Wissen macht high

In unserer Serie befragen wir Wissenschaftler zu Zusammenhängen, die wir nicht verstehen. Heute geht es um den Antrieb aller Fragenden: die Neugier.
gianna-carina-gruen

Die Frage:
Wieso sind wir neugierig?  

Die Antwort
...suchen wir - überall. Wir sind ja schließlich neugierig.


Wer ist der gutaussehende Mann, mit dem meine beste Freundin da vorne über die Straße läuft? Worüber haben die Kollegen vorhin in der Kaffeeküche getuschelt? Was ist in dem Päckchen, das mein Freund zwischen seinen Socken versteckt hat?

Es geht hier um Neugier, das allen bekannte Gefühl des Wissen-wollens, das die Bloggerin Susanne Reidke in einem ihrer Tweets so umdeutet: „Ich bin gar nicht neugierig; alles will einfach nur von mir gewusst werden.“

Zunächst eine positive wissenschaftliche Nachricht: wir können gar nichts dafür – das „Neugiermotiv“, wie Motivationspsychologen es nennen, ist uns angeboren. Wir können fast nicht anders, als Unbekanntes zumindest mit den Augen, und wenn wir mutig sind, auch mit Händen und allen weiteren Sinnen, zu erkunden. Die Neugier ist uralt, sie ist ein Instinkt, der sich im Laufe der Evolution verfestigt hat. Psychologen benennen Neugier als Verhaltenssystem, das den Menschen seit jeher veranlasst hat, sich neuen, unbekannten und unvertrauten Reizen zuzuwenden und seine Aufmerksamkeit auf sie zu richten.  

Trotzdem: Auch wenn das Neugiermotiv und eine gewisse Grundausstattung an Wissensdrang angeboren sind, sagen Forscher, dass man diesen Drang fördern muss. Eine gewisse „Grundausstattung“ an Neugier ist uns zwar angeboren. Wie ausdauernd wir in unseren Forschungsanstrengungen sind und ob wir Spaß am Erkunden haben, bestimmt die Erziehung der Eltern und der Schule. Davon hängt es ab, ob man nur einmal nachfragt oder auch nach der zwölften Warum?-Frage noch weiter bohrt.

Motivationspsychologen haben ihre Erklärung für Neugier also bereits gefunden. Die Neurowissenschaftler dagegen versuchen seit mehreren Jahrzehnten herauszufinden, was es mit dem „novelty seeking“ auf sich hat. Man weiß, dass das Hormon Dopamin dabei eine Rolle spielt, nur welche, ist noch nicht geklärt. Immerhin weiß man schon einiges über die Zusammenhänge zwischen Neugier und den Vorgängen in unserem Gehirn. Die Neurowissenschaftler Bernd Weber und Michael Cohen von der Universität Bonn fanden 2008 heraus, dass bestimmte Regionen des Gehirns bei neugierigen Menschen stärker vernetzt sind als bei weniger neugierigen Personen. Als neugierig eingestufte Versuchspersonen hatten eine stärker ausgeprägte Verbindung zwischen dem Belohnungszentrum (Striatum) und dem Gedächtniszentrum (Hippocampus). Die Erklärung der beiden Wissenschaftler: Identifiziert das Gedächtnis-Zentrum eine Erfahrung als neu, sendet es ein entsprechendes Signal an das Belohnungs-Zentrum, wo Botenstoffe freigesetzt werden, die für positive Gefühle sorgen.

Diese Erkenntnis passt zu den Beobachtungen eines amerikanischen Forschers, die sich in die schöne Formel „Wissen macht high“ fassen lassen. Sobald wir einen neu erlernten Zusammenhang tatsächlich verstehen, werden im Gehirn körpereigene Opiate freigesetzt, die uns glücklich machen. Der Drang, dieses Hochgefühl zu spüren, motiviert uns immer wieder, Neues kennenzulernen. Und das bringt uns immer wieder in blöde Situationen. Wenn wir nicht wissen, wie viel wir die neue Bekanntschaft fragen dürfen, über die wir eigentlich alles wissen wollen. Wenn wir zu gern sehen wollen, wie es in dem Club ist, der für seine harten Türsteher bekannt ist. Meist sind es ja erst die vermeintlichen Grenzen, die uns neugierig machen, was dahinter liegt.


Text: gianna-carina-gruen - Foto: kallejipp / photocase.com

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