Was soll dieses Fremdschämen?

In unserer Serie fragen wir Wissenschaftler nach Zusammenhängen, die wir nicht verstehen. Heute geht es um das Erröten vor dem Fernseher
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Die Frage:
Germanys Next Topmodel, DSDS, diverse RTLII-Nachmittagsshows - die Palette an Gelegenheiten zum Fremdschämen ist groß. Wir fragen uns: warum schämen wir uns eigentlich für andere?

Die Antwort...
suchen wir bei dem Psychologen Sören Krach, der in einer Studie zum ersten Mal den Zusammenhang zwischen empathischem Fremdschamgefühl und neuronaler Aktivität hergestellt hat.

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Illustration: Julia Schubert



So lange gibt es das Phänomen noch gar nicht, „seit drei, vier Jahren kursiert der Begriff“, erinnert sich Sören Krach an die ersten Google-Suchen zum Thema. "Aber eigentlich müsste es eher Fremdpeinlichkeit heißen", meint Krach. Scham sei ein länger anhaltendes Gefühl, das man im Kern auf sich selbst beziehe. Peinlichkeit hingegen sei eher situativ, kurz und immer öffentlich. „Wenn man in seiner Küche auf einer Bananenschale ausrutscht, dann bekommt man keinen roten Kopf – wenn einem das in der Öffentlichkeit passiert, dann schon“, erläutert Krach. „Ausschlaggebend ist die Überlegung, was andere von uns in dem Moment denken könnten.“

Fremdscham – oder korrekt: Fremdpeinlichkeit – geht zurück auf unsere Empathie: wir überlegen, wie wir uns selbst an Stelle der Person fühlen würden, die sich da im Fernsehen zum Affen macht. „Wir konnten belegen, dass Personen, die sich selbst als empathisch bezeichnen, auch stärkere Fremdschamgefühle zeigen“, sagt Krach. Das Fremdschamgefühl stellt sich beim Beobachter ein, unabhängig davon, ob der beobachteten Person die Peinlichkeit bewusst war oder nicht. „Man leidet mit der Person mit – egal ob sie nun mit hochroten Kopf bemerkt, dass die Hose offensteht, oder davon nichts mitbekommt."

Bei Sendungen wie Deutschland sucht den Superstar kann sich Fremdscham auch mit Schadenfreude vermischen: „Wenn wir uns hauptsächlich lustig machen über jemanden, ist das eher Schadenfreude“, sagt Krach, „aber auch bei Fremdscham lachen wir manchmal – um das unangenehme Gefühl der Peinlichkeit zunächst zu überwinden.“   Warum man trotzdem hinschaut, obwohl man mit der Person leidet – darauf hat auch Krach keine Antwort. „Ich könnte mir vorstellen, dass man vielleicht den Kitzel dieses unangenehmen Gefühl sucht – allein des Gefühls wegen. Man geht ja auch ins Kino und schaut sich Horrorfilme an, obwohl man sich gruselt und das eigentlich ein unangenehmes Gefühl ist“, vermutet der Psychologe.

Klar ist, dass die individuelle Prägung eine große Rolle spielt: die gleiche Situation muss nicht bei jeder Person Fremdscham auslösen. „Wenn man selbst einen Ferrari fährt, findet man es vermutlich nicht schlimm, einen anderen Ferrarifahrer zu sehen, der mit quietschenden Reifen und röhrendem Motor seine Runden auf einem Platz zieht“, meint Krach, „andere finden das hingegen völlig übertrieben und fragen sich, ob der das wirklich nötig hat.“

Mit Magnetresonanzuntersuchungen haben die Psychologen außerdem betrachtet, welche Hirnregionen beim Fremdschämen aktiv waren: Ein Netzwerk aus anteriorer Insula und anteriorem cingulären Cortex, dem Hirnstamm und dem Kleinhirn. Bisher wusste man nur, dass diese Hirnregionen zusammen aktiv werden, wenn wir Mitleid empfinden, weil wir sehen, wie anderen Schmerz zugefügt wird. „Das heißt aber nicht, dass Fremdschämen das gleiche ist wie Mitleid“, sagt Krach.

In weiteren Studien wollen die Forscher klären, welchen Einfluss die Beziehung der Personen untereinander auf das Fremdschamgefühl hat – ob das Gefühl stärker ist, wenn man eine Peinlichkeit bei einem guten Freund beobachtet als bei einer völlig fremden Person.

Text: gianna-carina-gruen - Foto: Jelka / photocase.com

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