Opa und das Jahr 2014

Was bewegte einen 84-Jährigen dieses Jahr? Hat er Angst vor der Islamisierung des Abendlandes? Und was wünscht er sich vom Internet für 2015? Charlotte hat ihren Opa Gottfried gefragt.
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Illustration: Julia Schubert



Opa, wie fällt dein Resumée des Jahres 2014 aus?
Opa: Hach... also... eigentlich positiv, aber nur, wenn ich mir immer wieder sage, dass alles, was passiert, auch gute Seiten hat. Vieles erscheint einem erstmal negativ, aber wenn man genauer hinschaut, erkennt man auch hinter schlimmen Dingen Positives.

Bei was denn zum Beispiel?
Was der IS tut, ist fürchterlich. Aber wenn es uns zur Besinnung bringt, uns klar macht, dass es sich dabei um einen Irrweg handelt und wir etwas dagegen tun sollten, dann ist das gut. Manchmal muss Negatives entstehen, damit man das Gute wieder erkennt.

Viele behaupten ja, das vergangene Jahr sei gerade im Bezug auf die Anzahl der Kriege besonders schlimm gewesen...
Natürlich haben sich die negativen Nachrichten gehäuft. Das hat aber auch mit der einseitigen Auswahl der Medien zu tun – das etwas gut ist, ist keine Nachricht. Das ist ein ständiger Fluss, der sich selbst verstärkt. Ob es tatsächlich schlimmer war – ich weiß es nicht. Übrigens, in deiner Mail mit möglichen Themen zum Jahresrückblick, hattest du auch Uli Hoeneß' Gang ins Gefängnis erwähnt …

Ja. Was denkst du darüber?
Also von mir aus soll er gehen! Das hat mich nur am Rande beschäftigt und war aus meiner Sicht völlig überbewertet. Er hat einen Fehler gemacht und muss dafür büßen. Punkt.

Was hat dich denn beschäftigt?
Die Ukraine! Die beschäftigt mich auch immer noch und ich befürchte, das Thema bleibt uns kommendes Jahr erhalten. Ich kann dir nicht sagen, wie man es lösen kann – nachgeben oder hart bleiben? Aus meiner Sicht hat Putin sich vergaloppiert und wenn die Ukraine jetzt zur Nato will, kann man ihr das nicht verbieten. Auf der anderen Seite droht Putin jetzt natürlich ein Gesichtsverlust. Vermutlich wäre es das Beste für alle, er träte zurück. Wer dann kommt und ob das besser wäre, weiß man ja aber auch nicht. Die Situation ist vertrackt und wohl das Bedrohlichste des vergangenen Jahres.

Was waren noch wichtige Themen für dich?
Der Umgang der Justiz mit Edathy. Bei Politikern scheint die Unschuldsvermutung ja immer weniger zu gelten. Und die katholische Kirche! Franziskus! Der kündigt immer viele Veränderungen an, will sich am Ende aber nicht so richtig entscheiden. Will er jetzt von den katholischen Grundsätzen weg oder nicht? Er muss sich mal aufraffen und sich auch überlegen, was von den vielen Ankündigungen er auch umsetzen kann.

Wart ihr denn dieses Jahr Weihnachten überhaupt noch in der Kirche?
Nö! Für deine Oma ist es dort zu kalt. Und ich kann dort auch nicht mehr sitzen, ohne dass mir zu viele Dinge im Hinterkopf umherschwirren. Viele meiner Fragen werden dort nicht mehr beantwortet. Natürlich wäre es trotzdem gut, dann die Diskussion zu suchen und sich auch mit den vielen anderen Religionen auseinanderzusetzen, die mittlerweile mitreden wollen. Aber alleine habe ich da nicht so viel Lust zu. 

Apropos Islam: Wie findest du denn die PEGIDA-Bewegung, die ja momentan viel diskutiert wird?
Sie genießt eine unangebrachte Aufmerksamkeit. Sie weiß doch selbst nicht mal, was sie will. Wenn man, wie die Mitdemonstranten von PEGIDA, Leute zum Umdenken auffordern will, dann muss man auch selbst mitdiskutieren und darf sich nicht allen kritischen Fragen direkt verschließen. Das gilt auch für die AfD, die vergangenes Jahr ja viel diskutiert wurde. Aus meiner Sicht sind das Protestbewegungen, die sich nicht verfestigen werden.

Hast du denn Angst vor der Islamisierung des Abendlandes?
Nö! Natürlich sollen auch Muslime unsere Gesetze einhalten und wir müssen darauf bestehen, dass unsere christlichen Werte auch von ihnen geachtet werden. Aber dass jetzt angeblich bald Weihnachten abgeschafft werden soll und sowas ist übertriebene Angstmache. Auch hier gilt wieder: Man muss das Positive sehen. Wenn den Menschen darüber wieder einfällt, dass Ihnen das Christentum wichtig ist, dann sollen sie sich halt dafür einsetzen.

2014 war auch das Jahr der letzten „Wetten, dass...?“-Sendung. Trauerst du dem Konzept hinterher?
Das hat mich nicht so beschäftigt. Ich glaube aber nicht, dass das so sehr Markus Lanz' Schuld war – das Konzept der Sendung hatte sich einfach überholt. Was da passiert ist, ist symptomatisch fürs Fernsehen: Man kann einfach keine Familien mehr mit solchen Sendungen vor dem Fernseher vereinigen. Vielleicht übernimmt diese Funktion ja zukünftig das Kino?

Aber im Kino reden die Menschen ja kaum miteinander. Zukünftig trifft man sich wohl eher, um privat Filme zu schauen, übers Internet geht das ja schnell.
Am Internet ärgert mich momentan häufig, dass ich das Gefühl habe, die Entwickler denken da nicht so sehr an die Alten. Ständig wird die Gestaltung der Internetseiten geändert und oft frage ich mich: War das jetzt wirklich so notwendig? Oft habe ich mir gerade gemerkt, wo ich mein Passwort eingeben muss und dann ist es beim nächsten Mal wieder verändert. Da würde ich mir wünschen, dass diese Entwicklungen zukünftig langsamer kommen.

Wir hatten neulich einen Text darüber, dass Weihnachten für junge Menschen auch immer ein bisschen Interneterklärzeit für die Eltern ist – weil man dann mal zuhause ist und Zeit hat. Siehst du das auch so?
Ja, ich musste vorhin auch deine Vater bitten, mir zu helfen die Weihnachtsfotos auf dem Bildschirm zu öffnen, die du gemailt hattest. Bis er dann kam, hatte ich es aber selbst hinbekommen – sind übrigens schöne Fotos. Aber mit den heutigen Kameras kann man wohl kaum noch schlechte machen, hm? Das ist zumindest schwieriger geworden.

Gibt es denn noch etwas, dass du dir für 2015 wünschst – außer langsamer entwickeltes Internet?
Mehr Gelassenheit – für alle. Es ist nicht immer alles schwarz-weiß, auch wenn ich manchmal gerne so tue. Daran sollte man sich immer wieder erinnern.

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