Eiskaltes Brennen

Ein längst toter Säufer, der von den Rändern seines Bewusstseins peinigend schöne Melodien mitbrachte, ein Sommerhit in ganz anders und die Gitarre von Daft Punk - ergibt: fünf Songs fürs Wochenende.
jakob-biazza

Casper – Im Ascheregen  

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Bei den Codes hat sich in den letzten Jahren besonders viel getan. Pop-Musik ohne Codes, das geht nicht. Die Codes zeigen, wo ein Künstler steht, wie er hofft, wahrgenommen zu werden. Rap: Straße vs. Uni. Rock: breitbeinig vs. indie. Pop: Plastik vs. echt. Glaubwürdigkeit, Coolness, Authentizität, Leidenschaft: alles verschlüsselt durch (Sound)Ästhetik, Stil, Kleidung, Habitus, Metaphern. Beim Rap war es bislang oft das Kompetitive. Die Musik gewann ihre (demokratische) Kraft lange auch durch den Wettstreit, durch Penisprotzereien und Großmannssucht. Eigentlich schrecklich, aber eben auch tradiert und wirkungsmächtig. Hip-Hop und tieferes Gefühl: das ging für mich lange nicht zusammen. Wenn Rap zu gefühlig wurde, musste ich immer an Cappuccino denken – das Getränk und den MC. Deshalb habe ich mir mit Caspers „XOXO“ anfangs schwer getan. Gut also, dass sich bei den Codes was getan hat: „Emo-Rapper“ – eine Schmähung ist das nicht mehr. Rap und große Gefühls-Parade, das geht – auch für mich jetzt – gut zusammen. Und man muss mal sagen: Die Zeile „Müde mit nem Plan und nem Ziel“ ist schon sehr schön. Wirklich sensationell ist aber ein Rapper, der einfach mal knapp zwei Minuten lang die Klappe hält für die Musik.

TV on the Radio – Mercy  

http://soundcloud.com/federalprismrecs/mercy-tv-on-the-radio

Sind Schwarz und Weiß denn Konzepte, die in der amerikanischen Pop- und Rockkultur wirklich noch Relevanz haben? Das ist jetzt mal keine rhetorische Frage, sondern echte Verunsicherung. Kanye Wests jüngst veröffentlichtes Album „Yeezus“ erweckt mit Songs wie „New Slaves“ zum Beispiel unbedingt den Eindruck, Rassendiskriminierung sei auch weiterhin ein Thema, das zum Beispiel Armut an Wichtigkeit locker in den Schatten stellt. Und wer Artikel zu den großartigen TV on the Radio liest, stößt auch dort immer wieder auf Autoren, die betonen, wie selten „schwarze“ Rockmusik (also Rockmusik von Schwarzen) noch immer sei. Das kann natürlich rein empirisch gemeint sein – oder eben sehr komisch wirken. Deshalb: Sag doch mal, was du dazu denkst. Und hör dir währenddessen unbedingt „Mercy“ an, das erste Lebenszeichen der Band seit Bassist Gerard Smith 2011 an Lungenkrebs gestorben ist. Allein die Zeile „It burns so cold!“ ist einfach maximalverdichtete Wortmacht, die das Blut heißsiedend in den Adern gefrieren lässt.     

Harry Nilsson – One  

 

Möglicherweise sind es die lavalampenartigen Bewegungen der Tänzerin im Video, die den so verwirrenden Widerstreit erzeugen: „The Redwing“ ist ja eigentlich ein durchaus fiebriger zuckender und mächtig rumpelnder Electro-Brummer. Gleichzeitig haben die Fuck-Button-Protagonisten Benjamin John Power und Andrew Hung aber auch den perfekten Soundtrack für den bullenheißen Sommer geschrieben: das ostentative Bassthema, das durch geschmolzenen Teer zu waten scheint, darüber das hitzeflirrenden Synthie-Geschwirr. Hochsommer unter Hochdruck ist das – bis hintenraus alles noch größer und größer wird, das Dach wegsprengt und davonschwebt.    

Nile Rodgers  

http://www.youtube.com/watch?v=WmYSf52bncc[/link]  

Das läuft jetzt freilich unter etwas angestrengter Altenpflege. Oder schlimmer noch: unter bemühter Musikpädagogik. Aber egal! Nachdem Daft Punks „Random Access Memories“ vermutlich in einigen Jahresbestenlisten vordere Plätze belegen wird, ist es doch legitim, (noch) mal einen längeren Blick auf den prägenden Gitarrensound das Albums zu werfen: Nile Rodgers, der viele der markanten Licks rausgeschlenzt hat, ist ein Faszinosum: Streng genommen hat er, der Disco ja quasi im Alleingang geprägt hat, jahrzehntelang ziemlich genau eine Gitarrenfigur für verschiedene Künstler wie Diana Ross, Chic oder Sister Sledge im Dauer-Recycling wiederverwendet. Aber seine federnden Stratocaster-Hackereien sind auf nicht ganz verständliche Art trotzdem immer so catchy, dass Fragen nach Coolness und Attitüde seltsam kleingeistig wirken. Ach so: Im Windschatten des Daft-Punk-Erfolgs hat er gerade wieder mal eine Compilation veröffentlicht, auf der sein ganzer alter Kram ein weiteres Mal drauf ist – „Le Freak“, „Upside Down“, „We Are Family“. Brauchen tut das Album keiner. Es sei denn, man hat gar nichts von ihm.

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