schweizer Peter Werder und Philippe Rothlin ihr Buch „Diagnose Boreout“ vorstellten. Kurz zusammengefasst lautete ihre Theorie, dass nicht nur Überforderung, sondern auch Unterforderung im Job krank machen kann. Ein Boreout könne die gleichen Symptome auslösen wie ein Burnout auch: Schlafstörungen, Magenbeschwerden – bis hin zu einer ernsthaften Depression.

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Illustration: Julia Schubert



Bereits im selben Jahr wurden die beiden Autoren kritisiert, ihre Theorie gaukele einen Normalfall als Krankheit vor. Dieser Hoax-Vorwurf stammte vom Immunologen Beda Stadler, der für seine provokanten Theorien bekannt ist. „Wir nehmen begründete Einwände sehr ernst, aber Stadlers Randbemerkung ist nichts weiter als eine Einzelmeinung“, entgegnet Werder. Es sei unlogisch und methodisch unsauber, abzustreiten, dass es Betroffene gebe.

Aber auch unter Medizinern war die Theorie umstritten: Wie bei vielen Themen in der Wissenschaft gibt es auch beim Thema Boreout sowohl Experten, die von Patienten mit Boreout berichten, als auch solche, die davor warnen, zu schnell ein neues Krankheitsbild zu definieren. In solchen Situationen hilft dann nur noch, selbst genau hinzuschauen und abzuschätzen, wie plausibel eine Theorie klingt. Immerhin: das Burnout wurde lange auch nicht richtig ernst genommen.

Wer einen Boreout erleidet, dem ist der „Flow“ verloren gegangen: der Zustand des völligen Aufgehens in seiner Tätigkeit. Der ungarische Psychologe Mihaly Csikszentmihaly, emeritierter Professor der Universität Chicago, beschreibt mit dem Begriff die Balance zwischen Anforderungen und Fähigkeiten. Überwiegen die Anforderungen, kommt es zur Überforderung, überwiegen die Fähigkeiten, ist man unterfordert. Weitere Anzeichen für einen drohenden Boreout: das Desinteresse an der Arbeit, das einen einholt, weil man sich nicht mit ihr identifiziert. Und Langeweile und Ratlosigkeit, weil man nicht weiß, was man tun soll, um seiner Situation zu entkommen. Die meisten Betroffenen haben laut Werders und Rothlins Buch bereits versucht, mit ihrem Chef die Situation zu klären, mehr Arbeit zu bekommen – erfolglos. Das führt dann zur Resignation.

Etwas tun die Gelangweilten aber doch. Nämlich Strategien entwickeln, wie sie ihre Unterforderung kaschieren können. Grund dafür ist laut Werder und Rothlin die paradoxe Situation: Betroffene sind einerseits nicht genug gefordert, stehen aber trotzdem unter Druck. Sie müssen zeigen, dass sie gebraucht werden, dass auf ihre Arbeit (und ihren Arbeitsplatz) nicht einfach verzichtet werden kann. Deswegen entwickeln sie Strategien, um beschäftigt zu wirken – anstatt das eigentliche Problem anzugehen. In seinem Buch beschreibt Werder zum Beispiel die „Flachwalzstrategie“, bei der unterforderten Menschen ihre Arbeit auf deutlich längere Zeit verteilen, als eigentlich notwendig wäre. Oder die „Komprimierungsstrategie“: Die Arbeit ist lange vor der Deadline erledigt ist, aber die Boreout-Betroffenen behalten das für sich, um die verbleibende Zeit für private Dinge zu nutzen.

Jetzt könnte man denken: Ist doch eine schöne Vorstellung, bei der Arbeit nichts zu tun. Die Wahrheit sei jedoch eine andere, betonen die Autoren auf ihrer Internetseite: „Das Absitzen von Stunden, in denen man nichts zu tun hat und einfach auf den Feierabend wartet, ist der blanke Horror. Genau diese Unzufriedenheit hält der Arbeitnehmer jedoch – paradoxerweise – mit den Strategien am Leben.“

Allerdings sei Boreout nicht dasselbe wie Faulheit, betonen Werder und Rothlin: „Wer faul ist, will nicht arbeiten, auch wenn man ihn lässt. Wer unterfordert ist, will arbeiten, aber das Unternehmen lässt ihn nicht.“

Dem Boreout zu entkommen oder vorzubeugen ist schwer. Die Autoren sehen Unternehmen in der Verantwortung, durch sinnvolle Mitarbeiterführung Boreout-Fälle zu vermeiden. Denn die gehen meist darauf zurück, dass die Betroffenen im falschen Bereich und nicht gemäß ihren Fähigkeiten eingesetzt werden. Deswegen gibt es für den einzelnen bloß eine Möglichkeit, um dem Boreout zu entkommen: den Job wechseln.


Text: gianna-carina-gruen - Foto: kallejipp / photocase.com

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