Die Frage:
Da gab es doch mal diesen Begriff Schwarmintelligenz, der sagt, dass eine Gruppe von Menschen schlauer ist als einzelne Menschen. Aber wie kann es dann sein, dass es trotzdem in einer großen Gruppe Menschen zu einer Massenpanik kommt?  

Die Antwort:
... suchen wir bei Dirk Helbing. Er ist Experte auf dem Gebiet Panikforschung und simuliert so genannte „crowd dynamics“ an der ETH Zürich. Er hat beispielsweise 2007 die Pilgerströme in Mekka neu strukturiert, damit es dort möglichst nicht mehr zu Massenpaniken kommt und niemand mehr totgetrampelt wird.

Er erklärt, wo die Grenzen der Schwarmintelligenz liegen: „Die Weisheit der Vielen funktioniert nur, wenn Menschen unabhängige Entscheidungen treffen. Sobald sich aber Individuen gegenseitig beeinflussen oder der Herdentrieb ins Spiel kommt, wird die Weisheit der Massen beeinträchtigt.“

Okay, denkt man sich. Aber beeinträchtigte Weisheit bedeutet ja nicht automatisch Massenpanik: „Der Begriff der Massenpanik ist oft missverständlich“, sagt Helbing. „Die Katastrophe passiert meist nicht, weil Leute in einen Zustand psychologischer Panik verfallen. Wenn ein solcher Panikzustand auftritt, ist es oft schon zu spät, das heißt, man befindet sich oft schon in einer lebensbedrohlichen Situation. Die Toten sind das Resultat eines physikalischen, nicht eines psychologischen Effekts.“ Deshalb sagen Panikforscher lieber „crowd disaster“ oder Massenunglück, um den Panikbegriff nicht überzustrapazieren.

„Wenn psychologische Angstzustände entstehen, dann als Folge der physikalischen Kräfte, die lebensbedrohlich sein können.“ Dirk Helbing nennt diese Kräfte „crowd turbulences“. Man kann sie sich am besten wie erdbebenartige Wellenbewegungen vorstellen. „Die crowd turbulences waren auch eindeutig die Ursache für das Unglück in Duisburg“, sagt der Forscher.

Aber wieso kommt es zu „crowd turbulences“? Das Phänomen tritt in extrem dichten Menschenmassen auf, weil sich dann Kräfte von Körper zu Körper übertragen summieren können. Man bemerkt sie oft gar nicht, weil die Wellen sich sehr langsam aufbauen. Erkennbar werden sie erst, wenn man Videoaufnahmen in zehnfacher Geschwindigkeit abspult. Weil man sie kaum sehen kann, lässt sich auch nicht vorhersagen, in welche Richtung die Kräfte gehen. Daher kann man leicht das Gleichgewicht verlieren. Wenn man zu Boden stürzt, nimmt das Unglück seinen Lauf.

Auch wenn die Wissenschaft um die Gefahr der turbulenten Wellen weiß – wenn sie auftreten, ist es schon zu spät, sagt Helbing: „Die Masse ist dann nicht mehr kontrollierbar, auch nicht durch Dutzende von Ordnern oder Sicherheitskräften. Keiner kann dann seine Bewegung selber bestimmen. Man wird durch die Masse hin- und hergeworfen. Wenn Leute stürzen, können sich auch die benachbarten Menschen nicht mehr auf den Beinen halten.“

Um einen solchen Dominoeffekt zu vermeiden, die Ursachen zu verstehen und Sicherheitskonzepte zu verbessern, simuliert das Team um Helbing Massenaufkommen.  Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass turbulente Wellen nicht auftreten, solange alle noch einen gewissen Abstand voneinander haben. Sobald aber mindestens sieben Menschen auf einem Quadratmeter zusammengepfercht sind, verhält sich eine Menschenmenge wie eine fließende Masse, hat der amerikanische Verkehrsplaner John Fruin herausgefunden (PDF).

Deshalb plant ein gutes Sicherheitskonzept mehrere voneinander getrennte Zu- und Abflüsse für die Menschenmengen ein und bietet Möglichkeiten, die Dichte an Engstellen zu reduzieren. Die sind nämlich der kritische Punkt: Bei einem zu hohen Besucheraufkommen, also wenn mehr Menschen nachrücken als abfließen, verringert sich der Abfluss an der Engstelle weiter und die Dichte dort nimmt gefährliche Werte an. „Wie beim Zugangstunnel der Loveparade“, sagt Helbing.  

Menschen sind eingeklemmt, bekommen kaum noch Luft und wollen sich aus dieser Situation befreien – dadurch erhöht sich der Druck in der Menge weiter und die Gesamtlage verschlimmert sich noch. „Wenn ein crowd disaster im Gange ist, ist es nur schwer zu stoppen. Die einzige Chance besteht darin, einerseits Leute aus dem Flaschenhals kontrolliert herauszuschleusen und andererseits zu verhindern, dass weitere Menschen nachfließen, um insgesamt den Druck in der Menge zu verringern. Passiert das nicht, nimmt die Katastrophe ihren Lauf.

Das Unglück von Duisburg hätte verhindert werden können, glaubt Helbing. Letztlich habe eine Verkettung von Fehlern zur Katastrophe geführt.

Text: gianna-carina-gruen - Foto: dpa