"Eine große Party wäre schön": Zu Besuch in einem Gipfel-Camp

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Veronika, 17, aus München, sitzt auf einer Bank vor einer der Großküchen. Sie hat vier Kisten mit Kopfsalat vor sich. Neben ihr ist eine Station zum Händewaschen mit Wasserkanistern und der Aufforderung: „Wash hands!“

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Illustration: Julia Schubert

Was machst du gerade? Ich putze Salat für das Mittagessen. Ich bin ziemlich abgebrannt und hoffe, dass ich mir so mein Mittagessen verdienen kann. Warum bist du hier? Sobald klar war, dass der nächste G8-Gipfel in Deutschland sein würde, haben meine Freunde und ich beschlossen, dass wir auf jeden Fall hinfahren wollen. Die Proteste in Seattle 1999 haben die Welt verändert und vielleicht ist das hier ja auch möglich. Was wünscht du dir für die nächsten Tage? Eine große Party wäre schön. Gewaltfreien Protest. Auch wenn ich daran nicht glaube. Es wird bestimmt weiter gehen, jetzt wo alles schon so aufgeheizt ist. Du bist am Samstag selbst im schwarzen Block mitgelaufen. Trotzdem hoffst du, dass es friedlich bleibt? Ich bin nicht von Natur aus aggressiv, aber ich werde es, wenn ich sehe, wie meine Freunde zusammengeschlagen werden. Im schwarzen Block gefällt mir die Anonymität, ich bin da nicht in erster Linie, um mich zu prügeln. Am Samstag bin ich ganz schnell weggelaufen, als die Bullen kamen.

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Illustration: Julia Schubert

Becca, 24, aus Manchester, steht in einem Zirkuszelt, in dem Kissen, Felle und Decken liegen. „Do you want a cup of tea?“ Sie lädt die, die vorbei kommen ein, sich in der „chill-out Zone“ zu entspannen. Wie findest du das Camp? Wie alle zusammenarbeiten, das ist toll, alles funktioniert freiwillig. Es finden sich Leute zum Abwaschen, Müll entsorgen und Toiletten saubermachen. Ziemlich entäuscht bin ich davon, wie die Proteste bisher abgelaufen sind. Ich verstehe, dass die Leute wütend sind, aber ich glaube nicht, dass man mit Gewalt etwas erreichen kann. Seit wann bist du politisch aktiv? Vor dem Studium war ich ein Jahr lang in Mozambique. Ich habe mit Straßenkindern gearbeitet und erstaunliche Leute getroffen. Danach wollte ich mich weiter engagieren. Und hier zu sein, ist auch ein Teil davon. Von was für einer Organisation kommst du? Ich bin vom speak-network, das ist eine christliche Organisation. Bei den G8-Protesten versuchen wir zu vermitteln. Ich bin Mediatorin, ich rede immerzu von Frieden und Gewaltfreiheit. Wir haben Polizisten und Leuten aus dem schwarzen Block rote Herzen angeheftet. Auch dieses Zelt soll beruhigend wirken. Leute können sich entspannen und darüber reden, was sie erlebt haben. Gehst du auch zu den Blockaden? Ja, ich werde mich auch auf die Straße setzen. Dann aber mit einem weißen Hemd und Flügeln, als Engel verkleidet.

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Illustration: Julia Schubert

Julian, 24, aus Bremen sitzt vor dem zentralen Infopunkt und liest in einem Flugblatt. Bist du alleine hier? Nein, mit Freunden, wir wohnen im Bremen Barrio, dem Campabschnitt, in dem die Demonstranten aus Bremen untergebracht sind. Kannst du nach den ersten Tagen hier ein Fazit ziehen? Es lohnt sich, dafür die Uni zu schwänzen. Ich habe gute Leute getroffen und werde auf jeden Fall etwas mit nach Hause nehmen. Was man erst merkt, wenn man eine Weile hier ist: Es ist gut, dass die Leute alle aus unterschiedlichen Richtungen kommen, die einen eher aus der sozialen, die anderen aus der ökologischen Ecke. So hört man mal was Neues, nicht immer die gleichen Argumente. Diesen Informationsaustausch müsste man eigentlich viel mehr öffentlich machen. Gelungen fand ich auch das Aktionstraining für die Sitzblockaden. Wir haben geübt uns mit Armen und Beinen zu verkeilen. Das war ein Rollenspiel, wir sind abwechselnd in die Rollen von Demonstranten und Polizisten geschlüpft, um zu sehen, wie das ist. Ich war erstaunt, wie leicht man mit ein paar Leuten eine Versammlung von vielen auflösen kann. Warum bist du bei den Sitzblockaden dabei? Wir können in den nächsten Tagen hier keine Politik machen. Aber das machen die Politiker auf dem Gipfel auch nicht. Die sitzen in Heiligendamm um zu symbolisieren: Wir tun was, um die Probleme der Welt zu lösen. Wir dagegen sitzen auf der Straße und antworten: Wir haben euch durchschaut, wir glauben euch nicht. Ändert etwas.

Text: anke-luebbert - Fotos: anke-luebbert

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