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Die Frage
Gibt es einen freien Willen?  

Die Antwort
…suchen wir bei Physiologen wie Benjamin Libet, Neurowissenschaftlern wie Wolf Singer und Philosophen wie Jürgen Habermas.

Was esse ich heute? Nehme ich den neuen Job an oder nicht? Gehe ich am Ende der Straße links oder rechts? Wir treffen laufend kleine und große Entscheidungen. Aber treffen wir sie wirklich selbst? Oder werden wir geleitet, ist da vielleicht etwas Anderes, das bestimmt, wie wir entscheiden? Diesen Fragen ist in den Achtzigerjahren der Physiologe Benjamin Libet nachgegangen. Dazu verkabelte er Versuchspersonen und maß ihre Hirnströme in einem einfachen Experiment: Sie sollten ihr Handgelenk beugen, wann sie das taten, war ihnen selbst überlassen. Sie sollten lediglich darauf achten, wann sie den bewussten Willen verspüren, diese Handlung auszuführen.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert



Insgesamt beobachtete der Forscher so zwei Zeitpunkte: das tatsächliche Ausführen der Handlung und den Zeitpunkt, zu dem der bewusste Wille zur Tat da war. Er maß, dass zwischen diesen zwei Zeitpunkten rund 200 Millisekunden vergingen. Aber Libet fand noch mehr heraus: 300 Millisekunden bevor die Versuchspersonen den bewussten Willen verspürten, zeichneten die Elektroden ein bestimmtes Aktivitätsmuster auf.   Damit begann die Diskussion: Wenn unser Gehirn schon aktiv wird, bevor wir etwas bewusst entscheiden – wozu haben wir dann das Bewusstsein? Bilden wir uns etwa nur ein, wir hätten einen freien Willen, und in Wirklichkeit sind unsere Handlungen bereits durch Gehirnströme vorprogrammiert? Dieser Gedanke behagt uns überhaupt nicht. Fremdbestimmt sein, ein ausführendes Wesen, das irgendwelchen Reaktionen im Gehirn gehorcht – das will niemand.

Spricht man mit Neurobiologen, hört man, der freie Wille sei bloß eine Illusion. Der deutsche Neurowissenschaftler Wolf Singer etwa sieht das so. Das bewusste Überlegen spielt sich in der Großhirnrinde ab, wo komplexe neuronale Netzwerke miteinander kommunizieren; Argumente werden in neuronale Aktivität übersetzt. Bestimmte Verhaltens- und Aktivitätsmuster sind durch unsere bisherigen Erfahrungen vorprogrammiert. Der Wille entstünde demnach aus dem Zusammenspiel verschiedener Nervenzellen. Trotzdem gestehen auch Neurowissenschaftler zu, dass es einen Unterschied gibt zwischen einerseits unserem Reize erkennenden und verarbeitenden Gehirn und andererseits unserem Geist, dem in der Regel das Bewusstsein zugeschrieben wird.

In der Philosophie gibt es viele Deutungsmodelle zu dem Thema (Determinismus, Inkompatibilismus, Kompatibilismus). Der Philosoph Jürgen Habermas nennt als Voraussetzung für freies Handeln die Einsicht. Nur mit ihr könne man überlegen und frei handeln. Damit liegt er eigentlich nah an dem, was der Physiologe Libet selbst als Erklärung in seinem Buch "Mind time" vorgeschlagen hat. Auch wenn unsere bewusste Entscheidung den Handlungsprozess nicht in Gang setzt, so haben wir doch die Möglichkeit bewusst zu entscheiden und zu kontrollieren, ob wir die Handlung auch ausführen – indem wir entweder zulassen oder blockieren. Darin besteht die Freiheit unseres Handelns und die Verantwortung dafür.

Abseits der philosophisch-wissenschaftlichen Debatte arbeiten amerikanische Forscher daran, diese Erkenntnisse praktisch umzusetzen: sie entwickeln ein Bremssystem, das anhand der Gehirnströme den Bremsvorgang einleitet, statt zu warten, bis wir diese Handlung bewusst ausführen.



Text: gianna-carina-gruen - Foto: dpa

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